Es ist nur ein Jux. Eine Ausrede. Eine Notlüge. Der junge Mann will als erstes in dem fremden Ort in der Kirche beten. Die Tochter der Pfarrhaushälterin bittet ihn zu gehen, das Gotteshaus schließe gerade. Da gibt er sich als Priester aus. Das glaubt sie nicht? Er zückt ein Korral aus seinem Rucksack, den weißen Stehkragen der Kirchenmänner. Darauf fordert ihn der Priester der Kirche gleich zum Bleiben auf. Und der junge Mann kommt aus der Nummer nicht mehr heraus. Lügen haben lange Beine.
Daniel (Bartosz Bielenia) kommt gerade aus der Jugendhaft. Er ist auf Bewährung und soll im Sägewerk des Ortes resozialisiert werden. Im Knast hat er den Glauben gefunden, hat dem Anstaltspfarrer Pater Tomasz als Messdiener geholfen. Daher der Kollar. Doch sein Traum, ein Kirchenmann zu werden, lässt sich nicht erfüllen. Kein Priesterseminar würde einen Ex-Häftling aufnehmen.
Und da steht er nun, in diesem Ort, wo ihn keiner kennt, und trägt wieder Soutane. Gibt wieder den Messdiener. Und da der Pfarrer dringend ein Alkoholproblem kurieren muss, überredet er Daniel, ihn für eine Weile zu ersetzen. Der Bischof muss ja nichts davon erfahren.

Ein Gesetzesbrecher, der sich als Priester tarnt, das kennt der deutsche Zuschauer ja eher als Komödie aus der TV-Serie „Sankt Maik“. Im erzkonservativen Polen hat sich das indes wirklich zugetragen. 2011 sorgte der Fall des 19-jährigen Patryk Bledowski, der sich drei Monate als Priester ausgab, für Schlagzeilen. Seine Gemeinde hatte ihn geliebt und war geschockt, als die Wahrheit herauskam.
Cooler Gottesmann, der auch gern kifft
Darauf basiert Jan Komasas Film „Corpus Christi“, in dem sich Daniel, nach seinem Mentor, Pater Tomasz nennt. Schon bald Messen hält. Und was man im Beichtstuhl tun muss, kann man ja noch während der Beichte im Handy googeln. Vor allem aber setzt Daniel auf die unkonventionellen Methoden, mit denen sein Haftpfarrer ihn überzeugt hat. Und genau das kommt auch bei der anfangs sehr zögerlichen, erzkonservativen Gemeinde gut an.
Ein cooler Gottesmann, der nicht nur rituelle Gebete runterleiert, sondern die Menschen direkt anspricht, auch Kontakt zu Jugendlichen sucht – ist es nicht gerade das, was die erstarrte Kirche, zu der immer weniger den Weg finden, dringend nötig hätte? Es gibt sehr komische Momente, wenn der falsche Pater heimlich kifft, Technomusik hört und mit der Tochter der Pfarrhaushälterin flirtet.

Aber „Corpus Christi“ ist keine Komödie. Der Film verhandelt ganz existenzielle Fragen um Macht, Moral und Vergebung. Und verrät viel über die polnische Gesellschaft. Die Gemeinde im Film leidet nämlich, anders als im realen Fall, unter einem kollektiven Trauma, ein Unfall, der mehrere Menschenleben forderte, wobei bei der regelmäßigen Totenandacht einer aber übergangen wird. Da zeigt sich, wie eng Glauben und Heuchelei sind.
Ein umwerfender Hauptdarsteller
Dem jungen Pater aber fehlt es an Demut, er setzt auf Provokation. Und bricht damit die Bigotterie „seiner“ Schäfchen auf. Er legt sich sogar mit dem mächtigen Bürgermeister des Orts an, dem auch das Sägewerk gehört, in dem Daniel eigentlich arbeiten sollte. Der Betrüger wächst mehr und mehr in die Rolle, die er anfangs nur vorgibt, hinein.
„Corpus Christi“ ist ein stiller Film, der viel über starke, streng komponierte Bilder erzählt. Und über die vielsagenden Gesichter der Darsteller. Eine Entdeckung ist dabei Bartosz Bielenia, der den David mit solch umwerfender Empathie gibt, das man bald zu seinem Komplizen wird.
Polen hat den Film ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Und beim Polnischen Filmpreis strich er gleich elf Trophäen ein. Nun kann „Corpus Christ“ auch in Deutschland entdeckt werden. Hierzulande mag man vielleicht nicht so gläubig sein wie im Nachbarland. Aber auch hier gibt es Seelen, die Trost brauchen. Und ihn in der erstarrten Institution Kirche nicht mehr finden.
Drama Polen/Frankreich 2019, 115 min., von Jan Komasa, mit Bartosz Bielenia, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Lukasz Simlat


