Neu im Kino

„Oeconomia“: Ein Film erklärt, wie Geld funktioniert

Diese Filmdoku behandelt die Frage, wie Geld entsteht und was daraus folgt. Die überraschende Lehre: Im Zentrum steht der Schuldner.

Banken bestehen vielfach aus Männern in Hochhäusern.

Banken bestehen vielfach aus Männern in Hochhäusern.

Foto: Neue Visionen

Das Carmen Losmanns sehenswerter Dokumentarfilm ausgerechnet jetzt in die Kinos kommt, kann man als Ironie des Schicksals bezeichnen. In Gestalt von massiven Kreditausfällen hat die Corona-Pandemie auch die Finanzbranche erreicht – auch hier herrscht vorerst der Ausnahmezustand. „Oeconomia“ versucht die Gesetzmäßigkeiten des Bankenwesens unter normalen Bedingungen durchleuchten. Wie sich herausstellt, sind diese schon verrückt genug.

In der Wirtschaft kann man die simpelsten Fragen stellen und wird darauf die kompliziertesten Antworten erhalten: Wie entsteht eigentlich Geld? Woher kommen Schulden? Was ist eigentlich Wachstum? Und was passiert, wenn es ausbleibt?

Geld ist kein fossiler Rohstoff

Die Regisseurin hat sich in Teilen für die Form der „desktop documentary“ entschieden, die seit Kevin B. Lees „Transformers – The Prequel“ (2014) Erfolge feiert. Zu sehen ist die Oberfläche eines Laptops, auf dem sich grafische Animationen öffnen oder bestimmte Fragestellungen hingetippt werden – ein Verfahren, das nicht nur in eine Zeit der Dauerpräsenz an den Bildschirmen passt, sondern auf einer zweiten Ebene auch die Entstehung der Dokumentation mitverhandelt.

„Oeconomia“: der Trailer zum Film

Über den Kapitalismus sind einige irrige Vorstellungen im Umlauf, die Carmen Losmann im Gespräch mit Chefökonomen und anderen Akteuren der Finanzwelt ins Wanken bringt. Zum Beispiel die, es gebe eine feste Geldmenge, die zirkuliert.

Hartnäckiges Nachfragen, beleidigende Reaktionen

Geld ist aber kein fossiler Rohstoff mit endlichen Reserven. Es wird von Banken erzeugt, es wird durch Kreditauszahlung geschöpft. Dieser Sachverhalt steht am Beginn vieler Folgefragen, die alle auf das Wesen des kapitalistischen Systems zielen.

Die Wirtschaft wächst, wenn Kredite vergeben werden. Umgekehrt werden Kredite vergeben, wenn die Wirtschaft wächst. Daraus folgt, dass der Schuldner im Zentrum der Wachstumslogik steht: „Der Schuldner ermöglicht den Profit und den Vermögenszuwachs der anderen“, heißt es. Was dieses System am Laufen hält, wann es kollabieren könnte: Das kann Carmen Losmann von keinem ihrer Gesprächspartner in Erfahrung bringen, trotz hartnäckiger Nachfragen und teils beleidigender Reaktionen, die gern auch mal das Sexistische streifen. Niemand weiß es. Das ist sehr beunruhigend.

Dokumentarfilm D 2020, 89 min., von Carmen Losmann