Neu im Kino

„Der geheime Garten“: Fantasy erdrückt Fantasie – leider

Ein wenig Magie könnten wir in diesen Corona-Tagen gut gebrauchen. Der Kinozauber „Der geheime Garten“ löst das aber nur zum Teil ein.

Die zehnjährige Mary (Dixie Egerickx) im geheimen Garten. Der Film startet an diesem Donnerstag im Kino.

Die zehnjährige Mary (Dixie Egerickx) im geheimen Garten. Der Film startet an diesem Donnerstag im Kino.

Foto: Studiocanal

In sorgenvollen Zeiten wächst der Wunsch nach Eskapismus und Weltenflucht, um den Nöten des Alltags zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Das Kino hat es sich als selbst ernannte Traumfabrik von jeher zur Aufgabe gemacht, dieses Bedürfnis zu bedienen. Und dabei ein ganz eigenes Genre entwickelt: den Fantasy-Film. Auch jetzt, in Corona-Zeiten, möchte man im Kino nicht unbedingt allerschwerste Seelendramen sehen, schon gar keine Katastrophenfilme (auch wenn das schon versucht wurde).

Allein, der Durst nach Kinozauber, gerade auch solcher, der für die ganz Kleinen geeignet ist, wird kaum gestillt. Disney-Produktionen wie „Mulan“ oder „Artemis Fowl“, die da genau richtig gewesen wären, wurden vom Studio lieber gleich auf der neuen, hauseigenen Streamingplattform versendet. Obwohl sie mit ihrer optischen Opulenz dringend auf die große Leinwand gehört hätten. Dort hat Fantasy derzeit Flaute.

„Der geheime Garten“: der Trailer zum Film

Nun aber kommt mit „Der geheime Garten“ eine Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers von Frances Hodgson Burnett aus dem Jahr 1911 ins Kino (Start an diesem Donnerstag), der uns wieder berauschende, eskapistische Bilder verspricht, ohne die Sorgen der Zeit zu verdrängen. Denn um die Macht der Fantasie gerade in schweren Zeiten geht es hier von der ersten Szene an.

Völlig allein in der Fremde

Die zehnjährige Mary (Dixie Egerickx) lebt im fernen Indien, das in den wärmsten und buntesten Farben gezeigt wird. Doch gleich zu Beginn zerfällt dieses Kinderparadies jäh. Nachts hört man von draußen Schüsse und Schreie. Das Mädchen versteckt sich unter einer Decke, wo ihre Amme eine Geschichte erzählt und ihr so die Angst nimmt. Am nächsten Morgen wacht das Mädel auf, das Haus ist leer und geplündert, die Eltern weg, die Diener auch. Tagelang vegetiert Mary allein in dem hochherrschaftlichen Anwesen, verwahrlost zunehmend und versucht sich selbst die Geschichte weiter zu erzählen. Bis ein Soldat auftaucht und sie mitnimmt.

Ein düsteres Schloss im Moor

Der Film, der sich sonst ziemlich getreu an die Vorlage hält, hat sich hier eine kleine Freiheit erlaubt, indem er die Handlung aus dem viktorianischen Zeitalter ins Jahr 1947 verlegt. Marys Eltern sterben nicht einfach an der Cholera, es sind die Tage der Unruhe, als sich Pakistan von Indien abspaltet. Die Vollwaise wird nach Großbritannien verschifft, wo der einzig noch lebende Verwandte, ihr Onkel, sich um sie kümmern muss.

Das wird denn auch wie ein Rücksturz in viktorianische Schauermärchen gezeigt. So licht und exotisch die indische Welt war, so grau und trist wirkt die englische Heimat. Das Anwesen des Onkels ist ein düsteres, zugiges, heruntergekommenes Gespensterschloss im Moor mit langen, leeren, leblosen Gängen. Und nur wenigen Anwohnern. Die schroffe Hausdame Mrs. Medlock (Julie Walters), die mit der bösen Mrs. Danvers aus „Rebecca“ wetteifert, und den abweisenden Onkel Lord Archibald Craven (Colin Firth). Er muss ebenfalls einen Verlust verwinden. Und die Nichte, für die er plötzlich sorgen soll, erinnert ihn nur an seine jüngst verstorbene Frau, die Zwillingsschwester von Marys Mutter.

Hier geht einem das Auge über

Das arme Kind darf nicht durchs Haus streunen, erst recht nicht draußen herumtollen. Aber natürlich macht das Mädchen schon aus Trotz genau das, was ihm verboten wird. Freundet sich mit einem herumstreunenden Hund an. Und entdeckt schließlich hinter einer riesigen Steinmauer einen geheimnisvollen Garten.

Hier gehen nicht nur dem Mädchen, sondern auch dem Zuschauer die Augen über: Lauter riesenhafte Blumen und Gräser, die das Kind wie Bäume überragen und ein Eigenleben zu führen scheinen. Die Wurzeln scheinen immer nachzuwachsen, sodass das Mädchen in dieses farbenprächtige Paradies klettern kann. Und kleine Schrammen verheilen im Nu. Der geheimnisvolle Ort scheint auch heilende Kräfte zu besitzen.

„Der geheime Garten“ wurde schon öfter verfilmt. Meist im angelsächsischen Raum. 1949 aber auch in Hollywood, wo, wie in „Der Zauberer von Oz“, die finstere Gegenwart in Schwarz-Weiß gezeigt wurde, der magische Garten aber in strahlenden Farben (im damals teuren Technicolor-Verfahren). Zuletzt hat Agnieszka Holland den Film 1991 ins Kino gebracht, sich dabei aber mehr auf die Perspektive der Erwachsenen verlegt.

Die Fantasy erdrückt die Fantasie

Regisseur Marc Munden und Drehbuchautor Jack Thorne, beide bislang eher für TV-Mehrteiler bekannt, erzählen ihre Neuverfilmung nun wieder konsequent aus der Sicht des Kindes. Und verarbeiten kindgerecht schwere Themen wie Ängste, Trauer und Verlust. In Dixie Egerickx haben sie dabei eine sehr energievolle Kinderdarstellerin gefunden. Ansonsten tobt sich der Film aber vor allem in visuellen Effekten und digitaler Computer-Animation aus, wie man das schon aus vielen anderen Filmen kennt. Der eigentliche Zauber geht bei all diesen doch eher oberflächlichen Reizen verloren. Ebenso wie die Botschaft, dass nur wer sich seinen Erinnerungen stellt, in Frieden leben kann. Wie schade. Da wartet man in diesen auch fürs Kino schweren Zeiten auf einen schönen Film für die ganze Familie. Und dann wird die Kraft der Fantasie, die hier doch beschworen werden soll, von einer Überdosis an Fantasy-Getöse schier erdrückt.

Fantasy Großbritannien 2019, 99 min., ab 6 Jahren, von Marc Munden, mit Dixie Egerickx, Colin Firth, Julie Walters, Edan Hayhurst)