Es der Sommer 2018 in Berlin, die Luft flirrt, es ist genauso heiß wie in diesen Tagen. Die 14-jährige Nora (Lena Urzendowsky) lebt mit ihrer älteren Schwester Jule (Lena Klenke) in einer Wohnung an der Kreuzberger Admiralsstraße, der Blick vom Balkon fasst den ganzen Mikrokosmos des Kottbusser Tors in den Blick: das nächtlich erleuchte Viadukt der U-Bahn, den ruhelosen Kreisverkehr, den wuchtige Gebäuderiegel des Zentrums Kreuzberg, der sich über die Adalbertstraße schiebt.

Die beiden Mädchen hängen mit Freundinnen zusammen kiffend auf dem Balkon herum, sie entdecken schimmelige Lebensmittel im Kühlschrank, sie spielen „Fingerkloppe“ mit Freunden in der Shisha-Bar. Nora betreibt zum Leidwesen ihrer Schwester eine kleine Raupenzucht in einem Regal des gemeinsamen Schlafzimmers.

Es ist ein Leben, in dem die Abwesenheit von Eltern schon nach wenigen Minuten auffällig wird – auch wenn wir die Mutter bald kennenlernen. Aber Vivienne (Anja Schneider) ist auch dann abwesend, wenn sie gegenwärtig ist, denn sie ist entweder betrunken oder verkatert. Als die beiden Mädchen sie zu ihrem Geburtstag mit einem Frühstück überraschen wollen, dreht sie sich nur grunzend im Bett um und vertröstet sie auf später. Die Enttäuschung ist groß.

Die Stadt liegt ihnen zu Füßen: Nora lebt mit ihrer Schwester Vivienne (Anja Schneider, M.) direkt am Kottbusser Tor.
Die Stadt liegt ihnen zu Füßen: Nora lebt mit ihrer Schwester Vivienne (Anja Schneider, M.) direkt am Kottbusser Tor. © salzgeber

Aber die prekäre Familiensituation ist, darin vergleichbar vielleicht mit Wolfgang Herrndorfs Coming-of-Age-Roman „Tschick“ (2010), nur ein Hintergrundrauschen in diesem bezaubernden Film, bei dem die 35-jährige Leonie Krippendorff für Buch und Regie verantwortlich zeichnet.

Er handelt von der spannenden Phase des Übergangs zwischen Jugend- und Erwachsenenleben – dafür das Leitmotiv von der sich verpuppenden, schließlich als Schmetterling in die Lüfte steigenden Raupe zu wählen, kann nur allzu naheliegend finden, wer es nicht in der anrührenden, ideenreichen Ausführung dieses Films gesehen hat.

Die Familie ist nicht mehr zu reparieren

Nora und Jule besuchen eine Kreuzberger Schule – und kommen dort den zentralen Themen ihres Lebensabschnitts besonders nah. Sie nehmen Babysimulationspuppen mit nach Hause, die jederzeit zu umsorgen sich als große Belastung erweisen wird – und übrigens auch als ungeeignet, die alkoholkranke Mutter wieder in das Familienleben zu integrieren. Im Sportunterricht bekommt Nora ihre erste Periode, ausgerechnet in dem Moment, als sie für jedermann sichtbar auf einem Schwebebalken balanciert. Es ist die neue Mitschülerin Romy (Jella Haase), die Nora beim Auswaschen ihrer Kleider hilft – und fortan kreist der Film über die erwachende Liebe zwischen Nora und Romy.

Ihre Passion zu einer Raupe, die zum Schmetterling wird, erzählt natürlich auch viel über Nora selbst.
Ihre Passion zu einer Raupe, die zum Schmetterling wird, erzählt natürlich auch viel über Nora selbst. © salzgeber

Mit großer Sensibilität und Diskretion macht der Film diese Annäherung erfahrbar. Und dass das so überzeugend gelingt, ist vor allem ein Verdienst der Hauptdarstellerin Lena Urzendowsky -- der jüngeren Schwester des unter anderem aus „Babylon Berlin“ bekannten Schauspielers Sebastian Urzendowsky.

Schönster Sommerfilm seit „Sommer vorm Balkon“

In ihrem Gesicht spiegeln sich alle Nuancen verliebter Wirrungen – am überzeugendsten vielleicht in einer Szene, in der sie ihrer Lehrerin erklärt, sie sehe Mädchen auf dieselbe Weise an, wie es sonst Jungen tun – und die Pädagogin auf dieses mutige Coming-Out nur mit Allerweltsweisheiten zu reagieren weiß: Sie sei ja erst 14 Jahre alt, so etwas gehe auch wieder vorbei. Deutlicher als in dieser Szene hat man die Einsamkeit des Erwachsenwerdens lange nicht auf der Leinwand gesehen.

Aber wir sehen auch das große Glück, das dazu gehört – beim nächtlichen Einbruch ins Freibad, beim ersten, unsicheren Kuss, beim Lachen mit Freunden. Man wird noch einmal sehr jung beim Ansehen dieses Films. Und das alles vor der berauschenden Kulisse eines gewaltigen Sommers in der Stadt, der seit Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“ (2004) nicht mehr so überzeugend in Bilder gefasst wurde.

Drama D 2020, 95 min., von Leonie Krippendorf, mit Lena Urzendowsky, Lena Klenke, Jella Haase