Kleinkunst

Neustart von Tipi und Bar: Bloß nicht den Humor verlieren

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
Maren Kroymann darf singen, die Geschwister Pfister halten ein Schutzplexiglas, und Bar-Betreiber Holger Klotzbach putzt es blank.

Maren Kroymann darf singen, die Geschwister Pfister halten ein Schutzplexiglas, und Bar-Betreiber Holger Klotzbach putzt es blank.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Im September öffnen die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt wieder. Maren Kroymann und die Geschwister Pfister rüsten sich schon.

Sie haben den Schalk im Nacken, und das stellen sie auch gleich unter Beweis. Zunächst sind Maren Kroymann und Christoph Marti und Tobias Bonn von den Geschwistern Pfister ja etwas geschockt, als sie die Bar jeder Vernunft betreten. Weil, um den neuen Sicherheits- und Abstandsregelungen gerecht zu werden, so viele Tische weggeräumt sind und das Zelt leer ist wie nie.

Aber sogleich nimmt Frau Kroymann das neue, jetzt mit Plexiglas verstärkte Mikrofon in die Hand und tut so, als ob sie singe. Die Pfisters hieven eine der Plexiglasscheiben, die auf den Tischen vor den Nachbarn schützen sollen, vor sie. Und Holger Klotzbach, der Betreiber der Bar jeder Vernunft, zückt Lappen und Desinfektionsspray, um die Scheibe zu polieren. Alles zur Gaudi des Fotografen. Seht her, so die buchstäblich glasklare Botschaft: Hier wird alles für Ihre Sicherheit getan.

Lange will Ursli Pfister so nicht arbeiten: „Dann war’s das“

Nach der coronabedingten Zwangsschließung aller Bühnen wird am 2. September der Spielbetrieb in der Bar jeder Vernunft wieder aufgenommen, zwei Tage später auch im Tipi am Kanzleramt, Klotzbachs zweites Kleinkunstbühnenzelt. Ein Neustart allerdings mit drastischen und schmerzhaften Einschränkungen: In der Bar können nur 110 Plätze angeboten werden statt sonst 230, also weniger als die Hälfte.

Und das ist noch viel, dank der abgetrennten Logen. Im Tipi können nur 180 Karten verkauft werden statt 530, also gerade mal ein Drittel. Unter diesen Bedingungen kostet eine Abendveranstaltung mehr, als sie einbringt. Aber die Pforten wieder zu eröffnen, das muss einfach sein, um ein Zeichen zu setzen. Es ist bloß zu hoffen, dass das Publikum auch wieder kommt und nicht ängstlich zu Hause bleibt.

Hat man da als Bühnenbetreiber Angst? „Angst nicht, aber optimistische Sorgen“, gibt Klotzbach zu. Immerhin zahlt sich jetzt aus, dass in der Bar vor drei Jahren die Klimaanlage von Umluft auf Frischluft umgerüstet wurde. Klotzbach hofft nun, dass die Gäste sich nach all den Wochen, in denen einem wahrlich nicht zum Lachen war, wieder unterhalten wollen. Und er nimmt es, darin ist er ein Meister, wie sollte er derzeit aber auch anders, mit Humor, wenngleich mit staubtrockenem: „Ich lade alle, die sich immer beschwert haben, dass es bei uns zu eng ist, ein: Ihr könnt jetzt kommen.“

Nichts wird so sein wie sonst

Die Stars der Berliner Kleinkunstbühnen kommen auch. In der Bar treten demnächst Tim Fischer, Maren Kroymann, Georgette Dee und Klaus Hoffmann auf, im Tipi Désirée Nick, Katharine Mehrling, Ass-Dur sowie Ursli und Toni Pfister. Aber nichts wird so sein wie sonst. Die zwei männlichen Drittel der Geschwister Pfister etwa wollten eigentlich ihre aktuelle „Cindy & Bert“-Show spielen, aber das geht nicht, weil dort auch 14 Tänzer und Sänger auf der Bühne stünden. Stattdessen treten sie jetzt mit ihrem Dauerbrenner als Mireille Mathieu und Peter Alexander auf.

Dabei dürfen sie aber nicht, wie in allen ihren Shows üblich, durchs Publikum laufen, wie Tobias Bonn anmerkt, und nur abwechselnd singen, nicht aber im Duett. Die Regeln auf der Bühne seien ziemlich streng, meint er lapidar, „europaweit wohl ziemlich einzigartig“. Und Klotzbach ergänzt: „Da hat der Müller wohl Angst vor dem Söder.“

Überall wird aber derzeit diskutiert, warum in Flugzeugen und U-Bahnen kein Mindestabstand eingehalten werden muss, auf Bühnen und in Konzertsälen aber schon. Und mit wachen Augen schaut man auf andere Länder, wo der Mindestabstand nur einen Meter beträgt. Und alle hoffen, dass es zum Auftakt des Spielbetriebs noch zu weiteren Lockerungen kommt.

