Auf den Mann ist Verlass. Alle zwei Jahre tritt Heinz Rudolf Kunze (63), wohnhaft in Hannover, mit einer neuen Liedersammlung an: Auf seiner jüngsten, „Der Wahrheit die Ehre“ gibt sich der Musiker und Autor („Wenn man vom Teufel spricht“) besonders laut, besonders kantig, besonders vielseitig und besonders meinungsstark. Das Interview mit Kunze, der in diesem Jahr sein 40-jähriges Bühnenjubiläum feiert, fand in München statt.

Herr Kunze, wann waren Sie das letzte Mal „pervers“?

Heinz Rudolf Kunze: Kommt darauf an, was Sie darunter verstehen (lacht). In dem Lied geht es darum, dass die Mächtigen der Welt dazu neigen, alle Leute für pervers zu halten, die nicht in ihr Schema passen – die Querdenker, die aus der Reihe Tanzenden. Zu meiner Lebenshaltung gehört es, eigensinnig zu sein und mein eigenes Ding zu machen. Sollte mich das in den Augen einiger zu einem Perversen machen, dann nehme ich die Auszeichnung an.

Wie schätzt Querdenker Kunze denn sein neues Album ein?

„Der Wahrheit die Ehre“ ist mein stärkstes Album seit 20 Jahren.

Das sagen Sie oder die Medien?

Ich sage das.

Wie kommt es zu Kunze in Höchstform?

Ich bemühe mich jedes Mal auf die gleiche Weise. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals ein schlechtes Album gemacht habe. Aber dieses jetzt ist besonders gut. Was auch an meinem neuen Produzenten Udo Rinklin aus dem Stuttgarter Land liegt, der mich von manchen Gewohnheiten befreit hat und Dinge aus mir rausgeholt hat, die ich selbst in 40 Jahren noch nicht ausgegraben hatte. Ich finde, unsere gemeinsame Arbeit klingt kraftvoll, deutlich und klar.

Sehr politisch ist die Platte zudem auch.

Ja. Ich habe entschieden, auch inhaltlich noch deutlicher zu werden. Dass in vielen Ländern tollwütige Irre an der Macht sind, ist ja schon länger der Fall. Aber die letzten Wahlergebnisse in Deutschland haben mir den Rest gegeben.

Sie sagen, Sie haben „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort“ sehr spontan nach der Landtagswahl in Thüringen geschrieben. Hat Sie der Erfolg von Björn Höcke und seiner AfD schockiert?

In diesem Parlament sitzen 25 Prozent Nazis, die von deutschen Idioten gewählt wurden. Das muss man sich mal vorstellen. Mich hat das Wahlergebnis so sehr getroffen, dass ich fast ruckartig mit diesem Lied reagierte.

Kann ein Lied etwas gegen rechtsradikale Gesinnung ausrichten?

Wahrscheinlich nicht. Aber man muss es trotzdem machen.

„Mit welchem Recht“ bezieht ebenfalls Stellung, und zwar für geflüchtete Menschen.

Wie Norbert Blüm einst schon sagte: Mit welchem Recht wollen wir einem Familienvater, der am Verhungern und Verdursten ist, verwehren, mit seiner Familie dorthin zu gehen, wo er überleben kann. Der Gedanke ist nicht neu. Ich habe ihn zu einem Lied verarbeitet, von dem ich glaube, dass es eines der wichtigsten Lieder meines Lebens ist. Ich hoffe, dass „Mit welchem Recht“ wie auch „Die Zeit ist reif“ große Hymnen der 20er-Jahre werden.

Überhaupt ist das Album wuchtig, kantig, druckvoll und überwiegend laut geraten.

Endlich spricht mal jemand über die Musik! Die Platte ist sehr vielschichtig, ich bin stark von den 70er-Jahren beeinflusst, Udo Rinklin von den 80er-Jahren . Wir haben unsere Hintergründe zusammengeschmolzen.

„Wenn du ohne Liebe bist“ könnte auch eine Ballade von Elton John sein.

Oder von Phil Collins. In dem Lied geht es um die Einsamkeit vieler Menschen, vor allem in der Großstadt, wo die Singlehaushalte schon in der Überzahl sind. Ich glaube einfach nicht, dass der Mensch dazu geboren ist, alleine zu sein.

Sie selbst sind verheiratet und laut eigener Einschätzung in „Nimm mit mir vorlieb“ „nicht der letzte Schrei, aber ganz okay“. Ein realistisches Selbstlob?

Nun ja, das beschädigte Liebeslied ist meine Spezialität. Ich bin nicht mehr der Jüngste, habe die eine oder andere Beule und Schramme vom Leben davongetragen, aber ich meine es immer noch ehrlich und finde, wir beiden sollten das Beste aus unserem Leben machen.

Besprechen Sie einen Song wie diesen mit Ihrer Frau?

Meine Frau möchte nicht so gerne involviert werden, so lange ein Lied noch im Entstehen ist. Aber wenn es fertig ist, will sie es natürlich hören und sagt mir auch ihre Meinung. „Nimm mit mir vorlieb“ findet sie sehr schön und ist der Meinung, dass es eine Single ist. Jetzt müsste die Nummer bloß noch im Radio gespielt werden.

Was nicht passiert?

Kaum. Wahrscheinlich sind sie dort von anspruchsvoller Musik überfordert. Ich höre so gut wie nie im Radio ein deutschsprachiges Lied, das einen Inhalt hat. Das letzte dürfte „Mensch“ von Herbert Grönemeyer gewesen sein, und das ist bald 20 Jahre her. Ansonsten wird doch viel verbaler Müll gesendet.