Star-Interview

Moritz Bleibtreu: „Dann musste ich es halt machen“

Der Schauspieler legt sein Regiedebüt vor. Und erzählt, welche Zweifel er dabei hatte und dass er erst gar nicht mitspielen wollte.

Zehn Jahre hat er mit seinem ersten Regie-Film gerungen. Dann hat Schauspieler Moritz Bleibtreu ihn endlich realisiert.

Zehn Jahre hat er mit seinem ersten Regie-Film gerungen. Dann hat Schauspieler Moritz Bleibtreu ihn endlich realisiert.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Er sei gerade „richtig im Sack“, wie sich Moritz Bleibtreu zur Begrüßung entschuldigt. Die letzten Drehtage für die Serie „Blackout“ stehen an. Davor musste er kräftig für den Film „Cortex“ werben. Das aber ist ihm eine Herzensangelegenheit: Denn der Thriller, der am 22. Oktober in die Kinos kommt, ist das lang angekündigte Regiedebüt des Schauspielers. Und es sieht sich so bildstark und stilsicher an, als habe der 49-Jährige nie etwas anderes getan, als zu inszenieren. Dabei berichtet uns Bleibtreu im persönlichen Gespräch im Hyatt-Hotel von den Zweifeln, die ihn befallen haben. Und dass er für sein Regiedebüt erst gar nicht selbst vor der Kamera stehen wollte.

Berliner Morgenpost: Herr Bleibtreu, „Cortex“ ist Ihr Regiedebüt. Wie lange gingen Sie damit schwanger, einmal hinter die Kamera zu wechseln?

Moritz Bleibtreu: Eigentlich habe ich das immer schon mit mir herumgetragen, seit frühester Jugend. Durch die Schauspielerei aber, die ja die Mitte von allem ist, bin ich nicht richtig dazu gekommen. Ich habe nie Zeit gefunden, habe mich aber irgendwann an der Idee festgebissen, dass ich das jetzt mal angehe, einen Film zu inszenieren. Aber vor allem: ihn auch zu schreiben. Die Regie war eigentlich nur der verlängerte Arm. Ein Mittel, um eine Geschichte zu erzählen, die ich mir selber ausgedacht habe.

Sie haben davor schon begonnen, Filme zu produzieren. War das ein erster Schritt in diese Richtung?

Nein, das ist eher dem Zufall geschuldet. Die Firma haben wir 2015 gegründet, um damit die Filme zu produzieren, die ich machen will. Uns ist damals „Nur Gott wird mich richten“ vor die Füße gefallen, weil sich der Produzent meinen kreativen Input über die Schauspielerei hinaus gewünscht hat. Danach kam „Familiye“. Ich habe währenddessen immer geschrieben. Hatte aber auch Momente, wo ich dachte, das wird doch nichts. Aber dann kam irgendwann das Warner-Studio ins Spiel und fand mein Buch gut. Und dann musste ich es halt machen.

Sie haben zehn Jahre am Film gesessen. Warum dauerte das so lange? Wollten Sie ganz sicher sein, dass Sie so weit sind?

Über das deutsche Filmsystem muss ich noch viel lernen. Die Subventionierung läuft so, dass Gelder zu einem bestimmten Moment verteilt werden, die Bücher also zu einem bestimmten Zeitpunkt eingereicht werden müssen. Anders etwa als in den USA, wo das ein rein privates Geschäft ist. Das hat es für mich schwer gemacht, weil es oft nicht zu koordinieren war, wenn ich gedreht habe. Schreiben und spielen gleichzeitig, das geht nicht, das kann ich nicht. Deshalb hat es ein bisschen gedauert.

Wie kamen Sie auf Ihre Geschichte? Sie ist ja sehr komplex und nicht das Naheliegendste für ein Debütfilm.

Das werde ich gerade ganz oft gefragt. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung! Das ist das Tolle am Schreiben, dass es dich irgendwo hinträgt. Alles fing damit an, dass ich gern mal einen dramatischen Bodyswitch-Film sehen wollte. Dass zwei Menschen ihre Körper tauschen, ist zwar als Genre etabliert, aber das gibt es nur in lustig, als Komödie. Obwohl das doch hochdramatisch ist, mit hohem Identifikationswert. Denn ich glaube, viele wollen vielleicht nicht die sein, die sie sind. So hat sich die Idee entsponnen, dass einer so lange von einem anderen träumt, bis er zu ihm wird.

Gilt das auch für Sie selbst? Dass Sie lieber ein anderer wären?

Ich kann das glücklicherweise im Beruf ausleben. Große Teile meines Lebens verwende ich darauf, ein anderer zu sein. Oder zu tun als ob. Aber viele sind auch Schauspieler, um nicht sie selbst sein zu müssen, um vor sich selbst zu fliehen. Wie groß diese Realitätsflucht ist, das ist die Frage. Ich gehe damit sehr spielerisch um. Aber meine Mutter etwa, die brauchte den Beruf als Notwendigkeit. Weil sie oft nicht ausgehalten hat, sie selbst zu sein. Die Grenze zwischen Begabung und Neurose ist ein zartes Band. Genau darum geht es in „Cortex“: Du bist immer das, was du vorgibst zu sein. Deshalb musst du sehr vorsichtig sein mit dem, was du vorgibst. Ein Paradox, das mich immer wieder fasziniert. Ich frage mich bei vielen Menschen, ob sie wirklich die sind, die sie sein wollen. Ich nenn’ jetzt keine Namen.