Freunde und Eltern greifen ihnen finanziell unter die Arme

Den Lockdown haben die Künstler so erlebt wie ihre Fans auch: zu Hause. Das war kurz vielleicht sogar eine willkommene Auszeit. Aber finanziell ist es natürlich eine Katastrophe. „Was wir uns 30 Jahre lang erarbeitet haben, das ist jetzt weg“, meint Ursli Pfister alias Christoph Marti und ringt um Fassung. „Und das kommt auch nicht einfach wieder, da nutzen auch keine Plexiglasscheiben.“ Jetzt würden schon Freunde und Eltern anfangen, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen, damit es weitergeht.

Auch von den Fans gab es nicht nur Zuspruch, sondern sogar Spenden. Wobei vor allem die Geste unbezahlbar war, wie Tobias Bonn alias Toni Pfister meint. Sie haben allerdings auch andere Erfahrungen gemacht: „Wenn man mal postet, wie kompliziert der vereinfachte Zugang zur Grundsicherung ist, gibt es auch Kommentare wie: Hört mal auf zu jammern, der wahre Künstler singt heute umsonst vor Altersheimen und verdient sein Geld mit Spargelstechen.“

„Ich hab’ ja Schwein, ich habe das Fernsehen“, meint Maren Kroymann, womit sie auf ihre vielfach preisgekrönte Kabarettsendung „Kroymann“ anspielt, für die sie gerade den Deutschen Fernsehpreis als beste Autorin erhalten hat. Da könne sie es sich auch leisten, wieder ihr Erfolgsprogramm „In my Sixties“ zu spielen, um auch andere zu unterstützen. „Aber ich muss dafür Termine vom Fernsehen blocken und dann auch noch draufzahlen. Ich fühle mich da ein bisschen wie Florence Foster Jenkins, deren Mann die Carnegie Hall gemietet hat, damit sie auftreten konnte.“ Alle lachen.

Die Perspektiven sind nicht rosig

Tatsächlich aber kriegen die Künstler in der Bar und im Tipi keine Gage, sie sind prozentual beteiligt. Wenn nur so wenige Tickets verkauft werden können, reicht das gerade mal, um die Musiker zu bezahlen. Aber, sagt Maren Kroymann: Der Impuls, warum sie alle sich dazu entschieden haben, auf die Bühne zu gehen, war ja erst mal nicht verwertungsorientiert: „Wir wollten was sagen. Und dieser Impuls ist kostbar.“ Wobei Christoph Marti einschränkt, er habe zwar einen langen Atem und ein dickes Fell. Aber die derzeitigen Vorschriften könnten nur ein Versuch sein, kein Modell, wie man künftig arbeiten soll. „Sonst muss ich sagen“ – und das klingt umso dramatischer, wenn es von einer solchen Rampensau kommt –, „dann war’s das.“ Maren Kroymann verweist aber auf die Fans: „Das Publikum hat doch auch Sehnsucht, nicht nur wir. Die wollen auch den Sexualakt vollziehen mit uns!“

In einem sind sich die Künstler sofort einig: Die aktuellen Bedingungen darf man auf keinen Fall in den eigenen Shows verarbeiten. Das Wort Krise dürfe nicht mal fallen (Bonn), die Stimmung sei sonst gleich Null (Marti), das Publikum sei ohnehin informiert und wolle auch mal vergessen (Kroymann). Und Holger Klotzbach weiß zu berichten, wie kurz die Halbwertszeit solcher Aktualisierungen ist. Thomas Pigor vom Kabarettduo Pigor & Eichhorn habe vor Wochen ein Chanson über Corona geschrieben, musste aber feststellen: Noch nie hat sich ein Lied schneller überholt.

Der Vorverkauf beginnt am 21. Juni

Der Zelte-Chef hofft jetzt auf den Neustart. Der Vorverkauf beginnt am 21. Juni. Und als Vorgeschmack werden Ende August auf einer großen Leinwand vor dem Tipi Aufzeichnungen ihrer Hits „Das weiße Rössl“, „Frau Luna“ und „Die drei alten Schachteln in der Bar“ Open Air und gratis gezeigt. Bis Jahresende, rechnet Klotzbach, werden seine Bühnen wohl noch auf offzielle Unterstützung angewiesen sein. „Danach gehe ich betteln“, so der 74-Jährige, „oder ich nehme halt wieder einen Kredit auf, wie ich das schon mal gemacht habe, und der wird dann 20 Jahre abgezahlt.“ Schalk und Wagemut gehen hier Hand in Hand.

Der Vorverkauf am 21. Juni: https://www.bar-jeder-vernunft.de/de/programm/kalender.html

und https://www.tipi-am-kanzleramt.de/de/programm/kalender_2020_09.html