Wieso solle er auf dem Foto lächeln, fragt Fabian Hinrichs, als der Fotograf ihn dazu auffordert. Der wirkt etwas irritiert. Aber die Frage ist berechtigt, nicht nur für jemanden, der einen „Tatort“-Kommissar verkörpert. Vielleicht ist es gerade diese Art, alle scheinbar professionellen Rituale zu hinterfragen, die einen empathischen Theaterschauspieler ausmachen. Im Friedrichstadt-Palast ist Hinrichs noch einmal am 5. März im René-Pollesch-Projekt zu erleben. Am Sonntag wird er im Ersten wieder als Hauptkommissar Felix Voss ermitteln. „Die Nacht gehört dir“ ist sein sechster „Tatort“ aus Franken.

Herr Hinrichs, Sie verlieben sich am Beginn des neuen „Tatorts“. Werden Sie jetzt der Romantiker unter den Kommissaren?

Fabian Hinrichs Das fände ich gar nicht schlecht, jemand zu sein, der die eigene Mangelerscheinung überwinden möchte und die Liebe zu anderen als das Wichtigste im Leben ansieht. Wie die Liebesgeschichte weitergeht, das ist noch in der Schwebe. Grundsätzlich gefällt es und entspricht mir, wenn es einen Wechsel der Tonalitäten gibt. Es muss natürlich zur Entwicklung der Figuren passen.

Was würde mit Ihnen überhaupt nicht gehen?

Ich bin sportlich, aber ich bin kein Brusthaartoupet-tragender Vollkontakt-Martial-Arts-Kämpfer. Es wäre für mich total albern, eines der letzten freilaufenden Exemplare ungebremster Männlichkeit zu sein. Oder auch jemand, der nicht zweifelt. Obwohl es im Film sicherlich mal interessant wäre, jemanden zu zeigen, der überhaupt keine Zweifel im Leben hat. Aber das wäre für mich schwierig darzustellen.

Es ist auffallend, dass Ihre Dialoge alles andere als filmisch konstruiert, sondern ehrlich und damit glaubwürdig wirken.

Das Drehbuch ist die entscheidende Größe. Das ist bei Max Färberböck immer so, er entwickelt nicht nur ein TV-Format, sondern schreibt aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er hat viele Einflüsse, Kino, Theater, er liest viel. Es geht auch darum, das Widersprüchliche und Burleske im Film zuzulassen, damit nicht alles unter einer Betonfläche der Tagespolitik, hinter dem volkspädagogischen Auftrag verschwindet.

Wie volkspädagogisch ist der „Tatort“?

Krimireihen, ab 1970 kam der „Tatort“ dazu, sind nach dem Krieg als eine Art Demokratiewerkzeug benutzt worden. Es ging hier auch darum, zu zeigen, dass der Mörder immer gefasst wird und wir uns auf die Widerstandskraft einer wehrhaften Demokratie verlassen können. Nach den Schrecken des Nationalsozialismus, des Holocausts, sollte eine demokratische Regelmoral in den Volkskörper hineingesendet werden. Mich interessieren heute meist weniger die ins Auge springenden Themen wie Rechtsradikalismus oder Abtreibung, mich interessiert mehr das, was zwischen den Menschen geschieht, das Rätselhafte am anderen und sich selbst, abseits verstandesmäßiger Nachrichten. Und dabei können sich dann en passant die greifbaren Auswirkungen gesellschaftlicher Verhältnisse auf das Leben des Einzelnen zeigen.

Wo liegen die Grenzen des „Tatorts“?

Natürlich gibt es auch Grenzen im „Tatort“, aber wir wissen aus der Kindererziehung, dass Grenzen nichts Schlechtes sind. Man sagt, es muss mindestens einen Toten geben. Aber mittlerweile ist nicht mal mehr gesetzt, ob der Mörder am Ende gefasst wird. Wir drehen einen „Tatort“ pro Jahr, der im besten Fall als Film für sich stehen kann. Wir verstehen die Dreharbeiten nicht als technischen Vollzug eines Formatgedankens.

Sie sind Sohn eines Polizisten.

Mein Großvater war auch Polizist, und mein Bruder ist einer.

Und Sie spielen einen Kommissar. Was sagt Ihre Familie dazu?

Wir reden überhaupt nicht darüber. Die Familie nimmt mir als Schauspieler zumindest die Scheu vor dem Milieu. Denn wenn man die kriminalistische Arbeit so abbilden wollte, wie sie in der Realität ist, würde ich 80 von 88 Minuten vorm Computer sitzen. Vielleicht geht es eher um den Wesenskern der Kriminalistik. Der „Tatort“ ist zweifellos eine der fruchtbarsten Arbeitsmöglichkeiten abseits des Theaters, die man als Schauspieler in Deutschland hat. Man kann relevante Filme machen und damit viele Menschen erreichen.

Sie sind gebürtiger Hamburger, leben mit Ihrer Familie in Potsdam. Was sind die größten Mentalitätsunterschiede, die Sie bei den Dreharbeiten in Franken bemerkt haben?

