Staatsoper

André Heller inszeniert den "Rosenkavalier" in Berlin

Der Künstler inszeniert Strauss’ „Rosenkavalier“ an der Staatsoper. Der 72-Jährige und sein Team stellten sich im Apollo-Saal vor.

Opernregisseur André Heller (von links), Intendant Matthias Schulz und Dirigent Zubin Mehta in der Staatsoper Unter den Linden.

Opernregisseur André Heller (von links), Intendant Matthias Schulz und Dirigent Zubin Mehta in der Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. „Ich liebe das Grantige, manchmal Hinterhältige“, sagt Camilla Nylund. Und man zuckt zusammen, weil man sich plötzlich nicht mehr ganz sicher ist, ob sie gerade den Wiener an sich oder ihre Rolle im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss meint. Wahrscheinlich die Oper, denn der finnische Sopranstar probt gerade die Feldmarschallin in der ersten Operninszenierung des Wiener Multimediakünstlers André Heller. An der Staatsoper Unter den Linden ist am 9. Februar die große Premiere, am Pult wird Zubin Mehta stehen.

Intendant Matthias Schulz lud am Dienstag in den Apollo-Saal, um ein „Panorama von Mitwirkenden“ zu präsentieren. Ein bisschen Namedropping im Opernbetrieb schadet nie, wenn man einen André Heller und einen Zubin Mehta vorzeigen kann. Aber bei solchen Podien kann man schnell die Übersicht verlieren: Acht Leuten sah man sich diesmal gegenüber. Der Intendant saß in der Mitte, neben ihm Heller und Mehta. Ganz außen sitzen meist jene, deren Namen man nachblättern muss.

Sänger müssen den Wiener Dialekt besonders proben

Rechts außen wartete der Wiener Wolfgang Schilly, bis ihm das Wort erteilt wurde. Er ist der Regieprofi, der die großen Opernhäuser dieser Welt kennt und dem Debütanten Heller über die Schulter zu schauen hat. Schilly wusste, dass ihm in dieser Runde nicht allzu viel Redezeit zusteht. Einer seiner Kernsätze war wohl, dass man die Proben mit Leseproben beginnt. Denn die Sänger müssen im Text die Feinheiten des Wiener Dialekts erlernen. Der Dialekt ist für Heller eine Vorlage, über den österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, den er als einen seiner ersten Privatheiligen angebetet hat, ausführlich zu reden. Es geht um die sozialen Abstufungen innerhalb des Dialekts, die der Librettist verwendete. Ein Wagnis, wie Heller meint. Zu erfahren ist, dass wir Nicht-Wiener die Oper eigentlich gar nicht richtig verstehen können. Schade.

Einen kleinen Vorgeschmack lieferte der Österreicher Günther Groissböck, der ganz links außen saß. An sich ist er ein Vorzeige-Bass. Groissböck singt die Partie des Baron Ochs auf Lerchenau, er hat in Wien studiert. Er beschrieb auf köstliche Weise das Herablassende im Wiener Tonfall, wie es nur Sänger können. Das Wort Triole spielte in seiner Beschreibung der Sprechmelodie eine wichtige Rolle.

Stardirigent Zubin Mehta, ein gebürtiger Inder, lauschte abwesend lächelnd all den Erklärungen und den gegenseitigen Lobpreisungen. Er fügte einige weitere Komplimente hinzu. „Die Probenarbeit ist logisch“, sagte er etwa in Richtung von André Heller. Irgendwann ging der 83-jährige Dirigent zu seiner Probe.

Aber im Mittelpunkt stand sowieso der Tausendsassa André Heller, der irgendwie alles kann und sich jetzt mit 72 Jahren auch noch an die Oper wagt. Intendant Matthias Schulz wollte zu Beginn eine Heller-Anekdote zum Thema Wiener Melancholie erzählen. Das musste schiefgehen. Heller griff zum Mikrofon. Er ist der Typ, der grundsätzlich seine Anekdoten selber erzählt. So kennt man ihn aus Talkshows. Und man hört ihm gerne zu. Die Geschichte über die Wiener Melancholie fand bei Heller zu Hause statt. „Freunde kamen zu Besuch“, erzählt er. „Mein Sohn saß am Boden und spielte. Der Freund fragte den kleinen Ferdinand, wie es ihm ginge? Er antwortete: Danke, ich kann mich nicht beklagen. Ich muss halt immer recht viel spielen.“ Für Heller ist es der Beweis, dass es in Wien bereits für einen Fünfjährigen eine große Last sein muss, mit Lego zu spielen. Zugegeben, die Anekdote klingt, wenn sie im Wiener Dialekt erzählt wird, viel abgründiger.

Die Ideen entstanden beiSpaziergängen in Marrakesch

Nach einer halben Stunde vergnüglichen Schwadronierens stellt Heller dem Intendanten die Gretchenfrage: Wie viel darf man preisgeben oder soll das Publikum in der Premiere überrascht werden? Die Frage hätte man besser vorher geklärt. In den verbleibenden Minuten erläutert der Regisseur, was man sich bei Spaziergängen im André Heller Garden in Marrakesch für den „Rosenkavalier“ ausgedacht hat. Es offenbart, mit welcher Fantasie sich Heller und sein Team der Oper annäherten. „Es gab gegen Ende des Ersten Weltkriegs immer wieder Benefizvorstellungen für den Kriegswitwen- und Waisen-Verein“, sagt er. Das sei eine ideale Vorstellung, damit sich alle bedeutenden Figuren der Zeit in der Wiener Oper versammeln.

„Wir haben die Handlung nicht verändert“, betont der Regisseur. Der erste Aufzug bei der Marschallin wird von der damaligen Japan-Mode geprägt sein. Im zweiten Aufzug wird die Ausstattung einem „neureichen Angeber, der nicht sehr gebildet ist“ angepasst sein. Also zu teuer und exklusiv. Dieser „Rosenkavalier“ wird wohl durch seine Prächtigkeit herausstechen. Und nicht zuletzt springt Heller der Figur der Marschallin bei. Das sei keine alte Frau. Heller beschreibt sie als reich, wissend, erfahren. Sie kann den jungen Octavian am Ende getrost mit der jüngeren Sophie gehen lassen. Denn er wird wiederkommen.