Neu im Kino

Was vom Vater bleibt

Judd Apatow erzählt von einem jungen Mann auf der Suche nach sich selbst. Für den Hauptdarsteller war das nicht nur eine Filmrolle.

Der Tod seines Vaters (Steve Buscemi, r.) wirft den jungen Scott (Pete Davidson) aus der Bahn. Das hat der Schauspieler auch im echten Leben durchlitten.

Der Tod seines Vaters (Steve Buscemi, r.) wirft den jungen Scott (Pete Davidson) aus der Bahn. Das hat der Schauspieler auch im echten Leben durchlitten.

Foto: Mary Cybulski / dpa

Bevor man sich diesen Film, der am Donnerstag ins Kino kommt, ansieht, sollte man einige Dinge über seinen Hauptdarsteller Pete Davidson wissen, der hierzulande nicht annähernd so bekannt ist wie in den USA. Davidson ist 26 Jahre alt und kam im New Yorker Stadtbezirk Staten Island zur Welt. Sein Vater, ein Feuerwehrmann beim New York City Fire Department, starb bei den Rettungsarbeiten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Davidson, damals acht Jahre alt, und seine jüngere Schwester wuchsen bei der Mutter auf, die als Schulkrankenschwester arbeitet. Nach ersten Versuchen in der Stand-up-Comedy mit 16 und Auftritten in verschiedenen Comedy-Formaten gelang ihm mit nur 20 Jahren der Durchbruch, als er ins feste Ensemble des NBC-Flaggschiffs „Saturday Night Live“ aufgenommen wurde. Davidson erzählt auf der Bühne offenherzig von der Trauer um den Vater und von seinen Drogenproblemen, oft grundiert von schwarzem Humor.

Der Trailer zum Film: „The King of Staten Island“

Das alles ist wichtig, weil uns dieser Mensch mit einer ganz ähnlichen Lebensgeschichte in „The King of Staten Island“ wieder begegnet, der Film also gewissermaßen semibiografisch ist. Davidson spielt Scott Carlin, 24 Jahre alt, der mit seiner Schwester bei der alleinerziehenden Mutter lebt und seinen Vater, einen Feuerwehrmann, bei einem Brand in einem Hotel verloren hat.

Scott hat mit einer ganzen Reihe von Problemen zu kämpfen, die mit diesem Trauma im Zusammenhang stehen, unter anderem eine Hyperaktivitätsstörung, er raucht auch gewohnheits- und übermäßig Marihuana. Vor allem aber ist er das, wofür es im Englischen den Begriff „Slacker“ gibt: ein Jugendlicher, der sich weigert, erwachsen zu werden, stattdessen lieber den ganzen Tag vor Videospielen herumhängt und Witze über Mitmenschen macht, die auf Ausbildung und beruflichen Fortschritt Wert legen.

Eine echte Lebensgeschichte, nur leicht fiktionalisiert

Dass Regisseur Judd Apatow für solche Charaktere ein großes Herz hat, weiß jeder, der sich zum Beispiel an seine international sehr erfolgreiche Komödie „Jungfrau (40), männlich, sucht ...“ aus dem Jahr 2005 erinnert – darin ging es um einen Actionspielzeug sammelnden und ebenfalls videospielenden 40-Jährigen ohne sexuelle Erfahrung.

Auch in „Funny People“ (2009) stand mit George Simmons (Adam Sandler) ein eher depressiver, desillusionierter Protagonist im Zentrum der Geschichte. Dass er nun erstmals eine echte Lebensgeschichte in nur leicht fiktionalisierter Form auf die Leinwand bringt, verleiht diesem schönen Film einen Resonanzraum, der über ihn selbst hinausreicht.

Denn auch wenn er nichts im Leben im Griff hat: Dieser Scott Carlin gewinnt die Herzen der Zuschauer sofort. Das liegt daran, dass er seinen Verlustschmerz weder versteckt noch unterdrückt, sondern ihn wie eine zweite Haut trägt – und ihn gern mit sarkastischem Humor bekämpft. „Klopf, klopf“, ruft ihm einer seiner Freunde zu.

„Wer ist da?“, fragt Scott. „Nicht dein Vater!“, lautet die Antwort, und Scott lacht daraufhin so herzergreifend, dass man ihm schon erlegen ist. Dass er mit seiner Gelegenheits-Sex-Partnerin Kelsey (Bel Powley) keine offizielle Beziehung eingehen will, ist psychologisch vollkommen plausibel: Wie sollte dieser Scott ohne Bindungsängste durchs Leben gehen?

Scott hat auch Pläne, nur sind die leider vollkommen indiskutabel. Er will eine Kombination aus Tätowierstudio und Restaurant namens „Ruby Tattuesdays“ eröffnen. Hinweise aus seiner Umgebung, das eine vertrage sich nicht mit dem anderen, schlägt er in den Wind. Als ihn eines Tages ein Neunjähriger bittet, ihm ein Tattoo zu stechen, macht er das tatsächlich – und nur ein paar Stunden später steht der aufgebrachte Vater Ray (Bill Burr) vor der Haustür, um einen wütenden Schreikrampf vorzutragen.

Scotts Mutter Margie (Marisa Tomei) lernt Ray auf diese Weise kennen, der bald darauf um sie zu werben beginnt. Ray ist ebenfalls Feuerwehrmann, und als Scott von der neuen Liebschaft seiner Mutter erfährt, verliert er die Nerven. Noch schlimmer wird es, als das neue Paar dem 24-Jährigen eröffnet, er müsse sich jetzt eine eigene Bleibe suchen.

Scott nimmt Kontakt zu Rays Ex-Frau Gina (Pamela Adlon) auf, die ihm erwartungsgemäß von dessen weniger sympathischen Eigenschaften erzählt. Als Scott diese seiner Mutter weitertratscht, kommt es zur großen Konfrontation mit Ray – mit einem Ergebnis, das für beide gleichermaßen unerfreulich ist.

Fein ausgearbeitetes Drehbuch mit kleinen Untergeschichten

Die Liebe, Trauer und das Ende der Kindheit: Judd Apatow nimmt sich 136 Minuten Zeit für diese Geschichte, die so viele große Lebensthemen streift. Dass es niemals langweilig wird und die Spannung gehalten wird, liegt an einem sehr fein ausgearbeiteten Drehbuch (Apatow schrieb es zusammen mit Pete Davidson und Dave Sirus), das sich immer wieder neue, kleine Subgeschichten erlaubt, bevor es zur Haupthandlung zurückkehrt. Wie die Figuren ihre Rolle im Leben suchen und finden, ist ohne Kitsch und lebensnah erzählt. Ein ergreifender Film, dem man gerade in Zeiten der Pandemie ein breites Publikum wünscht.

Komödie USA 2020, von Judd Apatow, mit Pete Davison, Marisa Tomei, Bill Burr, Steve Buscemi