Corona in Berlin

„Bleibt gesund!“ - Berliner Kinos in der Corona-Krise

Die Kinos sind geschlossen, Filmstarts eingefroren. Das Coronavirus könnte für die Kinobranche bedrohliche Folgen haben.

Durchhalteparolen, Filmzitate und freundliche Grüße an das Publikum: Viele Berliner Kinos haben ihre Reklamewände passend zur Coronakrise beschriftet.

Durchhalteparolen, Filmzitate und freundliche Grüße an das Publikum: Viele Berliner Kinos haben ihre Reklamewände passend zur Coronakrise beschriftet.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Wo sonst über den Kinoportalen in großen Lettern neue Filme beworben werden, stehen jetzt Grußbotschaften an die Zuschauer. Etwa „Home Alone“ im Neuen Off, „We will Be Back“ im Zoo Palast, „Take Care Of Each Other“ im International oder einfach „Bleibt gesund“ im Xenon. Die Yorck-Kinogruppe bietet außerdem bereits verpackte Popcorn-Tüten zum Verkauf. Und postet Bilder, wo Riesenpopcorntüten statt Zuschauern auf den Kinositzen thronen. Natürlich mit gebührendem Abstand.

Nichts geht mehr in den Berliner Kinos, seit der Senat deren Schließung angeordnet hat. Erst mal bis zum 19. April. Doch dieser Termin, das ist schon jetzt absehbar, wird kaum zu halten sein. Hans-Joachim Flebbe, der in Berlin den Zoo Palast und die Astor Film Lounge betreibt, geht davon aus, „dass wir selbst unter optimalen Bedingungen frühestens Juni, Juli wieder öffnen können. Aber das ist sehr optimistisch gedacht.“ Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Gruppe und Vorstandsvorsitzender der AG Kino, schätzt das ähnlich ein: „Aus dem, was wir in den Gesprächen mit der Bundesregierung und den öffentlichen Empfehlungen von Wissenschaftlern entnehmen, müssen wir davon ausgehen, dass Kinos bis in den Frühsommer hinein geschlossen bleiben könnten.“ Das sei natürlich nicht das Wunschszenario: „Aber Gesundheit geht vor, und als sozialer Ort sind wir uns unserer Verantwortung voll und ganz bewusst.“

Die Verunsicherung ist in allen Bereichen zu spüren

Das Kino hat in seiner 120 Jahre langen Geschichte schon viele Krisen bestehen müssen: die Umrüstung zum Tonfilm, die aufkommende Konkurrenz von Fernsehen, Home-Video und zuletzt die Konkurrenz der Streaming-Plattformen. Aber das Coronavirus könnte nun vielleicht zur größten Herausforderung des Mediums werden. So mancher sieht bereits die ganze Branche in Gefahr. Dass die Lichter im Kino am Ende ausbleiben. Die Verunsicherung ist in allen Bereichen zu spüren. Die Filmproduktionsfirmen müssen alle derzeitigen Dreharbeiten auf unbestimmte Zeit einstellen. Die Filmverleiher haben alle Starttermine auf Eis gelegt. Und die Kinobetreiber müssen ihre Mitarbeiter auf Kurzarbeit umstellen und sich mit ihren Vermietern einigen, die weiter hohe Miete verlangen. Trotz fehlender Einnahmen.

Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmemacher (HDF) rechnet bei den 700 Kinos und 4000 Sälen in Deutschland mit einem Verlust von 17 Millionen Euro pro Woche. Als Folge könnte es zu einem großen Verdrängungskampf der großen Ketten gegen die kleinen Lichtspielhäuser kommen.

„Kultur ist kein Luxusgut“

Was tun? Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat ein schnelles Hilfspaket angekündigt, die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am vergangenen Dienstag einen zusätzlichen Hilfsfonds in Höhe von 100 Millionen Euro versprochen. Und seit Ende vergangener Woche suchen das Bundeskulturministerium (BKM) mit der Filmförderungsanstalt (FFA) und regionalen Fördergremien nach weiteren Hilfsangeboten.

