Premiere

Wagners „Rheingold“ feiert Premiere auf dem Parkdeck

| Lesedauer: 8 Minuten
Volker Blech
Donald Runnicles leitet an der Deutschen Oper die Aufführung von „Rheingold" auf Parkdeck.

Donald Runnicles leitet an der Deutschen Oper die Aufführung von „Rheingold" auf Parkdeck.

Foto: Anikka Bauer / FUNKE Foto Services

Die Deutsche Oper wagt eine kleine Premiere: Generalmusikdirektor Donald Runnicles spricht über die Auflagen des Neustarts mit Wagner.

Berlin.  Die Opernhäuser weltweit sind geschlossen, aber an der Deutschen Oper in Berlin wird es am Freitag mit Wagners „Rheingold“ eine Premiere geben. Dabei handelt es sich zwar nur um eine Fassung für 22 Musiker, und die Oper wird open air auf dem Parkdeck für maximal 175 Besucher aufgeführt. Aber die Karten für die - bislang angesetzten - fünf Vorstellungen waren in zwölf Minuten ausverkauft. Das Ganze ist Chefsache, Generalmusikdirektor Donald Runnicles wird das kleine, aber mutige Opernprojekt selbst leiten.

Berliner Morgenpost: Herr Runnicles, was geht in Ihnen vor, wenn Sie nach so langer Pause wieder live ans Pult treten?

Donald Runnicles: Ich merke, wie sehr ich das vermisst habe. Musik ist meine Sprache, und ich habe zwei Monate lang nicht gesprochen. Wir alle im Haus haben Wochen hinter uns, in denen man sich wie in einem Alptraumzustand befand, alles hat sich so surreal angefühlt. Im Theaterwesen sind wir besonders von der Corona-Krise betroffen, vor allem wenn es um den Gesang, um die Chöre geht. Wir stehen hinten in der Schlange, wenn jetzt allmählich die Stadt wieder geöffnet wird.

Es wird die erste Opernpremiere nach den Corona-Beschränkungen sein. Wie haben Sie das so schnell hinbekommen?

Wir haben Glück im Unglück. Vor einigen Jahren haben wir von Iannis Xenakis das Stück „Oresteia“ auf dem Parkdeck auf­geführt und dabei festgestellt, dass man dort mit etwas Imagination eine eindrückliche Theatersituation schaffen kann. Damals wussten wir nicht, dass es jetzt eine Art Rettung für uns ist. Denn die Aufführung muss im Freien stattfinden, die Abstände unter den Künstlern und unter den Besuchern müssen eingehalten werden. Am 12. Juni sollte der neue „Ring“ im Opernhaus starten, auf den wir jahrelang so sehnsüchtig hingefiebert haben. Jetzt haben wir kurzfristig eine Genehmigung bekommen, wenigstens eine kleine Fassung an dem Tag zeigen zu können.

Die große, auf mehrere Jahre angelegte „Ring“-Tetralogie soll von Stefan Herheim inszeniert werden. Was wird in der kleinen Fassung zu erleben sein?

Die Fassung hat der sehr erfolgreiche englische Komponist Jonathan Dove gemeinsam mit dem Regisseur Graham Vick, der ein guter Freund von mir ist und an der Deutschen Oper bereits „Tristan“ und „Tod in Venedig“ inszeniert hat, geschrieben. Graham hat in Birmingham eine Operncompany, für die er bereits viele Opern für Aufführungen im Freien oder in Schulen adaptiert hat. „Rheingold“ ist jetzt auf 90 Minuten destilliert. Es gibt gewisse Sprünge, aber es ist sehr geschickt für ein Orchester mit 22 Musikern gemacht.

Wie viel wird szenisch von der großen in die kleine Premiere übernommen?

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun, Stefan Herheim ist nicht daran beteiligt. Die szenische Umsetzung hat Neil Barry Moss übernommen, der hier am Haus als Spielleiter arbeitet. Wir haben ihm gesagt: So und so ist die Situation, die Sänger müssen einen bestimmten Abstand wahren, jetzt mach was draus. Seine Lösung finde ich sehr wirkungsvoll. Bei allem darf man nicht vergessen, dass wir erst am 29. Mai die offizielle Genehmigung erhalten haben. Und bereits zwei Wochen später ist die Premiere.

