Neu im Kino

„Bohnenstange“: Die Liebe in Zeiten des Kriegs

Dieser Film erzählt aus weiblicher Sicht von Kindstod, Leihmutterschaft und dem Verlust der Unschuld am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Verloren in einem Versehrtenkrankenhaus im Leningrad des Jahres 1945: Iya (Viktoria Miroshnichenko).

Verloren in einem Versehrtenkrankenhaus im Leningrad des Jahres 1945: Iya (Viktoria Miroshnichenko).

Foto: Eksystent

Ein schweres Atmen, ein Röcheln, ein stetes Klopfen. Die Welt steht still – zumindest für Iya (Viktoria Miroshnichenko), wenn sie wieder eine ihrer Anfälle von Schockstarre hat. Deretwegen ist die einstige Rote-Armee-Soldatin im Leningrad des Jahres 1945 von der Front abgezogen worden. Deretwegen versieht die hagere Blondine, die von allen nur „Bohnenstange“ gerufen wird, nun im Versehrtenkrankenhaus ihren Dienst am Vaterland.

Und deretwegen – ja, so viel muss verraten werden, denn es passiert früh und heftig und gnadenlos – wird der kleine Junge Pashka (Timofey Glazkov) sterben, weil er erstickt unter der schockstarren Iya, als sie ihn umarmt, derweil seine Arme hilflos in der Luft rudern, bis auch sie erstarren.

Dieser Tod aus einer Umarmung heraus: Nichts könnte deutlicher die verzweifelte Lage der Menschen am Ende eines furchtbaren Krieges beschreiben, für die der junge russische Regisseur Kantemir Balagov in seinem herausragenden Zweitwerk „Bohnenstange“ so erbarmungslose wie leichtfüßige, so eindringliche wie nahezu beiläufige Bilder gefunden hat. Voller Liebe und doch mit großer Gnadenlosigkeit erzählt er von einer Welt in Schockstarre.

„Bohnenstange“: der Trailer zum Film

Alles steht, alles bleibt: Der Hunger, die Armut, das Leiden der Körper. Iya setzt einem vom Hals abwärts gelähmten Veteranen die Todesspritze und haucht ihm den Rauch seiner letzten Zigarette in den sterbenden Mund. In einer besonders eindringlichen Szene imitieren die Versehrten vor den Augen des kleinen Pashka in einem Scharade-Spiel verschiedene Tierlaute.

Eine Schuld und ihr Tribut

Diesen Abstieg vom Menschen zum Tier kann der kleine Junge nicht nachvollziehen. Am Ende des Krieges und der Zivilisation stirbt mit ihm dann auch kurze Zeit später die Unschuld.

Sein Tod löst das Drama des Films aus. Denn Iya ist gar nicht Pashkas Mutter, vielmehr hat sie ihn nur zur Pflege übernommen, während seine wahre Mutter Masha (Vasilisa Perelygina) noch an der Front weilt. Bei ihrer Rückkehr fordert sie von Iya Tribut für den toten Sohn. Iya soll sich vom desillusionierten Arzt Nikolay Ivanovich (Andrey Bykov) schwängern lassen und das Kind an Masha übergeben, die wegen einer schweren Kriegsverletzung mittlerweile unfruchtbar geworden ist.

Kriegsdrama aus weiblicher Sicht

Ein Leihmutter-Deal, der natürlich nicht sofort funktioniert. Weil mit dem reichen Sasha (Igor Shirokov) Mashas penetranter Verehrer stets im Weg ist. Weil die verwundeten Körper nicht so wollen, wie es der Geist befiehlt. Und weil die Liebe zwischen den beiden Frauen selbst hoch kompliziert ist. Es geht um Macht, Schuld und Entbehrung zwischen der cleveren Treiberin Masha und der zurückhaltend-klugen Iya.

Es ist einfach alles kompliziert in diesem aus weiblicher Perspektive erzählten Kriegsfilm mit seinen steten Handlungswendungen und Schwerpunktverlagerungen – von der Kindstod-Tragödie zum Leihmutter-Drama, vom Kriegsfolgen-Melodram bis zur bitteren Gesellschaftsstudie, wenn sich Sashas Mutter als hohes Militär entpuppt, das meint, die an Leib und Seele leidenden Soldaten mit dürren Hilfspaketen und warmen Worten aufmuntern zu können

Ein starkes Stück Kino

Nein, so sieht kein Land der Sieger aus. Dieser Leningrader Nachkriegs-Winter ist ein grau-brauner Brei im Retro-Sepialook, in dem lediglich ein grünes Kleid, ein grüner Klecks oder Mashas zuweilen auftretendes Nasenbluten Farbe ins Leben bringen.

„Bohnenstange“, von Russland 2020 ins Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film geschickt, erzählt eindringlich, intensiv und schonungslos vom Verlust der Menschlichkeit und der in jedem Sinne inneren Leere. Der Film ist dabei nicht bleiern schwer, sondern auch dank sehr überzeugender Schauspieler ein verdammt starkes Stück Kino. 137 Minuten, die einen am Ende gebannt zurücklassen. Ohne Atem, sprachlos.

Kriegsdrama Russland 2019, 137 min., von Kantemir Balagov, mit Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov