Eine frühe Totale dieses Films zeigt einen namenlosen Vorplatz in Paris, einen Transitraum ohne Eigenschaften. Die achtlos vorbeieilenden Passanten werfen die langen Schatten des späten Nachmittags, im Hintergrund hört man das metallische Geräusch von abbremsenden Zügen. Als es langsam dunkel wird, scheinen sich die Menschen plötzlich zu verdoppeln.
Sie laufen nebeneinander her und werden zugleich durchsichtig, wie auf einer Mehrfachbelichtung. Es ist eine dieser Szenen, die zunächst ratlos stimmen und dann in der Rückschau zu den besten gehören.
Denn „Der flüssige Spiegel“, der zweite handelt auf eine sehr poetische, zugleich unangestrengte Weise vom Abschiednehmen, vom Verschwinden, von der Frage, wohin wir gehen, wenn wir sterben – und davon, was von uns bleibt.
Regisseur Stéphane Batut, der bislang als Casting-Direktor arbeitete und an mehr als 60 Filmen beteiligt war, verzichtet in seinem Spielfilmdebüt auf die großen Namen von Juliette Binoche bis Isabelle Huppert, die alle in seinem Mobiltelefon gespeichert sein dürften.

Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, Juste (Thimothée Robart), der sich nachts an einem See wiederfindet – und den die Menschen, von einigen seltsamen Ausnahmen abgesehen, offenbar nicht mehr sehen können. Kurze Zeit später findet er sich in einer Art Behandlungszimmer wieder, doch die Frau im weißen Kittel, die sich nur „Kramarz“ nennt (Saadia Bentaïeb), ist keine Ärztin.
Sie erteilt Juste den Auftrag, mit ihr zusammenzuarbeiten – und dann sucht er in den Straßen von Paris nach Menschen, die Gespenster sind wie er. Unerlöste Verstorbene, die sich in einer Art Zwischenreich befinden und darauf warten, in die Unterwelt begleitet zu werden.
Ja, das Sujet steht unter Kitschverdacht: Wenn im Film Verstorbene unter den Lebenden wandeln, stehen die aus „Ghost – Nachricht von Sam“ (1990) oder „The Sixth Sense“ (1999) bekannten Schmalztöpfe überall am Wegesrand. Aber Batut tritt, vor allem dank der diskreten Bildsprache seiner Kamerafrau Céline Bozon, niemals hinein. Im Gegenteil: In der Begegnung von Juste mit Agathe (Judith Chemla) findet er zu einer zarten, oft auch lustigen Liebesgeschichte.
Romanze Frankreich 2020, 107 min., von Stéphane Batut, mit Timothée Robart, Judith Chemla, Saadia Bentaïb