Was wird aus Herheims „Rheingold“?

Wir hoffen, dass es in der nächsten Spielzeit stattfinden kann. Je nachdem, wie es sich mit dem Virus in Berlin und mit den weiteren Auflagen entwickelt, würden wir Ende September dann mit der „Walküre“ unseren „Ring“-Zyklus starten.

Das wäre gleich eine ganz große Produktion. Das klingt sportlich.

Ja, aber in Notsituationen wächst auch immer eine gewisse Kreativität. Wenn man etwas will, findet sich oft auch ein Weg. Wir wollen wieder im Opernhaus spielen.

Wie ist denn jetzt am Freitag die Abstands­regelung für die Musiker? Und was davon macht aus Ihrer Sicht Sinn und was weniger?

Ich bin kein Mediziner, wir halten uns an das, was vorgegeben wird. Die Streicher müssen anderthalb Meter Abstand zwischen sich lassen, die Bläser zwei Meter. Das macht es gerade so möglich, mit 22 Musikern auf der Terrasse hinter der Bühne zu spielen. Wir haben das auch für den Orchestergraben überprüft. Mit diesen Abständen würde man Mozarts „Fi­garo“ gut hinbekommen, allerdings mit einer kleineren Streicherbesetzung. Um die 25 bis 30 Musiker könnte man im Graben unterbringen. Wir führen gerade intensive Gespräche, welche Opern oder Kammeropern möglich wären, falls die Normalität noch auf sich warten lässt.

Dass sich die ersten Opernkarten trotz Krise so schnell verkauft haben, ist schon überraschend.

Natürlich sagen viele Menschen, wie sehr sie Musik und Oper vermissen. Dennoch waren wir äußerst gespannt. Was passiert, wenn wir fünfmal „Rheingold“ ansetzen und kein Mensch kommt, weil die Angst am Ende größer ist? Doch die Karten waren in wenigen Minuten weg. Das bewegt uns, weil das Publikum die Musik wirklich vermisst und bereit ist wiederzukommen. Selbst wenn es in diesem Fall erst einmal nur einige Hundert Besucher sind.

Sie sind als Dirigent international unterwegs. In welchen Ländern wird bald wieder kulturelle Normalität einziehen und wo wird es noch länger dauern?

Ich habe große Angst um Amerika, dass man dort wirklich längere Zeit keine richtige Oper mehr erleben wird. Die Metropolitan Opera in New York ist bis Ende des Jahres geschlossen. Die Dallas Opera hat jetzt die ganze kommende Spielzeit gestrichen. Theatersäle in Amerika sind so kolossal groß, es geht also immer auch um wirtschaftliche Entscheidungen. Ich bin gespannt, wie das jetzt in Salzburg funktionieren wird. Die Österreicher gehen etwas lockerer mit der Situation um. In Australien warten die Orchester auch auf grünes Licht, was im September oder Oktober stattfinden kann. Aber die Unsicherheit bleibt.

In Deutschland steht die Kultur offenbar weit hinten auf der Liste möglicher Lockerungen. Selbst der Fußball hat schneller fragwürdige Lösungen gefunden, um wieder loszulegen.

Wenn man sich Fußball anschaut, dann sieht man ein riesiges Stadion, und das Ganze findet im Freien statt. Fußball und Theater zu vergleichen, finde ich schwierig. Bei uns im Opernhaus geht es um Gesang, es geht um Chöre. Die Frage bleibt, was geschieht in einem geschlossenen Raum. Aber ich muss trotzdem sagen, dass es uns verhältnismäßig gut geht, weil das Kulturleben in Deutschland subventioniert ist und Krisenzeiten überbrückt werden können. In Amerika verlieren die Musiker in den Orchestern und Opernhäusern sofort einige Monate lang ihr Einkommen.

Womit haben Sie sich in den letzten Wochen beschäftigt?

Die letzten zwei Monate habe ich in keinem Flugzeug gesessen. Was ich nicht wirklich vermisst habe. Wenn wir von Musik reden, die mich beschäftigt hat: Die siebte Sinfonie von Gustav Mahler ist für mich immer ein Rätsel gewesen. Ich hatte jetzt viel Zeit, mich mit dem Stück auseinanderzusetzen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ansonsten war ich viel mit der Familie zusammen, und ich bin nie so viel gewandert wie in dieser Zeit.