Die Kunsthändler-Familie Gurlitt ist den meisten seit dem Schwabinger Kunstfund von 2012 ein Begriff. Damals beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft über 1000 Kunstwerke aus der Wohnung des Sammlers Cornelius Gurlitt in München, weil Nazi-Raubkunst darunter war. Drei davon gab Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Januar dieses Jahres ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurück. Eine Nachfahrin der Kunsthändler-Familie Gurlitt, die Enkelin von Wolfgang Gurlitt, hat nun einen Roman vorgelegt, in den sie ihre bewegte Familiengeschichte einfließen ließ.
„Die Galerie am Potsdamer Platz“ ist das Debüt der aus München stammenden Grafikerin und Autorin Alexandra Cedrino. Sie selbst spielte als Mädchen in der Galerie ihres Großvaters. Auch sonst weist der Roman so viele Parallelen zum Leben von Cedrinos Vorfahren auf, dass man fast von einer Familienchronik sprechen könnte. Aber darüber geht der Roman klar hinaus.
Die Geschichte spielt Anfang der 1930er-Jahre und dreht sich um die junge Alice Waldmann, die nach ihrem Kunstgeschichtsstudium nach Berlin kommt, um ihre Großmutter mit einem unangenehmen Familienkonflikt zu konfrontieren. Schließlich wird sie von Onkel und Tante in deren Villa aufgenommen. Sie findet ihren Platz in der High Society der Hauptstadt, lässt keine Party in den teuersten Tanzlokalen aus und verliebt sich in den Deutsch-Iren John Stevens. Schließlich hilft sie ihrem Onkel, die alte Kunstgalerie der Familie, die im ersten Weltkrieg schließen musste, wieder aufzubauen. Bei ihrer ersten Ausstellung setzen sie auf die beeindruckende Kunstsammlung eines gewissen Erik Wolfferts. Der ist ein brennender Nazi, der gerade die Karriereleiter der Parteielite hinaufsteigt. Und er hat es auf Alice abgesehen. Obwohl der Onkel den Nazis kritisch gegenübersteht, macht er mit Wolfferts Geschäfte. Um den Deal nicht zu gefährden, macht Alice gute Miene zum bösen Spiel, bleibt aber ihrem geliebten John treu, der entschieden gegen die aufstrebenden Nazis vorgeht. Als John von der SA geschnappt wird, muss sich Alice auf Wolfferts’ Annäherungsversuche einlassen, um ihn zu retten.
Das Liebesdrama um Alice und John bildet sich nach und nach als Zentrum dieses Romans heraus. Die schleichende Machtergreifung der Nazis und das Nachtleben im Berlin der 30er dienen als Nebenhandlung. Sehr lebendig erzählt Cedrino von den hedonistischen Ausschweifungen ihrer nicht wirklich sympathischen Hauptfigur Alice. Leider driftet der Roman schon bald in eine zuweilen etwas kitschige Romanze ab. Allzu offensichtliche Andeutungen sollen die glückliche Verliebtheit von Alice beschreiben. Zum Beispiel plant Alice, den Führerschein zu machen und überlegt: „Möglicherweise könnte sie auch schon vorher mit John üben. Ob es allerdings beim Üben bleiben würde?“.
Auch sind manche Wendungen der Geschichte schwer nachvollziehbar. Nach einem Streit mit ihrem Vater hat Alice beispielsweise die nicht ganz plausible Befürchtung, von Onkel und Tante weggeschickt zu werden. Sie stellt dann jedoch fest, dass diese ihr ganz im Gegenteil ein Jobangebot machen wollen Solche Wendungen stehen der Bereitschaft des Lesers, sich auf die Geschichte einzulassen, im Weg. Zugutehalten kann man dem Roman, dass er ein lebendiges, unterhaltsames Bild vom bunten Leben des 30er-Jahre-Berlins zeichnet. Damit stimmt er auch mit dem gegenwärtigen 20er- und 30er-Trend überein, der aktuell nicht nur die Streamingdienste („Babylon Berlin“), sondern auch die Bücherregale beherrscht.


