Neu im Kino

„Little Women“: Vier Schwestern im Bunde

| Lesedauer: 3 Minuten
Ralf Krämer
Die March-Schwestern: Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen, v.l.).

Die March-Schwestern: Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen, v.l.).

Foto: Sony Pictures

Greta Gerwig ist der Regiestar des Independent-Kinos. Nach „Lady Bird“ hat sie nun einen Romanklassiker neu verfilmt: „Little Women“.

Nur durch Zufall hat die Mutter einer frischgebackenen Highschool-Absolventin gerade erfahren, dass ihre Tochter auf die Warteliste einer angesehenen New Yorker Uni gesetzt wurde. Nun schrubbt die eingeschnappte Matriarchin Geschirr und ignoriert die verzweifelte Tochter, die sich selbst mit Schuld belädt, sie anbettelt: „Bitte, Mutter, rede mit mir!“ Vergeblich.

Es sind starke Szenen wie diese, aus ihrem drei Jahre zurückliegenden Drama „Lady Bird“, die der 37 Jahre jungen US-Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Greta Gerwig den internationalen Durchbruch verschafften.

Saoirse Ronan spielt wieder die Hauptrolle

Nun kommt ihr mit Spannung erwarteter neuer Film in die Kinos. Er könnte von den prekären Verhältnissen in „Lady Bird“ kaum weiter entfernt sein. Im Jahr 1861 lebt die gut situierte Familie March in einem herrschaftlichen Haus. Der Vater kämpft weit entfernt im Bürgerkrieg. Daheim führen die so gütige wie lebenskluge Mutter Margaret (Laura Dern) und die vier Töchter ein recht unbeschwertes Leben.

Meg (Emma Watson), die älteste, ist eine leidenschaftliche Schauspielerin. Beth (Eliza Scanlen) plagt eine labile Gesundheit, versteht es aber mit ihrem Klavierspiel, einem Trau­er tragenden Nachbarn, Trost zu spenden. Etwas eifersüchtig betrachtet Amy (Florence Pugh) ihre Schwestern und steht sich dabei mit ihren Ambitionen selbst im Weg.

Vier Schwestern, vier Musen

Sie will eine große Malerin sein – oder gar keine. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist die zweitälteste Tochter Jo (Saoirse Ronan, die Hauptdarstellerin von „Lady Bird“), eine angehende Schriftstellerin.

Trotz allen darüber hinaus gehenden Neigungen, scheint der weitere Weg der March-Schwestern vorgezeichnet. Es gilt, eine gute Partie zu heiraten, nicht zuletzt, um finanziell abgesichert zu bleiben. Vor allem die selbstbewusste Jo kann das für sich nicht akzeptieren.

Mit dem Roman „Little Women“ hat die US-amerikanische Autorin Louisa May Alcott ihrer Familie 1868 ein literarisches Denkmal gesetzt. Allein für das Kino ist der Klassiker bisher sechs Mal verfilmt worden. Die Frage drängte sich auf, was Greta Gerwig dem bereits Bestehenden noch Substanzielles hinzufügen könnte.

Unmut nach der Oscar-Vorauswahl

Die Antwort wiegt sechs Oscar-Nominierungen schwer, wobei die ausgebliebene Nominierung für die Regisseurin mit dem Wort Skandal noch zu milde bezeichnet wäre.

Scheinbar mühelos übertragen Gerwig und ihr hinreißender Cast die Vitalität des in den letzten zehn Jahren etablierten, jungen feministischen Films in die prächtige Welt eines Kostümfilms. Während sie in der Regel nah am Roman bleibt, gelingt Gerwig mit einer Rahmenhandlung ein Kabinettstück.

Sie adaptiert und erweitert, was eigentlich erst später von May Alcott beschrieben wurde: Jos Weg zur erfolgreichen Schriftstellerin, inklusive harter Copyright-Verhandlungen im Vorfeld der ersten Veröffentlichung von „Little Women“. Letztere wirken wie eine triumphale, die Grenzen von Raum und Zeit auflösende Replik auf die Küchen-Szene aus „Lady Bird“. Ohne jenen Film und seinen zugrundeliegenden Erfahrungen, wäre „Little Women“ vielleicht nicht zu jenem Meisterwerk geworden, das es ohne Frage ist.

„Little Women“: der Trailer zum Film

Drama USA 2019 135 min., von Greta Gerwig, mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Timothée Chalamet, Florence Pugh, Laura Dern, Meryl Streep