Neues Album

„Es sind sehr private Lieder dabei“

Der Berliner Sänger Manfred Maurenbrecher musste seine Tournee absagen. Sein neues Album entschädigt dafür

Der Berliner Sänger Manfred Maurenbrecher musste seine Tournee zum neuen Album absagen.

Der Berliner Sänger Manfred Maurenbrecher musste seine Tournee zum neuen Album absagen.

Foto: Reto Klar

Auf Manfred Maurenbrechers Homepage stehen sie noch, die über 40 Konzerttermine seiner Tour zum neuen Album „Inneres Ausland“. Die fallen jetzt alle wegen der Pandemie aus. Stattdessen hat der Liedermacher nun von einem ganz viel: Zeit. „Die haben wir ja jetzt gewonnen. Nur sieht das keiner so. Es fühlt sich doof an“, seufzt er und fügt hinzu: „Ich hatte vor, mir ein relativ entspanntes Jahr zu machen.“

Damit meint er, auf der Bühne zu stehen und unterwegs zu sein. Nun heißt es zuhause bleiben in der Künstlerkolonie in Wilmersdorf, wo der gebürtige Berliner seit vielen Jahren lebt. Dabei hat er gerade ein neues Album veröffentlicht, mit einem dieser für ihn so typischen beredten Titel: „Inneres Ausland“ (Reptiphon/Broken Silence). Er hat sich natürlich darauf gefreut, es seinen Fans vorzustellen. „Die meisten Konzerte werden nachgeholt. Aber im Herbst ist das neue Album nicht mehr wirklich neu“, bemerkt er treffend.

Ausflüge in viele künstlerische Genres

Doch es kommt zur richtigen Zeit. Bekanntlich sind Maurenbrechers Songs nichts, was man einfach mal im Vorbeigehen hört. Nun, während der Entschleunigung des Alltags, lauscht man seinen Versen nur zu gern immer öfter. Maurenbrecher hat schließlich etwas zu erzählen. Kaum einer versteht es so wie er, Leben, Zeitgeschehen und Befindlichkeiten wortmächtig in Liedern einzufangen. Allein für seine letzten drei Alben hat er in schöner Regelmäßigkeit den Preis der Deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie Liedermacher gewonnen. Er hat unter anderem für Spliff, Herman van Veen und Katja Ebstein Lieder geschrieben. Spielt seit über zwei Jahrzehnten mit Horst Evers und Bov Bjerg den kultigen „Kabarettistischen Jahresrückblick“. Im letzten Jahr hat er zudem sein Romandebüt „Grünmantel“ veröffentlicht, der in der Uckermark spielt, wo Maurenbrecher den Sommer über lebt. Sein Augenmerk gilt aber vor allem seiner Musik.

Unter „Inneres Ausland“ versteht er übrigens einen Bereich in sich, in dem er Fremdheitsgefühle hat. Etwa, wenn er sich Sorgen macht. „Ich weiß, dass ich diesen Bereich brauche. Dass es mir damit gut geht. Wenn ich Ruhe habe, kann ich da die Dinge, die mir Angst machen, bewältigen“, erklärt der 69-Jährige. Nennt zwei Beispiele dafür: „Jetzt kann man sich eine tödliche Krankheit holen. Das macht Angst. Wie auch der Gedanke, dass das Europa, wie ich es mein Leben lang kenne, zurückversetzt werden könnte in einen früheren Zustand mit kleinen, nationalen Einheiten.“

„Ein intellektueller Rap“ um einen Verschwörungstheoretiker

Kein Wunder also, dass auf dem Album auch politische Lieder zu finden sind. Frei von Klischees, mit gewitztem Hintersinn und klugen Schlusspointen. Wie man es von einem promovierten Germanisten wie Maurenbrecher erwarten kann. „Am heftigsten ist ‘Puppe’. Ich habe mich lang gescheut, das Lied aufs Album zu nehmen. Als mein Produzent Andreas Albrecht dazu neue Musik geschrieben hat, ging es. Den Text habe ich dann mehr gesprochen als gesungen“, sagt Maurenbrecher, scherzt: „Ein intellektueller Rap.“ Der Song dreht sich um einen Verschwörungstheoretiker. Der glaubt, bei den angespülten Leichen von Flüchtlingen an Mittelmeerstränden handle es sich in Wahrheit um Puppen. Ein Song mit einem sehr überraschenden Ende.

Zwar lieben Musiker Vinyl, doch diesmal war eine Veröffentlichung darauf unmöglich. Bei insgesamt 16 Liedern hätte man drei LPs pressen müssen, um einen guten Klang hinzubekommen. „Inneres Ausland“ ist musikalisch äußerst abwechslungsreich geraten. Gab es bislang entweder ein Album mit Band oder mit Maurenbrecher am Flügel, wechselt sich das nun in den Stücken ab. Außerdem setzt der Jazzchor Jazzomat spannende Akzente. „Ich dachte mir, wenn Leute dabei sind, die richtig singen können, kann ich auch was dafür komponieren“, verrät der Liedermacher selbstironisch. „Der gospelartige Refrain von ‘Erdrutsch’ wäre nämlich ohne Chor einfach nur albern.“

Wenn er in die Tasten haut und singt, ist er eine Naturgewalt

Thematisch ist das Album ebenfalls breitgefächert. „Es sind sehr private Lieder dabei. Auch über das Zusammenleben mit meiner Frau Christiane. Wir feiern ja beide in diesem Jahr ein rundes Jubiläum“, gesteht Manfred Maurenbrecher. Sie ist gerade 60 geworden. Er wird im Mai 70. Klar, dass es auch Songs über das Älterwerden gibt. „Der Rest ist Mut“ und „Herbstschnulze“. Maurenbrecher findet es zwar gut, dass er sich in seinem Alter weniger aufregt als früher. Aber er kennt auch die Nachteile des Alters: „Es dauert alles länger. Innerlich hat man aber noch das Tempo der 50, 60 Jahre davor drauf.“

Auf der Bühne merkt man ihm sein Alter überhaupt nicht an. Wenn er in die Tasten haut und singt, ist er eine Naturgewalt. Wer einmal dabei war, der weiß, es ist ein Ereignis. Manfred Maurenbrecher und das Mehringhof-Theater arbeiten schon daran, einen Nachholtermin für das verschobene Record Release Konzert vom 25. März zu finden. Damit man auch die neuen Songs hoffentlich bald live erleben kann.