Neues Album

Mit den Pet Shop Boys nach Zehlendorf

Unterwegs mit der U1: Das neue Album „Hotspot“ ist eine Liebeserklärung des britischen Popduos an die Wahlheimat Berlin.

Chris Lowe (l.) und Neil Tennant sind die Pet Shop Boys. Sie leben seit zehn Jahren unter anderem in Berlin.

Chris Lowe (l.) und Neil Tennant sind die Pet Shop Boys. Sie leben seit zehn Jahren unter anderem in Berlin.

Foto: Phil Fisk

Vor bald 48 Jahren, am 2. Juni 1972, machte David Bowie mit seiner Ziggy-Stardust-Tour in der Newcastle City Hall im Nordosten Englands Station. Im Publikum befand sich der damals 17-jährige Neil Tennant, der seinerzeit die katholische Schule von Newcastle-upon-Tyne besuchte, nebenher Folkmusik machte und sich in der örtlichen Jugendtheatergruppe engagierte. Das Konzert sei nicht ausverkauft gewesen, erinnerte sich Tennant Jahrzehnte später im Interview, aber er sei doch fasziniert von Bowie gewesen: von der Inszenierung seines Auftritts, vom wilden Make-up, der farbenfrohen Kleidung und der Frisur dieser Kunstfigur namens Ziggy Stardust, die aus außerirdischen Sphären auf die Welt hinabgestiegen zu sein schien. Seine forcierte Künstlichkeit, erzählte Tennant, habe ihn tief beeindruckt.

Vom weiteren Lauf der Dinge konnte er damals natürlich nichts ahnen. Bowies phänomenale Weltkarriere war seinerzeit ebenso wenig absehbar wie der Siegeszug der Pet Shop Boys, die Tennant 1981 zusammen mit dem Architekturstudenten Chris Lowe gründen sollte und die 1984 mit „West End Girls“ ihre Gegenwart erschütterten. Niemand hätte damals vorhergesagt, dass Bowie, Tennant und Lowe einmal gemeinsame Auftritte vor ausverkauften Häusern haben würden.

Auftritt für die Wandkacheln am Alexanderplatz

Und dass diese drei Riesen des Pop einmal eine für ihr Herkunftsland ziemlich untypische Liebe zur größten Stadt ausgerechnet Deutschlands verbinden würde, wäre wohl auch als schiefe Prophezeiung verlacht worden. Dennoch ist es so gekommen: Im Jahr 2013, drei Jahre vor seinem Tod, dachte Bowie in „Where are we now?“ noch einmal wehmütig an seine Berliner Jahre zurück. „Hotspot“, das am kommenden Freitag erscheinende, zusammen mit Stuart Price produzierte Album, ist nicht nur fast vollständig in den legendären Berliner Hansa Studios aufgenommen worden, sondern eine wunderbar hörenswerte Liebeserklärung an die Stadt.

Das hatte sich schon am 11. September vergangenen Jahres angedeutet, als das Duo mit „Dreamland“ den ersten Song des neuen Albums auskoppelte. Dem regelmäßigen Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin fielen im zugehörigen Video sofort die türkisfarbenen Kacheln auf, die normalerweise die Wände der Station Alexanderplatz bedecken – nur dass die Station hier mitsamt ihren weißen Lettern auf schwarzem Grund in „Pet Shop Boys“ umbenannt worden war. Die Kamerafahrt nahm dann, digital leicht verfremdet, die Innenausstattung des Berliner Untergrunds in den Blick: die gelben BVG-Züge, die Sitzbänke, das Leitsystem, die Graffiti. Und der für den Song eigens engagierte Sänger Olly Alexander von der britischen Synthiepop-Combo Years & Years schwärmte, hymnisch und von Elektrofanfaren orchestriert, von einem Land der Träume, aus denen man nicht mehr erwachen wolle – aber auch von der Erschöpfung und Müdigkeit, die man im eigentlichen Heimatland empfinde.

