Wenn zu Beginn eines Bühnenstücks ein Gewehr an der Wand hängt, dann, das wissen wir von dem großen Dramatiker Anton Tschechow, muss am Ende damit auch geschossen werden. Und wenn geschossen wird, das wissen wir aus zahllosen Western- und Gangsterfilmen, dann gibt es auch Einschusslöcher. Das ist nun mal der Kausalitätszusammenhang von Ursache und Wirkung. Nicht so aber in Christopher Nolans langersehntem Thriller „Tenet“, der am Mittwoch endlich ins Kino kommt. Hier gibt es erst ein Loch. Und dann fällt der Schuss.
Erst kommt der Sprung im Glas, dann der Schuss
Das Kausalitätsprinzip wird hier außer Kraft gesetzt. Wir könnten auch – bei dem Intellektuellen Nolan ist das durchaus angebracht – mit Shakespeares „Hamlet“ sagen: Die Zeit ist aus den Fugen. Wann immer in diesem zweieinhalbstündigen Film ein, sagen wir mal, Autorückspiegel einen Sprung im Glas hat, darf man darauf warten, wann er von einer Kugel getroffen wird. Denn, so viel Tschechow muss schon sein: Geschossen wird. Aber nachher. Oder besser, dieses Wort lernen wir hier schnell: invers.
Christopher Nolan dreht am Rad der Zeit. Der große Kinomagier hat es mal wieder geschafft, die Grundregeln der Logik außer Kraft zu setzen. Und durch eine ganz andere, ganz eigene Kinomagie zu ersetzen. Schon „Memento“, mit dem der britische Regisseur vor 20 Jahren bekannt wurde, wurde gleichzeitig vorwärts und rückwärts erzählt.

Mit seinen „Batman“-Filmen hat er dann das doch eher kindische Comic-Blockbuster-Kino zu sehr erwachsenen, ja philosophischen Psychodramen entwickelt. Hat zuletzt in „Dunkirk“ den Krieg als hautnahes, klaustrophobisches Schockerlebnis in Szene gesetzt. Und vor zehn Jahren hat er mit „Inception“ schon mal die Wahrnehmungen und die Sinne auf den Kopf gestellt, als er die dreidimensionale Realität zusammenklappen ließ.
Nolan ist der Autorenfilmer des Blockbusterkinos. Seine Filme sind nicht nur Überwältigungskino, das das Verlangen nach Spannung und Spektakel befriedigt. Es sind außergewöhnliche Erfahrungen, die einen – auch in digitalen Zeiten, in denen scheinbar alles möglich ist – noch staunen machen.
Die Quadratur des Kreises scheint möglich
Während man im Action-Genre sonst eher den Verstand ausschalten muss, muss man bei Nolan immer ganz genau aufpassen. Das ist die absolute Ausnahme im Kino. Die meisten Produzenten halten ihre Zuschauer ja eher für dumm. Nolan aber, welch eine Anmaßung, fordert sie intellektuell heraus. Mit fantastischen Bilderrätseln wie einst bei M.C. Escher: Die Quadratur des Kreises, bei Nolan scheint sie zumindest kurzzeitig möglich.
„Tenet“ freilich muss die Quadratur des Kreises nun noch auf ganz andere Weise erreichen. Seit vor anderthalb Monaten die Kinos wieder geöffnet haben, haben die Verleiher ihre Prestigetitel zurückgehalten und eher maue Filmchen gestartet, womit die durch Corona leidlich verunsicherten Zuschauer nur schwer in die Säle zu locken sind. Die Branche setzte deshalb alle Hoffnung auf zwei große Titel, die das Kino retten und das Publikum zurückbringen sollten: das Disney-Epos „Mulan“ und eben Nolans „Tenet“. Beide wurden immer wieder verschoben.

