Theater

Friedrich-Luft-Preis für „Der Menschenfeind“

Die Jury hat entschieden: Anne Lenks Inszenierung ist die beste Berliner und Potsdamer Aufführung 2019/20

Einen „geradlinigen, schnörkellosen Abend“ nennt die Jury die Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ am Deutschen Theater.

Einen „geradlinigen, schnörkellosen Abend“ nennt die Jury die Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ am Deutschen Theater.

Foto: ARNO DECLAIR

Alle lieben Célimène. Sie ist die Lichtgestalt im tiefschwarzen Kleid, umschwirrt und umworben von den eitlen Galanen, den höfischen Gockeln, den Möchtegerndichtern, den Spitzschuhträgern und den Selbstverliebten. Hände recken sich durch die elastischen Wände des dunkelgrauen Raumes nach ihr, Worte richten sich an sie. Sie parliert, sie reagiert, sie hält sich Typen wie Oronte, Clitandre oder Acaste warm. Nicht etwa, weil es sich hier um besonders begehrenswerte Exemplare der männlichen Spezies handelt, sondern einfach, weil sie es kann. Molières Stück heißt zwar „Der Menschenfeind“ und ist im Kern die Geschichte des Alceste, der auf die gesellschaftlichen Konventionen der Höflichkeit pfeift und stattdessen Aufrichtigkeit und Wahrheit predigt, doch in der Version, die Regisseurin Anne Lenk für das Deutsche Theater produ-ziert hat, ist nicht er, sondern die emanzipierte, freiheitsliebende Célimène das eigentliche Kraftzentrum des Abends.

Dass Regisseurin Anne Lenk in ihrer schlanken, verdichteten Inszenierung dabei ganz ohne auftrumpfende Thea-termittel auskommt und stattdessen voll auf die wunderschön schwingenden Reime (in der fabelhaften Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) und das enorm präzise agierende Ensemble baut, zeigt erstens, wie zeitlos der inzwischen mehr als 350 Jahre alte Text tatsächlich immer schon war und zweitens, wie perfekt Anne Lenk ihr Handwerk beherrscht, weil sie diese Universalität mit eleganter Leichtigkeit aus dem Stück und den Figuren herauskitzelt.

Literarische Vorlage intelligent in die Gegenwart geholt

Dafür erhält ihre am Deutschen Theater gezeigte Version von Molières Komödie „Der Menschenfeind“ den Friedrich-Luft-Preis als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2019“. Seit 1992 verleiht die Berliner Morgenpost den Preis, der mit 4000 Euro dotiert ist, im Andenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft. In ihrer Begründung bezeichnet die Jury Anne Lenks Arbeit als einen „gradlinigen, schnörkellosen Abend, der die Vorlage sehr intelligent in die Gegenwart holt“. Die Regisseurin bringe „auf der Bühne zum Leuchten, was mitreißendes Theater im Kern ausmacht: die Sprache und das Spiel.“

Dieses Spiel, es findet statt in einem rundum mit elastischen Schnüren be-spannten, leicht angeschrägten silbrig-grauen Guckkasten (Bühne: Florian Lösche). Hier dehnen sich die Wahrheiten zwischen den Seilen, man zwängt sich hindurch, man hängt sich hinein, hier lässt Célimène die Männer antanzen und abtreten. Franziska Machens spielt diese selbstbewusste, schöne Witwe mit hinreißender Lässigkeit und schnoddriger Unnahbarkeit. Sie scheint zwar Teil der oberflächlichen höfischen Gesellschaft zu sein, in Wahrheit aber ist sie die Spielmacherin, die sich von den starren Regeln nicht einengen lässt, sondern daraus ihr eigenes Spielfeld baut und sich darauf in Stellung bringt zum Argumentationsgefecht. Mit gereimten Worten als Waffen. Tote gibt es keine. Aber einen Schwerverletzten: Alceste. Ausgerechnet er, der Prinzipientreue, der Wahrheitsverfechter, der ganz und gar Kompromisslose, ist verliebt in die flatterhafte, selbstbewusste Célimène. Ein Dilemma: „Mein Herz gehorcht nicht mehr meinem Verstand.“

