Das Geniale und das Profane liegen oft nah beieinander. Etwa die Fanfare aus dem letzten Satz von Beethovens Fünfter Sinfonie. „Das“, findet Axel Ranisch, und das ist eine steile These, sei letztlich „der Stoff, aus dem ,Alle meine Entchen’ gemacht ist.“ „Nichts gegen ,Alle meine Entchen’“, kontert Devid Striesow. „Daraus hat Smetana ,Die Moldau’ komponiert. Nur in moll. Deswegen auch ,moll-dau’.“ Auf dem breiten Feld der klassischen Musik liefern sich die zwei ein verbales Pingpongspiel. Wobei ihre Bälle selten im Netz landen.

Dabei verbindet man die beiden erst mal nicht mit Musik. Devid Striesow ist einer der bekanntesten Film- und Theaterschauspieler mit einer breiten Palette von Martin Luther bis „Tatort“, auch als Hape Kerkeling war er schon mal weg. Axel Ranisch wurde bekannt als Underground-Regisseur von Low- bis No-Budget-Filmen wie „Dicke Mädchen“, der sagenhafte 517,32 Euro kostete. Bis er dann auch zu „Tatort“-Meriten kam, wenn auch nicht mit Striesow.

Musikhören als Pingpongspiel, für Laien und Kenner

Und doch haben beide mehr mit klassischer Musik zu tun, als man denkt. Striesow spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Geige, hat dann auch Gitarre gelernt, wollte lange Jazzgitarrist werden und spielte in einer Band. Bis er sich vor zehn Jahren bei einem Theater-Gastspiel in Liechtenstein die Hand brach. „Ganz schlimm, einmal diagonal durch den Knochen“. Seither spielt er nur noch für sich selbst, das Musizieren musste er noch mal ganz von vorn erlernen.

Große Popularität erlangte Devid Striesow nicht zuletzt durch seine Rolle als „Tatort“-Kommissar in Saarbrücken.
Große Popularität erlangte Devid Striesow nicht zuletzt durch seine Rolle als „Tatort“-Kommissar in Saarbrücken. © dpa | Manuela Meyer

Auch Ranisch hat sich die Klassik schon als Kind entdeckt. Allerdings erst mal passiv. Als er 14 wurde, hat er sich dann statt eines Mopeds ein Klavier gewünscht. Gar nicht so sehr, um zu spielen, sondern um Komponieren zu lernen. Wo er allerdings seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte. Sein Wissen in der Klassik ist dennoch enorm.

Den Podcast gibt es seit zwei Jahren

Nach seinen ersten Filmerfolgen wurden ihm auch Operninszenierungen angeboten, was er die letzten Jahre bevorzugt gemacht hat. Zuletzt hat er den „Rigoletto“ für die Opéra Lyon inszeniert. Just am Tag der Premiere aber rief Frankreich den Lockdown aus. Alle Arbeit umsonst. Ranisch konnte noch von Glück sagen, dass er zurück nach Deutschland kam, bevor die Grenze geschlossen wurde.

So unterschiedlich ihre Lebensläufe, so unterschiedlich auch ihre Erfahrungen mit Musik. Und doch tauschen sich die beiden Berliner darüber bereits seit zwei Jahren regelmäßig aus. Und sind damit zumindest einem Fachpublikum bekannt: durch ihren Radio-Podcast „Klassik drastisch“ auf Deutschlandfunk. Jetzt bereiten sie ihre Leidenschaft noch mal anders auf. Mit dem Buch „Klassik drastisch. Lippenbekenntnisse zweier Musik-Nerds“, worin jeder einzeln erzählt, was er in seinem Leben mit Musik verbindet. Aber dann philosophieren beide eben auch zusammen über Beethoven, Smetana und alle ihre Entchen.

Low- bis No-Budget: Axel Ranischs Regiedebüt „Dicke Mädchen“ kostete legendäre 517,32 Euro.
Low- bis No-Budget: Axel Ranischs Regiedebüt „Dicke Mädchen“ kostete legendäre 517,32 Euro. © dpa | missingFILMs

Auch dieses Buch war, wenn auch nicht so drastisch wie der „Rigoletto“, ein Corona-Opfer. Es sollte eigentlich schon im März erscheinen. Stattdessen erscheint „Klassik drastisch“ nun am 15. Juni. Weshalb wir die beiden getroffen haben. In Ranischs Wohnung in einem Plattenbau in Lichtenberg, wo die beiden sich auch immer zur Vorbereitung für ihren Podcast treffen.

Geprobt wird im Plattenbau

War gar nicht leicht, einen Termin zu finden. Der 46-jährige Striesow ist schon wieder ziemlich verplant, wo Dreharbeiten langsam wieder anlaufen. Und der zehn Jahre jüngere Ranisch schreibt gerade auf seinem Hausboot in Brandenburg an einem Krimi und einer Hörspielserie. Nun fläzen sich die beiden auf Ranischs Sofa. Und nehmen für den Fotografen auch eine Theaterbüste von Karl Marx in ihre Mitte. „Tun wir doch so“, frotzeln sie, „als sei es Brahms.“

Wie haben die beiden überhaupt zueinander gefunden? Dazu erzählen sie eine hübsche Anekdote, so wie sie das auch gern in ihrem Podcast tun. Und auch daraus wird Pingpong, wenn der eine beginnt und der andere den Ball aufnimmt. Ein eingespieltes Team eben, bei dem nur der Journalist irgendwann nicht mehr genau weiß, von wem welcher Teil des Satzes kam. Es war jedenfalls bei Dreharbeiten von „Zorn“, der TV-Krimireihe, in der Ranisch auch als Schauspieler zu erleben war, als zweite Hauptfigur. Im bisher letzten der fünf Filme hatte Striesow eine Gastrolle.

