Es gibt ein Foto von Gustav Mahlers letzter Überfahrt nach New York , im November 1910. Der Komponist steht an der Reling, aber nicht ganz sicher, deshalb hat er einen Stock in der rechten Hand und stützt sich mit dem linken Ellenbogen auf dem Geländer ab. Das Gesicht ist leicht verzerrt, als ginge ihm das Fotografieren nicht schnell genug. Vielleicht haben sich ihm auch schon die Schmerzen in die Gesichtszüge eingegraben haben.

In New York hatte er, schon schwer krank, sein letztes Konzert gegeben, bevor er im Frühjahr 1911 die Rückreise in die Alte Welt antrat. Nur wenige Wochen später sollte er in Wien sterben. Die Atlantiküberquerung war Mahlers letzte Reise. Und ist nun zum Roman geworden: in Robert Seethalers „Der letzte Satz“.

Hier kauert der Komponist allerdings, auf einer Kiste aus Stahl, „den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gerichtet“, und starrt fiebernd ins Meer. Und in ein Meer aus Erinnerungen, die wie Wellen auf ihn zuschwappen, aber dann auch gleich wieder wegplätschern.

Zeitgenössische Karikatur des zappelnden Dirigenten Gustav Mahler r aus "Illustriertes Wiener Extrablatt "vom 25. November 1900.
Zeitgenössische Karikatur des zappelnden Dirigenten Gustav Mahler r aus "Illustriertes Wiener Extrablatt "vom 25. November 1900.© picture-alliance / IMAGNO/Austrian Archives

Es ist ein schmaler Band geworden, selbst für Seethaler-Verhältnisse. Der Wiener Schriftsteller ist ein Freund der Kürze, aber was hier „Roman“ genannt wird, ist doch eher eine Erzählung, die auf gerade mal 126 Seiten in ziemlich großer Schrift daher kommt. Als gäbe Gustav Mahlers Leben nicht genug Stoff für einen gewichtigen Roman ab. Gewisse Schlaglichter und Wendepunkt in seinem Leben, sie blitzen durchaus auf.

Ein Meer der Erinnerungen

Der Tod seiner Tochter Marianna, nur ein Jahr, nachdem er die „Kindertotenlieder“ komponiert hat. Der Antritt an der Wiener Hofoper, wo er das störrischste Orchester der Welt disziplinieren muss. Die ärgerliche Vermarktung seiner monumentalen Achten Sinfonie als „Sinfonie der Tausend“. Das Werben um Alma Schindler, der schönsten Frau Wiens. Und dann das Werben der anderen, der Liebesbrief von Walter Gropius an seine Frau, der fälschlicherweise an ihn adressiert wurde. Auch die antisemitische Hetze, mit der er zeitlebens verunglimpft wurde, weil man dem großen Genie anders nicht beikommen konnte, wird angerissen. Aber mehr auch nicht. Alles verwässert sich im Meer der Erinnerungen.

In seinen bisherigen Romanen wie „Der Trafikant“ oder „Ein ganzes Leben“ hat Robert Seethaler eher von den kleinen, unbekannten Menschen am Rande der Gesellschaft geschrieben, Kleinstädter, Hilfsarbeiter, Putzfrauen. Mit „Der letzte Satz“ wagt er sich an einen ganz Großen, einen Wegebener der Moderne. Und scheint sich doch nicht recht an ihn heranzutrauen.

Noch ein todgeweihter Komponist auf einem Schiff: Dirk Bogarde in VIscontis Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ (1971).
Noch ein todgeweihter Komponist auf einem Schiff: Dirk Bogarde in VIscontis Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ (1971). © picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Die letzte Reise als Rahmenhandlung, das ist nicht gerade originell, sogar sehr konventionell. Und im Falle Mahler gab es das auch schon: Genau so hat der exzentrische britische Regisseur Ken Russell nämlich seinen ziemlich wilden „Mahler“-Film erzählt. Nur ging die letzte Reise da nicht übers Meer, sondern im Zug vom Hafen nach Wien. Und auch hier rissen, von Station zu Station, die Lebenserinnerungen wie die Landschaft an ihm vorbei.