Kein Fanatiker, sondern ein Grübler

Bei Ulrich Matthes ist dieser unglücklich Liebende kein verbissener Fanatiker, sondern ein Grübler, der verteidigt, was er denkt, weil er tatsächlich glaubt, dass die Wahrheit eine feine Sache ist und letztlich gut für die Welt. Was er dabei unterschätzt, ist ihre allgemeine Unverträglichkeit. Sehr schön arbeitet Ulrich Matthes diesen Konflikt heraus, indem er sich an den Versen und Reimen quasi entlangtastet, als könne sein Alceste beim Sprechen noch ergründen, was hier genau mit ihm passiert. Vor allem über ihn offenbaren sich letztlich die allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeiten, was besonders augenfällig wird im Kontrast zu all den plappernden Posern um ihn herum. Denn gerade er, der jede Eitelkeit verachtet, wird selbst zum größten Narzissten, wenn er von der freigeistigen Célimène verlangt, sie solle mit ihm fliehen, sich den anderen entsagen. Da erhebt einer Besitzansprüche, der selbst stets jede Unterordnung verweigert. All das erzählt Anne Lenk mit ihrem Ensemble in leichtem Ton, ganz fein verschieben die Spielerinnen und Spieler durch Pausen oder Verzögerungen beim Sprechen die Bedeutungen und legen damit die komische Tragik bloß, die einer wie Molière dem Menschsein attestiert.

Das tut er natürlich nicht nur in diesem Stück, sondern auch in anderen. Tat-sächlich hatte er bei der Jurysitzung, auf der über das finale Gewinnerstück entschieden wurde, einen der schwersten vorstellbaren Kontrahenten: sich selbst. Sehr zügig konzentrierte sich die Abschlussdiskussion außer auf „Der Menschenfeind“ auch noch auf eine weitere Molière-Inszenierung des vergangenen Theaterjahres. Nominiert war nämlich auch seine Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“, die in der Regie von Her-bert Fritsch als knallbunter Identitätskrisenspaß an der Schaubühne entstanden war. Molière gegen Molière also, so lautete das Luft-Preis-Finale. Und noch eine dritte Inszenierung der insgesamt neun auf der Nominierungsliste gelandeten Arbeiten, hielt sich lange im vorderen Feld. Das war die am Maxim Gorki Theater entstandene Produktion „Ein Bericht für eine Akademie“ nach Franz Kafka in der Regie von Oliver Frljić. Erzählt wird hier die Geschichte von Rotpeter, der mal ein Affe war, sich aber durch harte Selbstdressur perfekt an die Gesellschaft angepasst hat. Zufall oder nicht, die drei vorderen Plätze belegten damit jedenfalls Stücke, die auf verschiedene Weise mehr oder weniger brüchige Vorstellungen der eigenen Identität verhandeln und in denen der Logik des eigenen Verstandes nicht durchgängig zu trauen ist. Oder, um mit den Worten von Alceste, dem Menschenfeind zu sprechen: „Wir Menschen gelten als vernünftige Wesen. Wer das behauptet, ist nie ein Mensch gewesen.“

Die Berliner Morgenpost vergibt den Friedrich-Luft-Preis für die beste Regie seit 1992 und wird dies vom kommenden Jahr an in Kooperation mit dem Medienpartner Deutschlandfunk Kultur tun. Der Preis erinnert an den Berliner Feuilletonisten und Theaterkritiker Friedrich Luft (1911–1990). Die Jury besteht aus acht Mitgliedern: Ernst Elitz (Gründungsintendant des Deutschlandradios), Jürgen Flimm (Regisseur und ehemaliger Intendant der Staatsoper), Lucy Fricke (Schriftstellerin), Martina Gedeck und Claudia Wiedemer (Schauspielerinnen), Katrin Pauly (Theaterkritikerin), Morgenpost-Redakteur Stefan Kirschner und Morgenpost-Kulturchef Felix Müller. Die Preisverleihung findet am 18. Oktober im Deutschen Theater statt. Wir verlosen fünf mal zwei Tickets, für Leserinnen und Leser, die dabei sein wollen. Rufen Sie einfach an unter 01379 / 03 01 02 (0,50 Euro/Anruf aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk abweichend) und nennen das Kennwort „Friedrich Luft“. Teilnahmeschluss: 20. September 2020, 23.59 Uhr. Die Gewinner werden telefonisch und/oder schriftlich benachrichtigt.