Konzertkritik

Applaus für die Notenwartin in der Philharmonie

Konzertabend mit Umbauten: Das Deutsche Symphonieorchester Berlin spielt in der Philharmonie unter Robin Ticciati Beethoven und Bartók.

Überbrückte die Umbaupausen gekonnt: Robin Ticciati, Dirigent des Deutschen Symphonieorchesters.

Überbrückte die Umbaupausen gekonnt: Robin Ticciati, Dirigent des Deutschen Symphonieorchesters.

Foto: to Klar / Reto Klar

Gemeinsam wolle man jetzt wieder Musik erleben – Robin Ticciati dankt dem Publikum des Deutschen Symphonieorchesters Berlin für seinen Mut, in die Philharmonie gekommen zu sein. Ticciati füllt mit seiner emphatischen Mikrofon-Ansprache die gefühlt ewige Umbaupause.

Das Umstellen der weiträumig über das Podium verteilten Orchestersitze plus Pulte fordert die gesamte Aufmerksamkeit der Notenwartin, mehrmals müssen Noten gesucht und wieder umsortiert werden. Die Nervosität, man merkt es an dieser kleinen Szene, ist groß. Szenenapplaus für die Notenwartin – das Verständnis des Publikums ist unbegrenzt, als Entschädigung dafür, dass es nun endlich wieder losgeht beim DSO.

Umgebaut wird für Beethovens Vierte Sinfonie, die durchaus nicht das Hauptstück des Abends ist und leider auch nicht so geprobt wurde. Das Orchester klingt in diesem subtil widerborstigen Stück sehr gut, aber es macht sich schon bemerkbar, dass es monatelang kaum mehr ein Konzert gegeben hat.

Probleme mit der Pünktlichkeit bei Beethoven

Dass das erste Pizzicato der Geigen gemeinsam mit dem Bläserakkord schief geht – geschenkt. Aber auch im zweiten Satz brauchen die Streicher einige Zeit, um Perfektion und absolute Pünktlichkeit des Zusammenspiels herzustellen. So etwas kann man zu Recht für überbewertet halten, aber Ticciati und das DSO legen ihren Beethoven durchaus auf kernige Tonanfänge an, da gehört Pünktlichkeit zu den Grundvoraussetzungen.

Überzeugender gelingt das Hauptwerk des Abends, das für dieses erste große DSO-Konzert nach dem Lockdown ein steiler Einstieg ist: Béla Bartóks Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester aus dem Jahr 1937 – ein Spätwerk des Komponisten mit viel musikalischer Abstraktion und technischen Hürden für die Musiker und doch von einer kühlen Schönheit.

Bei Bartók beginnen die Pianisten zu jazzen

Als Klaviersolisten hat man das Klavierduo GrauSchumacher eingeladen – Andreas Grau und Götz Schumacher sind Koryphäen auf ihrem Gebiet. Bartóks im Kompositionslabor zu dichtestem musikalischem Kondensat zusammengeschrumpftes Volksmusik-Material beginnt bei ihnen zu jazzen – ausgerechnet durch bedingungslose Befolgung der Partitur.

Nach schmerzhaften Steigerungen des ersten vergisst man in den lyrisch-langsamen Klavierlinien des zweiten Satzes, dass das Klavier namentlich von Bartók vorzugsweise als Schlaginstrument eingesetzt wurde. Gemeinsam mit dem Paukisten Jens Hilse und dem Schlagzeuger Henrik M. Schmidt aus den Reihen des Orchesters führen die beiden Pianisten das eigentlich hoch komplizierte Stück mit seinen raffiniert ausgetüftelten Neuner-Rhythmen in eine bestechende Einfachheit für die Zuhörenden.

Robin Ticciati und sein Deutsches Symphonie-Orchester setzen mit diesem selten bis nie gespielten Stück ein echtes Signal, dass „kulturelle Grundversorgung“ durch ein Orchester in Krisenzeiten auch immer schon die Lust auf Neues berücksichtigen muss.