Die Pet Shop Boys also als Brexit-Exilanten, die vor Boris Johnson aus London ins immer noch deutlich günstigere Berlin fliehen und sich hier vor der Wirklichkeit verstecken? Das Album zeigt, dass dies eine allzu billige Lesart wäre, die der über Jahre gewachsenen, auch historisch hochgebildeten Beziehung der Pet Shop Boys zur Stadt nicht gerecht wird. Im herrlich melancholischen Song „You are the one“ etwa erzählt Tennant von einem Ausflug nach Zehlendorf, das er sympathischerweise als „Seelendorf“ ausspricht – der Hörer denkt unwillkürlich an „The Passenger“, jenen Hit von David Bowies Mitbewohner Iggy Pop aus dem Jahr 1977, der von den Fahrten mit der Berliner S-Bahn inspiriert worden sein soll. Nur dass der 65-jährige Tennant und sein 60-jähriger Mitstreiter Lowe es wohl nicht mehr ganz so wild mit der Freizeitgestaltung halten wie der damals 30-jährige Iggy Pop: Man geht ein Stück Kuchen essen, erzählt der Song, fährt dann nach Mitte und schaut sich noch einen Film an. Nur manchmal geht man noch ins Berghain.

Vom Segen, nicht erkannt zu werden

Von der U1 ist schon im ersten Song des Albums die Rede, obwohl der „Will O the Wisp“ heißt und sich mit seinen krachenden Synthie-Dancefloorschleifen zumindest dem Titel nach mit altenglischem Gespensteraberglauben zu beschäftigen scheint – bis Tennant schnarrend „The U1 is such a party train“ verkündet und alles pure Gegenwart zu sein scheint; sogar die Stationsansage „Hallesches Tor“ ist zu hören.

Natürlich weiß man in Berlin schon etwas länger, dass die U1 keine Linie wie jede andere ist und sich zum Beispiel niemand dort wirklich für das Alkoholverbot interessiert. Aber die Pet Shop Boys wissen das auch schon selbst ziemlich gut. Und sie gehen darüber hinaus, indem sie an Christopher Isherwood erinnern, der mit seinem Roman „Leb wohl, Berlin“ 1939 dem sexuell liberalen Hauptstadtleben der späten 1920er-Jahre ein Denkmal setzte. Tennant hat sich für den Text des Songs, wie er der „Süddeutschen Zeitung“ sagte, von Isherwoods Tagebüchern inspirieren lassen. Dieses Spiel mit Mehrdeutigkeiten und der Ruf in geschichtliche Resonanzräume machen „Hotspot“ zu einem wirklich klugen Album. Das, man möchte es kaum glauben, in seinem letzten Song „Wedding in Berlin“ nicht etwa den gleichnamigen Ortsteil besingt, sondern tatsächlich eine Hochzeit – kurzzeitig von den bekannten Marschklängen Felix Mendelssohn Bartholdys untermalt, dann wieder in pochende, mitreißende Beats wechselnd. „Ein Freund von uns, der Künstler Thilo Heinzmann, hat in Berlin geheiratet“, hat Tennant im Interview gesagt. „Wir konnten da nicht hin, weil wir gerade auf Tournee waren. Stattdessen haben wir für Thilo und seine Frau ein Stück geschrieben, es wurde nur ein einziges Mal gepresst, wir gaben es den beiden. Sie haben es auf der Hochzeitsparty gespielt.“

„Hotspot“ ist das 14. Studioalbum und komplettiert eine mit „Electric“ 2013 begonnene und 2016 mit „Super“ fortgesetzte Trilogie, in der man so etwas wie eine musikalische Bilanz aus bald 40 Jahren Pet Shop Boys sehen kann – die dem jahrzehntelangen Hörer dieses Duos inzwischen auch eine große Dosis Melancholie injiziert. Aus den vielen Gesprächen, die seinetwegen stattgefunden haben, konnte man erfahren, warum sich Tennant und Lowe vor zehn Jahren für den gelegentlichen Wohnsitz Berlin entschieden haben: Man wird sogar als Weltstar hier weitgehend in Ruhe gelassen, die Menschen tun am liebsten so, als hätten sie einen nicht bemerkt. Man möchte den Pet Shop Boys noch viele dieser friedlichen, ungestörten Momente in Berlin wünschen.