„Mulan“ sollte dann am 20. August starten, wird nun aber ausschließlich als Video-On-Demand gezeigt (wir berichteten). Auch bei „Tenet“ gab es ein langes Hin und Her. Am 20. Juli wurde verkündet, dass er auf Unbestimmt verschoben sei. Nur eine Woche später aber hieß es, dass er nun doch am 26. August startet, eine ganze Woche vor dem US-Start.
Alle Erwartungen lasten auf diesem Film
Das zeigt nur, wie unsicher auch die großen Studios in der Corona-Krise sind. Nun lasten alle Erwartungen auf diesem einen Film, die ihn fast zu erdrücken scheinen. „Tenet“ als Heilsbringer: Ist es überhaupt möglich, dass ein Film allein die Kinos rettet?
So viel jedenfalls ist gewiss: „Tenet“ schenkt uns die Lust am Kino, die einem in den vergangenen Wochen eher ausgetrieben wurde, zurück. Diesen Film muss man gesehen haben. Und zwar auf großer Leinwand. Vielleicht sogar mehrfach. Weil einem sonst zu viele Details entgehen.
Bond muss sich warm anziehen
„Tenet“ ist quasi ein Bond-Film mit Science-Fiction-Ebene. In der Zukunft wird eine Waffentechnik entwickelt, die rückwärts arbeitet. Also erst Treffer, dann Schuss. Auf mysteriöse Weise gelangt diese Technik in die Gegenwart. Und in die falschen Hände: die eines russischen Oligarchen (Kenneth Branagh), der damit mal wieder die Welt zerstören will. Ein Agent wider Willen (John David Washington, der Sohn von Denzel Washington), der keinen Namen trägt und sich selbst nur als „der Protagonist“ bezeichnet wird, muss diesen Mann und diese Waffe stoppen. Mal wieder ein Wettlauf gegen die Zeit, aber diesmal im wörtlichen Sinn.
Spektakulär schon der Auftakt, wenn Terroristen die Kiewer Oper stürmen. Und doch ist das nur eine Mutprobe, ob der Agent seiner Aufgabe gewachsen ist. Der wird dann in der Folge, in bester Bond-Manier, um die halbe Welt jetten, an schönste exotische Flecken, wird immer wieder in effektvolle Gefechte verwickelt, die er stets in immer neuen, feinen Anzügen meistert. Wie Bond muss auch er sich an die Frau des Oligarchen, Kat (Elizabeth Debicki), heranmachen, um mit dem Schurken in Kontakt zu treten. Aber im Gegensatz zu Bond ist hier für touristische Werbebilder keine Zeit. Auch nicht für Sex.

Immerzu peitscht Nolan die Handlung voran. Und zurück. Denn irgendwann muss der „Protagonist“ selbst invertieren, das heißt gegen die Zeit anlaufen. Und dann sehen wir viele Szenen, die wir schon gesehen haben, plötzlich rückwärts und neu. Und viele kleine Details, die man vorher noch als unmotiviert oder gar als Fehler befunden hat, wie eben der Sprung im Rückspiegel, bekommen plötzlich tiefen Sinn. Bald ahnt man: Irgendwann wird der „Protagonist“ auch mit sich selber ringen. Helden sind ja nur dann wirklich interessant, wenn sie auch Ängste und Zweifel haben. Aber dass sie ganz real mit sich selber ringen, das ist doch ziemlich einzigartig.
Versuchen Sie nicht, es zu verstehen
Nur ein Nolan kann es sich leisten, dabei auch noch über temporale Zangen und das Großvater-Paradoxon (Kann es mich überhaupt geben, wenn ich durch die Zeit reise und meine Vorfahren töte?) zu räsonieren. Klingt zu versponnen? Zu kompliziert? Immer wieder fallen in diesem Film Sätze wie „Versuchen Sie nicht, es zu verstehen“, „Sie denken zu linear“ oder „Mich überrascht nichts mehr“. Wie als Trost, falls man selber mal nicht so mitkommt. Aber letztlich ist die Inversion ein großer Dreh- und Angelpunkt, der dem Zuschauer im corona-bedingt halbleeren Kinosaal aus der Seele spricht: weil er die Zeit zurückdreht. Das möchten wir doch alle derzeit.
In vieler Hinsicht ganz nah am Puls der Zeit
Es gibt auch beklemmende Parallelen zu Corona. Nach seinem ersten Einsatz erwacht der „Protagonist“ aus dem künstlichen Koma. Später soll er einen „Lockdown“ herbeiführen. Und wer invertieren will, muss eine Sauerstoffmaske tragen, weil es sonst die Lungen zerreißt. Das deucht uns derzeit seltsam vertraut.
Und dass der Ex-Teenieschwarm Robert Pattinson nur die zweite Geige spielt, die Hauptrolle aber der Afroamerikaner Washington, den man bislang nur aus Spike Lees „BlacKkKlansman“ kennt, ist, so kurz nach George Floyd und der Black-Lives-Matter-Bewegung, auch das richtige Signal. Nolan ist seiner Zeit vielleicht nicht voraus, aber es ist schon unheimlich, wie nah er am Puls der Zeit ist.
Hoffen wir, dass „Tenet“ auch in der derzeitigen Kinokrise die Zeit zurückdrehen kann. James Bond jedenfalls muss sich warm anziehen. Am liebsten möchte man „Tenet“ gleich noch mal sehen. Vorwärts oder rückwärts.
Thriller USA 2020 138 min., von Christopher Nolan, mit John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh, Clémence Poésy, Aaron Taylor-Johnson, Michael Caine