Es gibt ja in Deutschland viele verschiedene kulturelle Identitäten, die Oberbayern, die Hessen, die Sachsen und so weiter. Und so eben auch die Franken. Das bedeutet nicht, dass jeder Franke deckungsgleich ist mit diesen Eigenarten, aber ein grober Pinselstrich hilft ja manchmal, um sich über wesentliches verständigen zu können. Typisch fränkisch ist wohl, dass es anfangs eine gewisse Schweigsamkeit gibt, man lässt den anderen kommen. Es gibt Heimat- und Naturverbundenheit und einen Hang zu kräftigen, sinnlichen Freuden – Fleisch, Bier, Wein oder Backwerk. Mir ist man mit viel Herzlichkeit und Unaufdringlichkeit begegnet.

Im neuen „Tatort“ geht es um Dating-Portale. Was ist daran so schlimm?

Die Liebe entsteht durch einen Zufall, man begegnet jemandem am Arbeitsplatz, auf einer Party, im Restaurant, spürt eine starke Anziehung und diesen Zufall hält man fest. Liebe braucht diesen Gründungsmythos, auf den man sich in jeder Sekunde bis zum Tod beziehen kann. Der Algorithmus dieser Portale versucht hingegen, jeden Zufall auszuschließen. Es werden Produktmerkmale veröffentlicht, die zueinander passen sollen. Ich vertrete die Ansicht, dass alle großen Liebesgeschichten der Welt sich im Internet einfach weggeklickt hätten. Denn irgendetwas passt immer nicht. Vielleicht gehört zur Liebe genau diese Differenz.

Das System einer arrangierten Heiratsvermittlung gibt es schon seit ewigen Zeiten?

Aber jetzt ist es ein umfassender, unmerklicher schleichender Prozess, denn der Heiratsvermittler ist keine ältere Dame mehr in einem Büro, die mit dem Kunden zusammen vor einem Setzkasten mit Annoncen sitzt, sondern der Vermittler ist auf einmal ein leb- und gegenstandsloser Algorithmus, der den Einzelnen mit unsichtbarer Hand dazu bringt sich selbst zum Handelsgut zu machen. Und niemand will sich ja als Mängelexemplar präsentieren. Niemand möchte dasjenige Paket sein, dessen Inhalt ausgepackt wird, nicht gefällt und retour geschickt wird – zu klein, zu groß, passt nicht, nicht wie beschrieben oder oft auch ohne Angabe eines Grundes. Durch solche Portale verändern sich also unsere Beziehungen tiefgehend. Aus der Psychologie wissen wir, dass man Gefühle verlernen kann. Aber ich möchte nicht alle Online-Portale abwerten, wer auf dem Land lebt, für den ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass überhaupt etwas Zufälliges und Außeralltägliches passiert, das festzuhalten und zu entwickeln wäre.

Sind Sie eher Pessimist oder eher Optimist, was künftige Sozialbeziehungen angeht?

Doch, ich glaube an das Gute, trotz allem. Mit René Pollesch habe ich gerade ein Stück in Berlin gemacht. Dass der Friedrichstadt-Palast immer ausverkauft war, bei einem Sprechtheaterstück, deute ich als Sehnsucht der Menschen nach dem gemeinsamen Erlebnis, etwas zusammen an einem Ort zu teilen.

Das Projekt heißt „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“. Wie sind Sie dazu gekommen?

Wir treffen uns oft, einfach so, um miteinander zu reden. Irgendwann hat René gesagt, man könnte vielleicht im Friedrichstadt-Palast etwas machen. Ich habe sofort gespürt, dass es eine Gelegenheit ist, weil es kein Sprechtheaterraum ist und einem viel vorgibt. Ich sah das ganz existenzialistisch: Der Raum macht uns zu etwas, und unsere Aufgabe besteht darin, etwas aus dem zu machen, was aus uns gemacht wurde. Wir spielen im Bühnenbild der Revue, verstehen uns aber nicht als die Rückseite einer Revue. Das Ganze hat außerdem einigen Mut erfordert.

Wenn René Pollesch 2021 die Volksbühne übernimmt, sind Sie mit im Boot?

Auf jeden Fall. Ich werde zum einen als Schauspieler arbeiten, und ich werde dort, wenn sich alles fügt, zusammen mit Schauspielern und Schauspielerinnen ein Stück erproben, wahrscheinlich ein Stück von Lord Byron. Darüber sprechen wir. Es gehört zum Prinzip der Volksbühne, dass die Schauspieler mitentscheiden können, worauf sie Lust haben. Vielleicht will ja gar keiner mit dem Fabian arbeiten – dann muss ich es wohl allein machen. (lächelt) Und: Nach den Erfahrungen im Friedrichstadt-Palast würde ich gern mal zusammen mit René ein Musical oder besser ein Stück Musiktheater machen. Das wird wunderbar.