Eröffnungsfilm

„My Salinger Year“: Die Berlinale beginnt mau

Carlo Chatrian eröffnet seine erste Berlinale mit einem netten, aber etwas belanglosen Film: „My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver.

My Salinger Year Eröffnungsfilm Berlinale 2020

My Salinger Year Eröffnungsfilm Berlinale 2020

Foto: IFB 2020

Es ist das Jahr Eins der neuen Berlinale-Leitung. Deshalb wird es auf diesem Festival viele erste Male geben, auf die man gespannt achtet, wie die Neuen das so machen. Das gilt erst recht für den Eröffnungsfilm, mit dem der neue Programmleiter Carlo Chatrian sich vorstellt. Ein Eröffnungsfilm ist immer eine Krux.

Gilt es doch, einen Film zu finden, der gut ist. Der ein paar Stars aufweisen kann, die über den roten Teppich wandeln. Und der dann auch noch Lust auf die nächsten Tage machen soll. Für den ersten Eröffnungsfilm gilt das gleich doppelt.

Sigourney Weaver hat schon mal eröffnet

Dieter Kosslick hat in manchen Jahren echte Knaller präsentiert. Jeder erinnert sich noch gern an „Grand Budapest Hotel“ oder an Martin Scorseses Film über die Rolling Stones. Wo alle, nicht nur eingefleischte Cineasten, Glanz in den Augen hatten. Kosslick hat aber auch ein paar schlimme Schoten präsentiert. Jedem graut noch vor Juliette Binoche im Ewigen Eis.

Dann aber hat der einstige Berlinale-Chef immer auch Verlegenheitslösungen präsentiert, wo immerhin ein Star kam, auch wenn der Film nicht recht überzeugte. Ein solcher Film etwa war 2006 „Der Geschmack des Schnees“ mit Sigourney Weaver. Ein schöner, kleiner Film, der sich ganz gut an einem der späteren Festivaltage gemacht hätte, aber als Eröffnungsfilm doch nicht der ganz große Lustgewinn war.

Insofern gibt es nun auf der 70. Berlinale ein Déjà-vu. Denn wieder gibt es einen Film, gegen den niemand ernsthaft etwas einwenden mag. Wieder mit Sigourney Weaver als Gast. Aber wieder keiner, der das Publikum aus den Sitzen reißt.

Von wegen exklusiv: Der Film läuft auch in anderen Städten

„My Salinger Year“ handelt von einer jungen Frau, die in den 90er-Jahren nach New York kommt, um das zu tun, wofür so viele junge Menschen in eine Metropole ziehen: ihren Weg finden. Joanna (Margaret Qualley) will Autorin werden. Aber von irgendwas muss ja die Miete gezahlt werden. Also beginnt sie in einer der ältesten Literaturagenturen der Stadt zu arbeiten.

Und so sieht die auch aus. Die elektrische Schreibmaschine gilt hier schon als technische Errungenschaft, ein Computer wird zwar angeschafft, steht aber nur als Mahnung im Büro, dass man ihn bloß nie anschalte. Dass das mit dem Copyrights von Literatur im Internet schwierig wird, schwant der Agentin Margaret (Sigourney Weaver). Daher ist alles Digitale des Teufels.

Der Teufel liest Salinger

Das sorgt für ein paar hübsche Lacher, wenn die Protagonisten hier seufzen, dass das E-Mailschreiben sich bitte nie durchsetzen möge. Es macht den Film natürlich auch herrlich altmodisch. Joanna, hinreißend gespielt von Margaret Qualley, die Brad Pitt in „Once Upon A Time... in Hollywood den Kopf verdrehte, muss sich hier allerdings ständig gegen ihre strenge und etwas unnahbare Chefin durchsetzen. Eine Konstellation wie bei „Der Teufel trägt Prada“, nur dass die Modewelt doch etwas biestiger war und Sigourney Weaver in ihrer eher kleinen Rolle nie so herrlich fies sein darf wie Meryl Streep.

Joannas traurige Bestimmung ist es, Fanpost für J.D. Salinger zu beantworten, dem Kultautor von „Der Fänger im Roggen“, der jedoch seit drei Dekaden nichts mehr geschrieben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Auch im Film hört man ihn nur am Telefon oder sieht ihn mit Joannas Augen nur von hinten oder verdeckt.

Die an ihn gerichteten Briefe sollen immer mit denselben, 30 Jahre alten Floskeln beantwortet und dann geschreddert werden. Aber die Neue mag das so herzlos nicht übernehmen. Und wenn sie schon nicht zum Schreiben kommt, schreibt sie wenigstens in Salingers Namen.

„My Salinger Year“ ist eine liebevolle Verbeugung vor dem geschriebenen Wort. Und beruht auf den Erinnerungen von Joanne Rakoff, die tatsächlich Autorin geworden ist und ihre Anfänge 2014 in ihrem zweiten Buch verarbeitet hat. Der Frankokanadier Philippe Falardeau, der 2008 für „Ich schwör’s ich war’s nicht“ auf der Berlinale einen Gläsernen Bären gewann, hat das nun ganz achtbar verfilmt.

Liebevolle Verbeugung vor der Literatur

In einem Film-New-York, wie wir das aus Woody-Allen-Filmen kennen, auch wenn es hier nie so intellektuell und auch nie so neurotisch zugeht wie bei diesem. Und weil das alles etwas vorhersehbar abläuft, erwischt sich der Zuschauer schon mal bei einem Gähnen.

„A Salinger Year“ ist genau so ein Eröffnungsfilm, für den Dieter Kosslick immer gescholten wurde. Von Neuanfang auf der Berlinale ist da erst mal nichts zu spüren. Dass Falardeaus Film zwar eine Weltpremiere ist, am Donnerstag aber zeitgleich auch in Kinos in Hamburg, Essen und München lief, nimmt dem Festival zusätzlich etwas von seiner Exklusivität. Für die kommenden Festival-Tage ist noch reichlich Luft nach oben.

Wiederholungen Berlinale Palast, 21.2., 19.30 Uhr; Friedrichstadtpalast 20.2., 20.30 Uhr u. 21.2., 10.30 Uhr; 21.2., 21.30 Haus der Berliner Filmfestspiele