Ausstellung

„Eine angenehme Vollbremsung“

Das renommierte Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger reflektiert 25 Jahre seines Schaffens im Haus am Waldsee.

Die Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger in der Installation „Between Two Walls“.

Die Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger in der Installation „Between Two Walls“.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Jene, die über Kunst schreiben und sprechen, spielen gern mit Begriffen, von denen die Betrachter und Betrachterinnen im besten Fall nur eine vage Idee haben: der Raum, die Form, das Innen und Außen. Mit der Architektur muss man konkreter werden: Raum begreift, wer in ihm steht und ihn berühren kann. In Sand gegossene Leichtbetonwände haben eine raue, kalte Oberfläche. Und hätte man beim Eintritt in die Schlucht zwischen diesen Wänden nicht die Neuartigkeit des Materials erkannt, fast hätte man gedacht, man befände sich zwischen zwei maroden Berliner Häusern der Nachkriegsjahre.

So ähnlich hat sich das deutsch-amerikanische Architektenduo Barkow Leibinger seine Arbeit „Between Two Walls“ gedacht. Die Betonschlucht, die auf das Haus am Waldsee zuführt, zitiert die Entwicklung Berlins, seitdem die beiden 1993 ihr Büro in Charlottenburg eröffneten. Die Ausstellung „Revolutions of Choice“ in Zehlendorf bietet nun das erste Mal einen Überblick auf 25 Schaffensjahre. Der Amerikaner Frank Barkow erwähnte 2016 in einem Interview das große Möglichkeitenspektrum digitaler wie analoger Techniken, mit denen sich Entwürfe heute realisieren lassen. Forschung ist seit jeher ein Bestandteil des Schaffens der Architekten. Barkow und Regine Leibinger lernten sich beim Studium in Harvard kennen, wohin sie nach einigen Jahren in die Lehre zurückkehrten. Leibinger hatte von 2016 bis 2018 eine Professur an der Technischen Universität in Berlin inne, derzeit teilen sie sich eine Professur in Princeton.

Das Erdgeschoss der von Ludwig Engel kuratierten Ausstellung zeigt Modelle und Materialstudien. Die Auswahl bezeichnet Regine Leibinger als „angenehme Vollbremsung“ – plötzlich zurückgeworfen auf Studien, die sich in drei Lagerhallen angestaut hatten und die Architekten zwangen, ihr Schaffen zu reflektieren. Die Modelle zeigen bekannte Arbeiten, darunter den Entwurf zum „Tour Total“, der unweit des Hauptbahnhofes steht, die Hauptpforte und das Auditorium des Maschinenherstellers Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart – das Familienunternehmen, aus dem Leibinger stammt und mit dem sie als Architektin eng zusammenarbeitet, was auch das Experimentieren mit Bauteilen und Materialien wie Infraleichtbeton begünstigt haben mag.

Bekannt wurde das Duo mit Industriebauten. Die Raumkunst wird erlebbar beim Gang durch ein Labyrinth geflochtener Metallstreben, vor Prototypen von Hochhäusern in verschiedenen Ausführungen. Mit Pavillons rücken die Architekten in die Nähe der Land Art. Im Garten des Museums steht eine metallene Neuinterpretation des Serpentine-Pavillons „Summer House“ von 2016, nun als „Summer House II“. In der Sonne spiegeln sich die Bänder und Schlaufen, das Metall nimmt die Wärme der Umgebung an, der Blick schweift über Garten und See. Derzeit plant das Duo den Bau des Estrel-Towers in Neukölln, der zum höchsten Hotelbau Deutschland und höchstem Gebäude Berlins erwachsen soll.