Genrekino spielt im deutschen Film nur ein Schattendasein. Ist das eine Art Kino, die Sie gern öfter sehen würden?

Ich tu’ mich immer schwer mit Einordnungen. „Cortex“ ist sicher ein Genrefilm, aber auch Arthousekino. Die Filme, die ich selber als Zuschauer am meisten liebe, sind die, die sich in der Mitte von beiden befinden. Filme, die man nicht einfach so wegstecken kann, sondern eine Weile mit sich herumträgt, die was machen mit einem. Solche Filme werden im Kino leider immer seltener. Jetzt habe ich mit „Cortex“ genau so einen Film gemacht. Wir trauen uns eine Bildsprache und Stilisierung, die ich im deutschen Kino leider nicht oft sehe.

Und wie kam der Regisseur Bleibtreu dabei mit dem Schauspieler Bleibtreu aus?

Das war das Problem! Der Regisseur, vor allem aber der Autor Bleibtreu wollte den Schauspieler Bleibtreu gar nicht haben. Ich habe das geschrieben, ohne jemanden im Sinn zu haben. Das würde ich so wohl auch nicht mehr tun. Ich habe erst danach jemanden für die Rolle gesucht. Aber in dem Moment, als das Okay kam, musste ich ziemlich schnell drehen. Und die zwei, drei Schauspieler, die ich mir hätte vorstellen können, hatten keine Zeit. Da dachte ich, bevor ich bei so einer komplexen Produktion eine Entscheidung treffe, die ich vielleicht bereue, lasse ich mir lieber vorwerfen, dass ich mich selbst besetzt habe.

Schauspielern, die Regie führen, wirft man ja gerne vor, dass sie sich nur selbst in Szene setzen wollen. Ihnen wäre es lieber gewesen, nicht mitzuspielen?

Absolut. Hätte ich jemanden gefunden, wäre ich echt froh gewesen. Aber man muss auch sagen: Was wir in den letzten 30 Jahren an Star-Landschaft auf die Beine gestellt haben, ist traurig. In Deutschland bist du ziemlich schnell durch. Wenn die nicht vom Typ passen oder keine Zeit haben, hast du echt ein Problem. Aber einen Star brauchst du, du willst ja, dass dein Film geguckt wird. Als ich mich dann entschloss, es selber zu spielen, war das auch eine große Hilfe. Weil der Hauptdarsteller von Anfang an im Stoff steckte. Unsere Produzenten waren auch nicht ganz unbegeistert.

Wie schwer ist es zu spielen, wenn man gleichzeitig den ganzen Dreh im Auge behalten muss?

Beides auf einmal hätte ich nicht gepackt. In dem Moment, in dem ich gespielt habe, habe ich die Regie an meinen Kameramann Thomas W. Kiennast abgegeben. Dem habe ich blind vertraut, da habe ich auch nicht mehr draufgeschaut.

„Cortex“ ist fettes Kino, für die große Leinwand gemacht. Gleichwohl streamen jetzt alle nur noch bei Netflix & Co. Ist es schon altmodisch, fürs Kino zu drehen?

Nein. Es ist nur leider so, dass Kino, wie auch schon andere Medien davor, Radio, Theater, Oper, immer mehr ihren Platz in der Gesellschaft einbüßen. Das bedeutet nicht notwendig, dass sie verschwinden. Aber sie haben dann nicht mehr die Bedeutung, die sie mal genossen haben. Das Kino ist jetzt auch soweit. Das ist schade. Weil es immer noch ein Raum war, wo die Menschen zusammengekommen sind. Aber es macht keinen Sinn, darüber zu weinen: Es ist halt so. Im Kino werden wir wohl bald nur noch die ganz großen Unterhaltungsfilme haben (wenn wir denn je wieder Blockbuster erleben, wo Menschen für einen Film wirklich dicht gedrängt um den Block Schlange stehen), und ein ausgewähltes Kunstkino mit noch kleineren Budgets als heute schon. Gerade Filme wie „Cortex“, die genau in der Mitte stehen, werden dabei als erste verschwinden und in die Plattformen abwandern.

Denken Sie, das Kino wird Corona überhaupt überleben? Die Pandemie hat die Entwicklung, zu den Streamingdiensten abzuwandern, ja noch beschleunigt.

Ich habe gerade die erste Filmpremiere meines Lebens in einem ziemlich leeren Kino erlebt. Ich durfte noch froh sein, ich konnte den Film immerhin zeigen! Aber das war schon sehr traurig. Da bricht mir das Herz. Mit einer Auslastung von nur einem Drittel kann sich kein Kino über Wasser halten. Und die Verleiher sitzen auf tollen Filmen, die seit Monaten darauf warten, gesehen zu werden. Eins ist sicher: Wenn sich in den nächsten Monaten nicht etwas radikal ändert, dann wird die Hälfte aller Kinos schließen. Ich frage mich, ob wir alle noch nicht realisiert haben, was da auf uns zurollt. Das gilt nicht nur im Kinobereich, sondern für ganz viele Wirtschaftszweige. Da wird sich ganz schnell etwas ändern müssen.