Dass ihm im Zweifelsfall das Engagement über die Kunst geht, daraus hat der britische Regisseur Ken Loach, jetzt stolze 83 Jahre jung, nie einen Hehl gemacht. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der sozial Benachteiligten abzubilden und auf diese Art gegen ungerechte und unhaltbare Zustände zu protestieren, war ihm seit jeher wichtiger als der mögliche Kassenhit.

Seit Jahren schon verkündet der Regisseur seinen Rückzug, aber dann fällt ihm wieder ein gesellschaftlicher Missstand auf und er und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty bringen ihn auf die Leinwand, weil es sonst ja niemand macht.

Ausbeutung geht auch ohne Chef

Und immer, wenn man als Zuschauer dachte, dass Loachs filmischer Arbeiter-Realismus sich endgültig verbraucht hätte, überzeugte er dann doch wieder mit seinem präzisen Blick auf die stetig misslicher werdende Lage, wie zuletzt in seinem Cannes-Gewinnerflm „I, Daniel Blake“, in dem der Titelheld mit den Schikanen des zusammengeschrumpften britischen Wohlfahrtsstaats ringt.

Ricky wird ein „Eigentümer-Fahrer“ - und ahnt nicht, worauf er sich da eingelassen hat.
Ricky wird ein „Eigentümer-Fahrer“ - und ahnt nicht, worauf er sich da eingelassen hat. © dpa

In „Sorry We Missed You“ nimmt sich Loach nun das aktuelle Phänomen der „Gig Economy“ vor, jene Art Ausbeutung, die dem Arbeiter das letzte nimmt, was er noch hatte: den ausbeuterischen Chef. Das Schlüsselwort der Gig Economy ist nämlich die Selbstständigkeit. Die Fahrer des Lieferdiensts, bei dem Familienvater Ricky (Kris Hitchen) anheuert, sind „Eigentümer-Fahrer“.

Eklatanter Mangel an Absicherung

Das bedeutet, dass Ricky den Wagen selbst kaufen muss, mit dem er dann selbstbestimmt, soll heißen im Akkord die Pakete an den Mann bringen soll. Der wichtigste Tipp, den er von einem Kollegen bekommt, hat die Form einer leeren Milchflasche: Für Pinkelpausen bleibt in seinem 14-Stunden-Tag keine Zeit. Und für jede Verzögerung, sei sie durch Stau, Wetterverhältnisse oder persönliches Unglück bedingt, ist er künftig auch selbst verantwortlich.

Zur Selbstausbeutung kommt auf diese Weise nicht nur ein eklatanter Mangel an Absicherung hinzu, er ist außerdem noch gepaart mit einer Überwachung, die die Fabrikaufsicht von einst harmlos erscheinen lässt. Die digitalen Geräte machen’s möglich, dass die Fahrer heutiger Logistikunternehmen laufend überwacht werden.

Abby (Debbie Honeywood, l.) kämpft als mobile Pflegekraft ebenfalls mit zu vielen Aufträgen in zu kurzer Zeit. .
Abby (Debbie Honeywood, l.) kämpft als mobile Pflegekraft ebenfalls mit zu vielen Aufträgen in zu kurzer Zeit. .© dpa

Ob sie fahren oder stehen, wieviel Pakte sie wann wo abliefern, womöglich sogar wer mit ihnen im Wagen sitzt – all das wird aufgezeichnet und „geloggt“, ohne dass die einzelnen Fahrer darauf Einfluss hätten oder gar Widerspruch einlegen könnten. Es sind alles wahre Dinge, die Loach in „Sorry We Missed You“ auf den Punkt bringt. Aber die bloße Kritik an den modernen Arbeitsverhältnissen ist ihm nicht genug.

Der Film geht zu viele Probleme an

Der Zuschauer soll schon richtig mitleiden mit dem Helden, weshalb Loach es leider nicht lassen kann, ihn mit weiteren Problemen förmlich zu überhäufen. So ist Ricky ein Opfer der Finanzkrise von 2008, die ihm den früheren Job und das gerade erworbene Häuschen gekostet hat. Rickys Frau Abby (Debbie Honeywood) kämpft als mobile Pflegekraft ebenfalls mit zu vielen Aufträgen in zu kurzer Zeit für zu wenig Bezahlung. Immerhin scheint sie ihren Beruf regelrecht zu lieben, an Empathie für die alten Menschen in ihrer Obhut mangelt es ihr nie.

Unermüdlicher Anwalt des kleinen Mannes: Ken Loach.
Unermüdlicher Anwalt des kleinen Mannes: Ken Loach. © Getty Images

Der Film handelt ihre Probleme etwas paternalistisch als Nebenwiderspruch ab. Aber damit ist das Elend dieser guten Menschen noch nicht komplett: Weil die Eltern soviel arbeiten müssen, rebelliert der Teenagersohn, der nicht so enden will wie sein Vater. Die 11-jährige Tochter beginnt sogar das Bettnässen, so schlagen ihr die Sorgen der Eltern auf die Seele. Und dann wird Ricky auch noch überfallen und beklaut.

Treffende Beobachtungen aus dem Spätkapitalismus

Es ist alles ein bisschen viel, dabei bräuchte der Film die Spannung dieser sich immer weiter verschärfenden Umstände gar nicht, überzeugt er doch schon allein mit seinen treffenden Beobachtungen aus dem Spätkapitalismus, in dem das, was im Großen schief läuft, immer wieder von den „Kleinen“ ausgebadet werden muss.

Drama GB/BL/F 2019 von Ken Loach, mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone