Bären-Wettbewerb

„Siberia“: Willem Dafoe auf einem Wahnsinns-Trip

Von den vielen seltsamen Filmen von Abel Ferrara ist „Siberia“ wohl der seltsamste. Wie kam er nur in den Wettbewerb des Festivals?

Apokalyptische Bilder: Clint (Willem Dafoe) irrt durch Infernos und Wahnvorstellungen.

Apokalyptische Bilder: Clint (Willem Dafoe) irrt durch Infernos und Wahnvorstellungen.

Foto: Vivo Film

Noch hängen überall die Plakate von Abel Ferraras aktuellem Film „Tommaso und die Geister“ in der Stadt, da feiert dessen Nachfolger schon seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale. Wie er da hingekommen ist, gibt Rätsel auf, denn „Siberia“ fordert sein Publikum auf eine Weise, die man sonst eher von sechs Stunden langen Filmen aus dem Forum kennt.

Dabei bestätigt der irritierte Blick auf die Uhr nach dem Verlassen des Kinos tatsächlich: Er dauert nur 92 Minuten. Ob es sich hier um ein besonderes bewundernswertes Beispiel filmischer Ökonomie oder um Zeitverschwendung handelt, ist allerdings nicht ohne Weiteres festzustellen.

Ein Mann rastet ein

Um die Weite geht es Ferrara diesmal ganz besonders. Hatte er Willem Dafoe noch eben als Tommasso unter dem Druck einer Kleinfamilien-Künstler-Koexistenz in der Altstadt Roms zum Ausrasten gebracht, schickt er ihn nun unter dem Namen Clint gewissermaßen zum Einrasten ins ferne Sibirien. Fernab aller alltäglichen Verpflichtungen, verrichtet er hier nicht viel mehr als das, nun ja, alltägliche Einerlei.

Er fährt mit einem Hundeschlitten durch wunderbare Schneelandschaften, auf denen er jedoch Zeuge von einem Massenmord wird, mit dem blinden Seher Teiresias und seinem verstorben Vater plaudert, dem der Rasierschaum noch im Gesicht klebt und deshalb aussieht wie Sigmund Freud. Abends bedient Clint in einer Bar, ohne jede Aussicht auf Laufkundschaft.

Ringkampf mit Wolfshunden

Weil sich in Ferraras jüngsten Filmen selten eine junge Frau absichtslos durch die Haare fährt, ohne Sekunden später unter dem doppelt so alten Willem Dafoe ungeahnte Lust zu erfahren, kommt eine junge, hochschwanger Russin (Cristina Chiriac) mit ihrer Babuschka auf einen Wodka vorbei. Damit das sensibilisierte Publikum nicht gleich zum Realitätscheck abhebt, inszeniert der 68-jährige Regisseur Bettgeschichten mittlerweile gern als Tagtraum, so auch hier. Kurz zuvor träumte Clint von einem Ringkampf mit Wolfshunden. Kratzer trägt er in beiden Fällen davon, was ihn und das Publikum verstört.

Kurzum, von den vielen seltsamen Filmen Abel Ferraras ist dieser wahrscheinlich der seltsamste. Das will was heißen. Immerhin hat er 1997 „The Blackout“ mit Claudia Schiffer gedreht, die ein paar Jahre später auch in „Tatsächlich... Liebe“ auftrat. So absurd es klingt, „Siberia“ hat mit Richard Curtis’ starbesetztem Weihnachtsfilm mehr gemeinsam, als mit dem hier etwas bemüht zitierten David Lynch und Goethes „Faust 2“.

Letzte Weisheit von einem toten Fisch

Hier wie dort geht es um unbehauste Männer, die angesichts innerer Leere und äußerer Katastrophen nicht nach Erlösung suchen, sondern Bestätigung finden. „Tatsächlich Liebe“ brauchte dafür unter anderem eine linkische Vaterfigur, einen Künstler im fremdsprachigen Exil, einen Schwerenöter, der am Job zweifelt, Keira Knightley und einen Weihnachtslieder singenden Oktopus.

Ferrara genügt Willem Dafoe und ein frisch ausgenommener Fisch, der ohne Zweifel etwas sehr wichtiges vor sich hinnuschelt, wahrscheinlich das „Vater unser“ auf Jakutisch. Wer darin einen Gewinn sieht und zudem über vulgärpsychologisches Pathos auch mal herzhaft lachen kann, ist mit den beengenden Weiten von „Siberia“ gar nicht so schlecht bedient.

Termine Friedrichstadt-Palast, heute, 15.45 Uhr und 1.3., 9.30 Uhr; Haus der Berliner Festspiele, 26.2., 20.30 Uhr und 27.2., 12.15 Uhr