An Jannis Niewöhner kommt man gerade nicht vorbei. Auf der Berlinale war er gerade in dem Filmdrama „Kids Run“ zu sehen. Seit 12. März läuft die Hermann-Hesse-Verfilmung „Narziss und Goldmund“ im Kino. Und am 8. und 10. April wird in der ARD „Der Überläufer“ nach Siegfried Lenz ausgestrahlt. Im Frühjahr wird der Schauspieler außerdem für Detlev Bucks Neuverfilmung von Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ vor der Kamera stehen. Kommt der 27-Jährige damit in eine „literarische Phase“? Wir haben den Schauspieler im Mandala-Hotel getroffen.
Berliner Morgenpost: Herr Niewöhner, im Februar auf der Berlinale, im März im Kino, im April im Fernsehen. Sind gerade Jannis-Niewöhner-Festspiele? Ist das Ihre Saison?
Jannis Niewöhner: Offensichtlich kommt hier gerade alles zusammen. Was ja aber, das muss man auch sagen, in den letzten zwei Jahren entstand. Das ist einfach ein glücklicher Zufall. Vielleicht auch ein unglücklicher. Manchmal denke ich, es wäre schöner, wenn zwischen den jeweiligen Projekten mehr Zeit läge. Aber darauf hast du sowieso keinen Einfluss.

Gibt es unter diesen Filmen einen, der Ihnen am wichtigsten ist? Oder darf man das gar nicht sagen?
„Kids Run“ ist ein Film, bei dem ich besonders oft betone, wie wichtig der mir ist. Gerade weil es einer dieser kleinen Filme ist, die weniger Chancen haben, wahrgenommen zu werden. Aber auch „Narziss und Goldmund“ ist mir sehr wichtig. Ich lese ja nicht so viel. Aber „Narziss und Goldmund“ hat mich so weggehauen, dass ich es gleich noch mal gelesen habe. Das habe ich noch nie gemacht.
Was hat sie daran so fasziniert?
Das sind einfach die großen Themen, die einen als junger Mensch beschäftigen. Dieses Nicht-Wissen, wohin, aber Wissen, dass man irgendwo hin muss. Offen zu sein für das, was an Möglichkeiten auf einen zukommt. Und es gibt ja diese zwei Stimmen in einem, die in diesem Buch in die beiden Figuren aufgeteilt sind.
„Narziss und Goldmund“ und „Der Überläufer“ sind gleich zwei Literaturverfilmungen hintereinander, demnächst drehen Sie außerdem „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Kommen Sie jetzt in Ihre literarische Phase?
(lacht) Wenn man so will, ja. Dabei habe ich nie viel gelesen. Das entdecke ich gerade erst für mich. Und als Schauspieler habe ich da eine ganz andere Fülle an Informationen, an einer detailreich gezeichneten Welt. Wenn du ein Drehbuch bekommst, ist dein Gefühl meist noch sehr vage. Weil der Film immer erst beim Drehen entsteht, durch die Energie am Set. Aber bei einer Literaturvorlage gibt es schon ganz viel Energie vorab.

Hermann Hesse, Thomas Mann, Siegfried Lenz: Ist das eine andere Herausforderung, ein anderer Respekt, wenn man Weltliteratur verfilmt, als etwa die „Rubinrot“-Jugendbuchreihe? Oder muss man das für sich ausblenden?
Das ist schon eine andere Herausforderung. Weil du den Dingen ganz anders gerecht werden musst. Weil es da auch schon große Erwartungen und Sichtweisen gibt. Wie viele Bilder da schon in den Köpfen sind! Das fühlt sich erst mal sehr einengend an. Aber solche Risiken nicht einzugehen, aus Angst, den Roman nicht zu verfälschen, wäre albern. Du musst deine Freiheit in der Rolle finden. Und darauf vertrauen, dass der Film dann ein eigenständiges Leben führt.
„Narziss und Goldmund“ ist noch nie verfilmt worden. „Felix Krull“ aber sehr wohl. Muss man da auch noch den Vergleich mit Horst Buchholz aushalten?
Lustig – darüber habe ich erst letztens mit meinem Onkel gesprochen. Der ist ein totaler Thomas-Mann-Fan, aber den Film findet er schrecklich. Ich ging dann mit ihm durch das Drehbuch, aber das waren ihm zu viele Veränderungen. Detlev Buck meinte, ich sollte mir den alten Film noch mal anschauen. Das will ich aber gerade nicht machen. Sonst übernimmt man da unbewusst etwas oder fängt selbst an, zu vergleichen. Das würde das Spiel nur verengen.

