Warum, wird die junge Selma (Golshifteh Farahani) immer wieder gefragt, ist sie bloß aus Europa zurückgekehrt? Wo doch alle nur davon träumen, aus Tunesien wegzukommen. Doch die Psychotherapeutin, die im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern nach Paris auswanderte, will hier eine Praxis eröffnen. Das ist wohl auch eine Trotzaktion gegen das väterliche Exil. Vor allem aber wirtschaftlicher Zwang. Denn in Paris gibt es, wie sie einmal seufzend gesteht, in jeder Straße zwölf Kollegen.

In Tunis genießt ihre Berufssparte dagegen Seltenheitswert. Doch die moderne, selbstbewusste Frau im westlichen Outfit, die ihr Haar offen trägt und weder Kinder noch auch nur einen Mann vorweisen kann, sie wird keineswegs mit offenen Armen empfangen. Nicht mal von der Familie ihres Onkels, bei der sie sich einquartiert und auf deren Dach sie ihre Praxis mit der obligatorischen Couch einrichtet.

Die Dienstleistung wird missverstanden

„Du verspottest uns“ , sagt die Tant. Und „Wir haben Gott, wir brauchen diesen Quatsch nicht“, echauffiert sich der Onkelt. Dass ihr „Chef“ auch noch Jude ist, solle sie besser keinem sagen. Gemeint ist Sigmund Freud, von dem ein Schwarzweißfoto in der Praxis hängt, mit aufgemaltem roten Fes.

Selma im Clinch mit ihrer feministischen Nichte Olfa (Aïcha Ben Miled). ).
Selma im Clinch mit ihrer feministischen Nichte Olfa (Aïcha Ben Miled). ). © PROKINO

Doch bald schon stehen die Menschen Schlange auf der Treppe zum Dach. Anfangs wollen die Frauen allerdings nur Krankschreibungen und Pillen. Und die Männer ziehen sich schon mal vor Selma aus, weil sie das mit der Dienstleistung und der Couch missverstehen.

Aber bald weiß sich Selma auch nicht vor „echten“ Klienten zu retten, die nicht ganz richtig im Dachstübchen sind und das in ihrer Dachstube kurieren wollen. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Männer, die heimlich Damenkleider tragen. Und junge Feministinnen, die moderne Haarschnitte unter ihrem Kopftuch verbergen – und auch einen Schwulen heiraten würden, um nur wegzukommen.

Im Widerstreit zwischen Tradition und Moderne

„Auf der Couch in Tunis“ beginnt wie eine Komödie à la Woody Allen über Neurotiker, die die Krisen mit ihren Mitmenschen nur auf der Couch eines Fremden, nicht aber miteinander klären können. Nur eben in Tunis und nicht in New York. Doch Regisseurin Manele Labidi, selbst Pariserin mit tunesischen Wurzeln, geht es um mehr, wie sich schon bald zeigt.

Denn 24 Jahre Diktatur unter Zine el-Abidine Ben Ali sind nicht spurlos an den Menschen vorbeigegangen. Der Film zeigt eine Gesellschaft im Umbruch und im Widerstreit zwischen Tradition und Moderne. Die ganze junge Demokratie liegt hier quasi auf der Couch und wird einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen.

Schutz oder Bedrohung? Immer wieder trifft Selma auf den  Polizisten Naïm  (Majd Mastoura).
Schutz oder Bedrohung? Immer wieder trifft Selma auf den Polizisten Naïm (Majd Mastoura). © PROKINO

Ein Patient leidet unter Verfolgungswahn und glaubt überall gehört zu werden. Der Imam aus dem Erdgeschoss leidet still an einer Depression und unternimmt sogar einen Selbstmordversuch. Und selbst der Onkel gesteht seiner Nichte schließlich, wie er bei der Revolution mitgekämpft hat. Alle können erst mal nicht reden. Weil sie alle so lange schweigen und still sein mussten, dass es ihnen fast in die DNA eingebrannt ist.

Auf ein schnulziges Happy-End wird verzichtet

In dieser leichten Komödie werden also ganz schwere Themen verhandelt. Dabei weitet sich der Blick auch bald, weil Selma noch gar keine Zulassung hat und die Besorgung derselben zu einer bürokratischen Odyssee ausufert, weil sie zwar alle nötigen Papiere vorweisen kann, aber dennoch die Empfehlung eines „höheren Beamten“ braucht.

Statt ihren Fall zu bearbeiten, geht die Sachbearbeiterin lieber ihrem Zweitjob nach und will Selma Hehlerware andrehen. Außerdem taucht immer wieder ein Polizist (Majd Mastura) bei Selma auf, der ihr deutliche Avancen macht und doch auch die ehemalige Schreckensherrschaft des Obrigkeitsstaates verdeutlich.

Dabei verkneift sich Regisseurin Labidi ein schnulziges RomCom-Finale. Das Happy End besteht vielmehr darin, dass die Leute sich öffnen und miteinander reden.

Komödie Frankreich 2020 89 min, von Manele Labidi, mit Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Aïcha Ben Miled