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„Tommaso und der Tanz der Geister“: Licht und Schatten

Kultregisseur Abel Ferrara hat einen sehr persönlichen Film gedreht, mit Willem Dafoe als Alter ego: „Tommaso und der Tanz der Geister“

Wird immer wieder von Tagträumen und Fantasien heimgesucht: Tommaso (Willem Dafoe).

Wird immer wieder von Tagträumen und Fantasien heimgesucht: Tommaso (Willem Dafoe).

Foto: Neue Visionen

Ein charmanter Amerikaner, Mitte 60, sitzt im Italienischunterricht. Wie ein kleiner Junge hockt er am Pult und versucht, seine attraktive, halb so alte Lehrerin zu beeindrucken. Beim Einkauf erweist sich sein Italienisch bereits als alltagstauglich.

Der mit einer Moldawierin in Italien lebende New Yorker erzählt stolz von den drei Sprachen, mit denen die kleine Tochter aufwachsen würde. Er selbst verstehe kein Moldawisch und argwöhnt, dass sich Frau und Tochter bald gegen ihn verschwören könnten.

Assimilation und Verlorenheit

Zwischendurch erscheinen in den grünstichigen Bildern eines Musikvideos die imposanten, aber mittlerweile maroden Sozialwohnungskomplexe der Vele di Scampia in Neapel. Gleich darauf taucht die Mittelmeer-Sonne eine schmale Gasse in Roms Altstadt wieder in rötlich-goldenes Licht.

Der Mann aus den Staaten, sommerlich, aber auffällig schwarz gekleidet, trägt seine Einkäufe allein heim und verschwindet im Dunkel eines Hofs. Eine Szene, die an „Nostalghia“ erinnert, den fast schon sentimentalen italienischen Exil-Film des Russen Andrei Tarkowski.

An dieser Stelle läuft „Tommaso und der Tanz der Geister“ gerade mal fünf Minuten. Es ist ein furioser Auftakt, in dem Abel Ferrara die Themen Assimilation, Verlorenheit und gesellschaftliche Gegensätze auf so vielfältige Weise anspielt, dass es auch für eine ganze Serie gereicht hätte. Im Zentrum steht Tommaso (Willem Dafoe), ein Filmregisseur mit wilder Vergangenheit, der noch einmal das Model Kleinfamilie ausprobiert.

Liebe oder Geiselnahme?

Mit seiner 29 Jahre jungen Frau Kikki (Cristina Chiriac) und der dreijährigen Tochter Deedee (Anna Ferrara) residiert er in einer Altbauwohnung im Zentrum Roms und wirkt bestens integriert. An einer Schauspielschule gibt er Unterricht, arbeitet seine Vergangenheit bei regelmäßigen Treffen der Anonymen Alkoholiker auf, verbringt mit Deedee viel Zeit auf dem Spielplatz und findet mit Yoga immer wieder in die Balance.

Alles könnte so schön sein, wenn es da nicht den „Tanz der Geister“ gäbe: Tagträume, Fantasien, künstlerische Visionen, die Tommaso zunehmend auch als eifersüchtigen Kontrollfreak zeigen, als notorischen Erotomanen und narzisstischen Schmerzensmann, mithin als lediglich trockenen Suchtkranken, von denen es in einer Gruppentherapiesitzung einmal heißt, dass sie „keine Beziehungen führen“ können und stattdessen „Geiseln nehmen.“

Sowohl Willem Dafoe als auch sein alter Freund Abel Ferrara leben seit einiger Zeit zumindest teils in Rom, mit deutlich jüngeren Frauen. Für die Kamera werden hier Ferraras Partnerin Cristina Chiriac und Tochter Deedee durch Dafoe ergänzt, als Alter ego des Regisseurs und wohl auch seiner selbst.

Wenn der Film erodiert

Eine ähnlich überzeugende Transformation von wahrem Leben in filmische Fiktion hat man zuletzt vielleicht in „Kokowääh“ gesehen, wo sich das schlagzeilenträchtige Liebesleben von Regisseur Til Schweiger dem prüfenden Blick einer Achtjährigen, gespielt von Tochter Emma, unterzog.

Trotz seiner immanenten Anleihen bei publikumsfreundlicheren Genre-Filmen geht Ferrara freilich nicht den Weg der wohlfeilen Harmonisierung einer romantischen Komödie. Er lässt seinen Film erodieren. Versatzstücke aus Tommasos Kopfkino und Internetfilme von Kämpfen Mensch gegen Bär, die zu Recherchezwecken geschaut werden, vermischen sich mit Zitaten von Tarkowski und buddhistischen Lehrsprüchen.

Manieriert, aber nachhaltig beeindruckend

Wenn schließlich offensichtliche Privataufnahmen der kleinen Anna Ferrara mit dem satirischem „Tu vuò fà l’americano“, gesungen von Sophia Loren, unterschnitten werden, wechselt Ferrara ins Essayistische, als wollte er seiner Tochter auf den Weg geben, dass sie ihren Vater und seine Befindlichkeiten besser nicht ganz so ernst nehmen solle, wie er sich selbst.

Eine durchaus zwiespältige, aber auch hoffnungsvolle Note, in einem manchmal manieriertem, aber immer wieder herausfordernden, nachhaltig beeindruckenden Film.

Drama I/GB/ USA 2019, 117 min., von Abel Ferrara, mit Willem Dafoe, Anna Ferrara, Cristina Chiriac