Das sind jetzt alles sehr erwachsene, reife Figuren. Sie haben lange in Jugendfilmen mitgespielt, zuletzt etwa in „Jugend ohne Gott“, auch wenn Sie dafür eigentlich schon zu alt waren. War das schwierig für Sie, an ernsthaftere Rollen zu kommen?
Für mich war „Vier Könige“ vor fünf Jahren ein Film, mit dem sich viel für mich und der Blick auf mich als Schauspieler geändert hat. Auch wenn das jetzt abgedroschen klingen mag: Für mich war immer ganz wichtig, nicht aufzugeben. Dass man den Glauben daran, dass das in dir steckt, nicht verliert. Und ich wusste das immer, dass ich noch was anderes will. Und das auch kann. Ich versuche immer, mich auf den Moment zu fokussieren, auf das, was ich gerade tue. Das ist nicht immer perfekt, das klappt mal mehr, mal weniger. Aber du darfst dich nicht so sehr mit Fragen beschäftigen wie der, was danach noch kommen kann. Sonst verlierst du dich. Die meisten Möglichkeiten ergeben sich daraus, dass ich versuche, so gut wie möglich zu sein. So gehe ich das an.
Wie war das, für „Narziss und Goldmund“ ins Mittelalter einzutauchen? Mit diesen Kutten? Und der Maske?
Stefan Ruzowitzky hat von Anfang an betont, dass es ihm nicht darum ging, einen Historienfilm zu drehen. Sondern dass er ein eher romantisierendes Mittelalter zeigen wollte, das es so nie gegeben hat. Das war aber dennoch eine große Herausforderung. Allein schon maskentechnisch. Da brauchst du wirklich viel Geduld, zwei bis dreieinhalb Stunden in der Maske zu sitzen. Währenddessen muss man eigentlich meditieren.

Und wie war die Chemie mit Sabin Tambrea, der den Narziss spielt?
Wir haben intensiv geprobt, schon drei Monate vor dem Dreh. Wir haben vor allem viel Zeit miteinander verbracht. Das ist immer das Wichtigste. Bei vielen Projekten kommst du an den Set und musst innerhalb von kürzester Zeit funktionieren Sabin und ich, wir haben uns sehr einander angenähert. Diese Beziehung, die wir im Film hatten, habe ich teilweise auch in meiner privaten Verbindung mit ihm wiedererkannt. Ich bewundere ihn für ganz viel, was er ist, was ich nicht bin – weil wir total unterschiedlich sind. Dabei konnte ich viel von ihm lernen. Manchmal ist da eine große Distanz, wenn man so unterschiedlich ist. Wir haben das Potenzial dieser Unterschiedlichkeit erkannt und ausgeschöpft.
„Narziss und Goldmund“ wurde auch deshalb noch nie verfilmt, weil schon bei Hermann Hesse der schwule Subtext nicht zu überlesen war. Sie haben schon in mehreren Schwulendramen wie „Jonathan“ oder „So auf Erden“ mitgespielt. Überlegt man sich das trotzdem, ob man solche Rollen annimmt? Gibt es noch die Angst, das könnte dem Image schaden?
Ich hätte eher Angst, in der Schublade zu landen, Angst zu haben, in Schubladen gesteckt zu werden. Dass mit dem Thema immer noch Ängste verbunden sind, sehe ich schon. Aber umso wichtiger ist es, solche Filme zu machen. Da ist jeder einzelne Film, da ist jede Geschichte wertvoll, um das zu etwas Normalem, auch Schönem zu machen. Ich möchte dabei teilhaben, solche Ängste abzubauen. Nur solche Rollen würde ich allerdings auch nicht spielen wollen. Aber immer wieder – total gern. Wenn die Geschichte es hergibt.

Sie werden Ende März 28, stehen aber schon seit 18 Jahren vor der Kamera. Hatten Sie eigentlich trotz allem eine normale Kindheit?
Eher eine besonders schöne. Weil ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, in dem ich meiner Fantasie immer freien Lauf lassen konnte. Aber natürlich haben mich diese ganzen Ausflüge, die eben nicht normal waren, sehr geprägt. Das war auch nicht immer einfach. Daran musste man sich schon gewöhnen, dass man sehr früh in sehr unterschiedliche Welten eingetaucht ist. Aber das gehört einfach zu meinem Leben. Ich kenne es ja nicht anders. Und ich habe glücklicherweise auch viele Freunde, die aus ganz anderen Lebensverhältnissen kommen und mir doch ganz nah sind.
Goldmund gibt bei Hesse immer wieder Dinge auf, weil er sie erlernt hat und jetzt „kann“. Wäre das auch für Sie eine Option, noch mal was ganz anderes zu machen? Einfach ein neues Leben zu starten?
Ich weiß nicht, ob ich das wollen würde. Und ob ich den Mut dazu hätte. Klar hat man immer mal wieder solche Gedanken, sich rauszuziehen, sich noch mal anders inspirieren zu lassen. Gleichzeitig merke ich, wie sehr ich schon in diesem System drin bin, dass das gar nicht so einfach wäre. Und ich liebe ja das, was ich mache.


