Eine junge Frau schaut melancholisch in die Kamera. „Das war vor zehn Jahren“, erzählt sie, „als ich von zuhause auszog, um in Aleppo zu studieren.“ Die Eltern baten um Vorsicht, weil ihre Tochter immer schon „eigensinnig und sogar rücksichtslos“ gewesen sei. „Was sie damit meinten,“ räumt die junge Frau ein, „habe ich erst verstanden, als ich selbst eine Tochter bekam.“
Sama ist wenige Monate alt. Neugierig spielt sie mit ihren Zehen, während ihre Mutter singt. Dann ist eine Explosion zu hören, der Einschlag einer Granate. Das Kind verzieht kurz das Gesicht, schaut wieder zur Mutter und lächelt. Alles ist gut. Aber es ist eben nicht gut. Es ist Krieg. Vater Hamza arbeitet im letzten unzerstörten Krankenhaus im besetzten Aleppo. Die Stadt wird von Regierungstruppen und der russischen Luftwaffe angegriffen.
Härten und Hoffnungsschimmer
Seit den ersten Protesten gegen das Assad-Regime Ende 2011 verfolgt Waad die Ereignisse mit der Kamera und veröffentlicht sie unter dem Pseudonym al-Kateab im Internet. Sie verliebt sich, heiratet und wird Mutter, während um sie herum die Welt zusammenbricht. Über vier Jahre lang harrt die kleine Familie aus. Waad dokumentiert ihr privates Glück, den Alltag im Bürgerkrieg und im Krankenhaus ihres Mannes mit allen grausamen Härten und gelegentlichen Hoffnungsschimmern.

Seit 2016 lebt die Familie in England, wo Waad al-Kateab über 500 Stunden Filmmaterial mit dem britischen Regisseur Edward Watts zu dem Dokumentarfilm „Für Sama“ verdichtet hat. Jenseits des Mitgefühls und der Schocks, die sich fraglos einstellen angesichts all der Verletzten, Toten, Trauerenden und der um jedes Leben kämpfenden Ärzte, stellen sich auch Fragen.
Wie weit kannst du gehen?
Wie weit kann und muss so ein Film gehen? Wieviel „Eigensinn und Rücksichtslosigkeit“ ist legitim, wenn man damit nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der eigenen Kinder aufs Spiel setzt? Eine der Stärken dieses Films ist jedoch, dass sich Waad al-Kateab auch diese Fragen selbst stellt, kritisch, verzweifelt, mit genauem Blick auf sich selbst und ihre Situation.
Weltweit erschüttert „Für Sama“ derzeit das Publikum, gewinnt Preise am laufenden Band und war für den Oscar nominiert. Nun kommt er auch in die deutschen Kinos, während sich in Idlib die Katastrophe von Aleppo wiederholt.
Dokumentarfilm GB 2020 104 min., von Waad al-Kateab und Edward Watts 4 von 4 Punkten