Berg betont, dass alle Betriebstypen – vom kleinen Kino auf dem Land bis hin zum Multiplex in der Großstadt – gleichermaßen betroffen seien und gleichermaßen Hilfe benötigten. Sie hofft, dass das gerade aufgelegte Zukunftsprogramm Kino aufgestockt wird und in einen Nothilfefonds umgewidmet wird. „Aber dies wird nicht ausreichen. Wir werden weitere Liquiditätshilfen, etwa in Form von Mietzuschüssen für die Kinos, benötigen.“ Yorck-Geschäftsführer Bräuer fordert speziell auf die Situation der Kulturorte zugeschnittene Programme, ansonsten bestehe die Gefahr, dass am Ende die Kultur durch den Rost falle: „Kultur ist kein Luxusgut, sondern die Hefe im Teig einer lebendigen demokratischen Gesellschaft. Kultur ist Lebensmittel. Ich hoffe, das ist allen bewusst.“

Sollten die Kinos eines Tages wieder öffnen, ist nicht klar, was sie dann zeigen können. Zwar stauen sich bis dahin zahllose Filme auf einem ohnehin übersättigten Markt, aber es dürfte Wochen dauern, bis die Verleiher darauf reagiert und ihre Titel entsprechend beworben haben. Einige sind deshalb schon dazu übergegangen, ihre Filme online anzubieten. Der Hollywood-Multi Universal etwa will Titel wie „Emma“, die kurz vor dem Shutdown gestartet sind, ab 26. März auf Sky anbieten. Auf den Kinostart von „Trolls World Tour“ soll ganz verzichtet werden: Der Animationsfilm soll ab 10. April direkt über Video on Demand (VoD) erscheinen. Disney nutzt die Krise auf seine Weise und zieht den deutschen Start seines neuen Streamingdienstes Disney+ um eine Woche auf den 24. März vor.

Streamingdienste gefährden das Geschäft der Kinos

Auch kleinere deutsche Verleiher greifen zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Grandfilm etwa bietet Titel wie „Zama“ oder „La flor“ auf einem eigenen VoD-Kanal bei Vimeo an. Und Eksystent zeigt seinen Film „Isadoras Kinder“, der am 23. April starten sollte, bei Kino on Demand. Beide legen Wert darauf, dass sie diese Maßnahmen aus Solidarität mit den Kinos ergreifen. „Machen wir Kino gemeinsam“, heißt das Motto von Eksystent, ein Teil der Einnahmen der Plattform sollen auch an die Häuser weitergeleitet werden, die den Film zeigen wollten. Ähnlich verfährt auch Grandfilm, wobei der Zuschauer sogar aktiv entscheiden kann, welches Kino er unterstützen will.

Aber öffnet man damit nicht die Büchse der Pandora? Die Streamingplattformen stellten ja vor Corona die größte Bedrohung des Kinogeschäfts dar. Werden jetzt nicht unorthodoxe neue Wege eingeschlagen, die man im Nachhinein nicht mehr rückgängig machen kann? In der Not sind solche Initiativen verständlich. Die Yorck-Gruppe bietet deshalb etwa für Stammgäste mit Dauerkarten ein vorübergehendes Abonnement bei dem neuen Streamingdienst Mubi an. „Unsere große Sorge ist aber“, so Bräuer, „dass aus der Not eine Tugend und diese Zeit ausgenutzt wird, um für die Kinos disruptive Geschäftsmodelle am Markt durchzusetzen.“

Hans-Joachim Flebbe hat diese Befürchtung auch, hofft aber auf einen psychologischen Effekt: „Wenn man gezwungen ist, ständig zuhause zu sein, wird man sich freuen, wenn man mal wieder raus und unter Leute darf. Und wenn man die ganze Zeit Filme nur im Fernsehen oder auf dem Computer angeschaut hat, freut man sich auch, sie wieder auf einer großen Leinwand zu sehen.“

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