Zwei Musik-Nerds: Devid Striesow und Axel Ranisch bei ihrem Podcast „Klassik drastisch".
Zwei Musik-Nerds: Devid Striesow und Axel Ranisch bei ihrem Podcast „Klassik drastisch".© Deutschlandfunk

Sie lernten sich am Set kennen. Und mussten sich für eine Großaufnahme auf einem riesigen Schrottplatz ewig im Regen im Arm halten. „So erstarrt ineinander geschlungen“, meint Striesow, „haben wir uns wohl irgendwann ins Ohr geflüstert: Sag mal, stehst du auch auf Klassik?“ Nein, legt Ranisch noch eins drauf: „Wir müssen uns zusammen gesungen haben.“ Da war also gleich ganz viel Nähe und eine große gemeinsame Leidenschaft.

Und wie der Zufall manchmal so spielt, rief kurz darauf eine Redakteurin des Deutschlandfunks bei Ranisch an, ob er nicht eine Idee für ein fünfminütiges Format habe. Hatte er: „Ja, ich möchte über klassische Musik reden. Und am liebsten mit Devid Striesow.“ Genauso ist es dann gekommen. Seit zwei Jahren machen sie ihren Podcast, die nächsten acht Folgen sind gerade aufgenommen. Da lernt man zwei prominente Berliner noch mal von einer ganz anderen Seite kennen. Zwei in völligem Einklang.

Fünf Minuten hören, schwärmen – und mitsingen

Irgendwann rief auch die Lektorin von Ranischs letztem Roman „Nackt über Berlin“ an, ob sie ihrer Klassik-Lust nicht noch auf andere Weise frönen möchten. Striesow zuckte erst zurück. Geschrieben hat er ja noch nie. „Aber du erzählst doch laufend Geschichten“, munterte Ranisch ihn auf.

Sie wollen, darauf legen sie Wert, nicht als Experten begriffen werden. Es gebe genug andere, die kluge Sendungen über Klassik machen. Sie selbst bezeichnen sich als Musik-„Nerds“, ein, so Striesow, „klarer Kontrapunkt“. Und Ranisch attestiert: „Wir haben uns vorgenommen, dass wir einfach nur schwärmen wollen.“

Axel Ranisch und Devid Striesow im Gespräch mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander.
Axel Ranisch und Devid Striesow im Gespräch mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander. © FUNKE Foto Serivces | Sergej Glanze

Das tun sie denn auch. Zur Gaudi ihrer Zuhörer. Und hoffen, dadurch auch Leute an die Klassische Musik heranzuführen, die da noch Berührungsängste haben. Aber auch Klassik-Cracks werden die besprochenen Stücke wohl noch mal anders hören und bei Smetanas „Moldau“ vielleicht darauf acht, ob sie „Alle meine Entchen“ erkennen.

Schnelles Tempo, hohe Emotionalität

Warum heißt das Ganze aber „Klassik drastisch“? Muss man heutzutage, gerade im klassischen Bereich, besonders reißerisch agitieren, um wahrgenommen zu werden? Nee, schütteln beide den Kopf. „Wir haben“, so Striesow, „nach einem Begriff gesucht, der dieses kurze Format auf den Punkt bringt. Große Informationsdichte, schnelles Redetempo und hohe Emotionalität.“ Na ja, fügt Ranisch an: „Wir haben auch nach einem Attribut für uns gesucht.“

Anfangs hat jeder seine Lieblingsstücke mitgebracht. Inzwischen sucht man im weiten Feld der Musikliteratur, wie man sich gegenseitig überraschen kann. Wobei beide sehr viel Musik hören. In Ranischs Wohnung ist das gar nicht zu übersehen. Da stapeln sich 1400 Klassik-CDs und noch mal so viele Schallplatten.

Devid Striesow, Axel Ranisch: Klassik drastisch. Ullstein, 208 Seiten, 20 Euro. Ab 15.6. im Handel.
Devid Striesow, Axel Ranisch: Klassik drastisch. Ullstein, 208 Seiten, 20 Euro. Ab 15.6. im Handel. © Ullstein

Musik spielt bei ihm immer mit, schon beim Schreiben seiner Drehbücher gibt sie Szenen, Figuren und Rhythmus vor, auch wenn die Musik am Ende gar nicht immer zu hören ist. Für Striesow ist Klassische Musik auch ein Sensorium.

Wenn er in seiner Rollenarbeit total zerrissen ist, kann er seinen Zustand immer daran feststellen, welche Musik er hört. „Klassische Musik ist immer ein Indiz dafür, dass ich emotional in der Mitte angekommen bin.“

Zusammen musizieren werden sie nicht

Ranisch betont, dass er zwar gern Opern inszeniert, aber dem Film deshalb nicht verloren geht. Wird Striesow dann auch mal in einem seiner Filme mitspielen? „Vielleicht’“, meint Ranisch, „ja in einer meiner Opern.“ Beide lachen.

Und werden sie, als Höhepunkt des Podcast, auch mal zusammen musizieren? Striesow an der Geige, Ranisch am Klavier? Bloß nicht, beide wehren händeringend ab. „Aber wir singen ja immer mit“, sagt der eine. „Und immer leidenschaftlich“, ergänzt der andere.

Ein befreundeter Künstler aus Spanien, der wegen Corona in Deutschland hängen geblieben ist und derzeit bei Ranisch wohnt, hat kürzlich eine Podcast-Folge über Richard Wagner gehört. „Man hört zwar nichts von Wagner“, befand er, „aber zwei Verrückte, die die ganze Zeit singen.“ Er fand das cool: „Jetzt hab’ ich Lust, das Stück zu hören.“ Mission drastisch erfüllt.