Der große Komponist, wie aus zweiter Hand

Und wie man sich Seethalers Mahler so vorstellt, drängt sich einem noch ein anderes Bild von einem Komponisten auf, der auf Deck in dicke Decken gehüllt ist. So begann auch Luchino Viscontis Literaturverfilmung „Tod in Venedig“. Seiner Figur Gustav von Aschenbach hatte Thomas Mann mit den Zügen von Gustav Mahler, der während der Niederschrift im Sterben lag, versehen. Visconti hatte die Parallelen noch verstärkt, indem er diesen Aschenbach, eigentlich ein Schriftsteller und Alter Ego Manns, die Vita von Gustav Mahler übertrug – und seine Musik als berauschenden Soundtrack.

Auch die Geschichte, wie Mahler nach Gropius‘ Liebesbrief an Alma in tiefer Krise Rat bei Sigmund Freud sucht, ist erst vor wenigen Jahren Stoff eines sehr schönen Films gewesen: „Mahler auf der Couch“. So beschleicht einen irgendwann bei dieser Lektüre ein merkwürdiger Verdacht: Sollte Seethaler seinen Protagonisten womöglich gar nicht so sehr aus Konzertsälen oder Biographien kennen – sondern vor allem aus dem Kino? Ist sein Mahler nur aus zweiter Hand? Buchstäblich ein Déjà-vu?

Die letzte Reise - im Zug: Robert Powell im Film „Mahler“ (1974).
Die letzte Reise - im Zug: Robert Powell im Film „Mahler“ (1974).© picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Auffallend ist jedenfalls die Verweigerung, mit der der Autor Seethaler seinem Stoff immer wieder begegnet. Über Mahlers ersten Bluthusten, den er in Wien erleidet, heißt es etwa: „Ein Schriftsteller hätte das aufgegriffen, hätte die wenigen Spritzer sich wie zufällig auf den Notenzeilen zu einem brauchbaren Motiv anordnen lassen, zu einer wunderbaren Melodie, einem Aufbruch in einen neuen Satz oder so etwas.“

Wie als Entschuldigung folgt der Satz über Mahler: „Aber er war kein Schriftsteller.“ Seethaler aber ist ein solcher. Und begnügt sich damit, dieses „brauchbare Motiv“ anzudeuten, ohne es zu einer wunderbaren Melodie weiterzuspinnen.

Verweigerung als Erzähltechnik

An anderer Stelle drückt sich der Autor noch vehementer vor seiner Erzählung. Wenn der Schiffsjunge, der den kranken Maestro während der ganzen Überfahrt hegen und pflegen und dessen oft üble Launen ertragen muss, einmal bittet, etwas über dessen Musik zu „erzählen“, wiegelt der schroff ab: „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Für einen Komponisten wie Mahler vielleicht ein angemessener Standpunkt. Aber Seethaler ist nun mal ein Erzähler. Müsste er sich nicht gerade daran versuchen, Worte zu finden für das Unbeschreibliche? Mahlers Klangwelten zu beschreiben und nachfühlbar zu machen? Auch wenn er als Romancier daran vielleicht scheitern könnte?

Nein, die Verweigerung wird quasi zur Erzähltechnik. Seethaler bleibt auch im übertragenen Sinn immer nur auf dem Deck und geht nicht in die Tiefe. Er skizziert nur die Vita Mahlers, aber nie dessen Arbeit. Mit der Neunten sei er gerade auf einem guten Weg, heißt es nur mal eben. Der letzte Satz aber, das Adagio aus der zehnten, Fragment gebliebenen Sinfonie, über die Mahler gestorben ist – er kommt hier gar nicht vor.

Robert Seethaler: Der letzte Satz. Hanser Berlin 126 Seiten, 19 Euro