Ganz zu Beginn des Films steht Danielle (Blu Hunt) auf der Spitze eines Kirchturms. Ihr Vater ist gestorben und sie hat eben erfahren, dass sie irgendeine spezielle Kraft haben soll. Das ist für den Teenager alles etwas viel. Aber sie ist noch unsicher, ob sie wirklich springen will. Da hält ihr Rhane (Maisie Williams, bekannt als Arya aus Game of Thrones) die Hand hin und sagt: „Hey, it gets better.“ Es wird besser.
Das ist natürlich der Satz, der vor mittlerweile zehn Jahren weltweit berühmt wurde, weil er jungen Homosexuellen und Transmenschen auf der ganzen Welt Mut zusprechen sollte: Wenn es sich jetzt auch ganz furchtbar anfühlt, ein Außenseiter zu sein, dann wird es irgendwann gut sein. Die Selbstmordrate von Jugendlichen aus der LGBT-Community ist nach wie vor hoch – und hat mit diesem Film, dem zwölften der X-Men-Reihe, nun ein paar Superhelden. Immerhin küssen sich hier zwei junge Frauen.
Danielle Moonstar – was für ein Name! – entscheidet sich für „noch ein bisschen Weiterleben“. Sie will zumindest noch herausbekommen, welche Superkraft sie überhaupt berechtigt, Teil dieser seltsamen Gruppe von fünf Jugendlichen zu sein. Rhane kann sich in einen Wolf verwandeln, Sunspot (Henry Saga) wird bei Erregung ein Feuerball, Sam ein schneller Blitz und da ist noch die mysteriöse Magik (Anya Taylor-Joy). Am besten beschreibt sie sich selbst mit ihrer ersten Frage an Danielle: „Und wo hat dich dein Vater überall berührt?“
Film als Triggerwarnung für Missbrauchsopfer
Ein Thema wie Kindesmissbrauch in einen Superheldenfilm auf diese Art einzuführen, fällt natürlich auf – gerade wenn dem Genre in den letzten Jahren die Puste auszugehen drohte und eine gewisse Überforderung eintrat. Allein auf Netflix laufen mit „Titans“, „Freaks“ und „The Umbrella Academy“ drei Serien mit Superkraft-Teenagern. Regisseur Josh Boone, der auch das Drehbuch schrieb, geht deshalb einen neuen Weg: Er gibt ihnen Superkräfte, die sich kaum kontrollieren lassen – und inszeniert es als ein Kammerspiel mit gerade einmal sieben Schauspielern.
Neben dem Vater von Danielle, der in Rückblenden auftritt, ist es die Ärztin Cecilia (Alice Braga), die den Jugendlichen durch die ersten Monate mit ihrer Superkraft führen will. Sie erklärt Danielle auch, dass es normal sei, dass die Kräfte einen oft überfordern. „Normalerweise treten sie zu Tage, wenn man 13 Jahre alt wird.“ Sie überwacht ihre Schützlinge in diesem seltsamen Hospital, das irgendwo in der Welt stehen könnte – und von einem unsichtbaren Kraftfeld umgeben ist. Sie sind gefangen.
Josh Boone war bekannt für das jugendliche Sterbedrama „The Fault in Our Stars“, der auf Deutsch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ hieß. Dass er auch das Horrorgenre beherrscht, wird im zweiten Teil von „The New Mutants“ deutlich. Die Monster, die er auffahren lässt, sind furchterregend.
Besonders deshalb, weil sie aus dem Kopf von Magik entspringen. Das lüsterne Grinsen aus augenlosen Augen mit langen Zungen und langen Fingern, die gern von hinten den Rücken hochfahren, ist schon beim Zuschauen derart traumatisch, dass der Film mit einer Triggerwarnung für Missbrauchsopfer versehen sein sollte. Wie der Film es schafft, aus dem tiefen Trauma von fünf jungen Seelen in nur 93 Minuten ein Happy End zu stricken — und dabei noch unterhaltsam zu sein, ist die eigentliche Kunst. Es ist der kürzeste Film des X-Men-Franchise und man muss sagen: It gets better.


