Porträt

„Die Geige ist ein soziales Instrument“

Nadine Contini spielt im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und ist die Schirmherrin des Geigenjahres 2020

Musikerin Nadine Contini im Kleinen Sendesaal im Haus den Rundfunks an der Masurenallee.

Musikerin Nadine Contini im Kleinen Sendesaal im Haus den Rundfunks an der Masurenallee.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services / FUNKE Foto Serivces

Dass in Berlin eine gebürtige Saarländerin als Schirmherrin des Geigenjahres 2020 residiert, soll in Saarbrücken für Freude gesorgt haben. Das gehört wohl zum föderalen Wettstreit, denn zehn Bundesländer wählen gemeinsam ein Instrument des Jahres, aber jedes hat seinen eigenen Schirmherren und wirbt natürlich mit einem eigenen Programm. Nadine Contini steht für Berlin. An der Eisler-Hochschule hatte sie Geige studiert, seit 2005 gehört sie zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. In der Philharmonie wird sie demnächst als Solistin zu erleben sein. Mehr Berliner Klassik geht nicht.

Nadine Contini ist also das Gesicht des Geigenjahrs. Dass der Titel ein wenig an Weinkönigin oder Miss Geige erinnern könnte, wischt sie lächelnd beiseite. „So empfinde ich das gar nicht“, sagt sie: „Ich habe mich eher als programmatisch formend in dem Prozess gesehen. Der Grundstein ist gelegt, aber der Weg ist das Ziel, und es wird sich in dem Jahr noch einiges entwickeln.“

Es gibt bereits eine ansehnliche Broschüre des Landesmusikrats zum Geigenjahr, in der Konzerte, Workshops, Vernetzungen zu finden sind. Es ist auch das Jahr aller Geigenpädagogen und Instrumentenbauer. 37 Geigenbauer gibt es allein in Berlin. Alles mündet in den Tag der Violine.

Die Schirmherrin hat hohe Ansprüche an das Jahr und eine klare Botschaft: „Wir brauchen mehr Zusammenhalt in dieser Gesellschaft, die zu zerfallen droht, wo das Ich mehr zählt als das Wir. Für mich ist es ein großer Wert, Zugehörigkeit gerade über das Musizieren zu vermitteln.“ Darüber hinaus möchte die Geigerin ein Stück weit wegführen vom unguten Leistungsdenken, dem immer schneller, immer weiter. „Ich möchte, dass die Menschen, statt nach immer mehr zu greifen, lernen, wie tief sie empfinden können. Es geht mir um die Tiefe des Erlebens gemeinsamer Momente.“

Beim Thema Geige werden viele zuerst an die Großen oder Populären, ob Paganini, die Oistrachs oder David Garrett, denken und sie als künstlerische Egomanen wahrnehmen. Dem widerspricht Nadine Contini. „Selbst der Geigenvirtuose steht vor einem Orchester mit dreißig Geigen und wird von denen getragen, obwohl er vorne als Solist brilliert“, sagt sie und betont: „Die Geige ist immer ein soziales Instrument.“

Bereits mit fünf Jahren hatte Nadine Contini ihren ersten Geigenunterricht. Sie kommt aus keiner Musikerfamilie, der Nachname Contini stammt von ihrem italienischen Urgroßvater, der vor hundert Jahren über Frankreich nach Deutschland kam. Geboren wurde sie 1979 in Saarbrücken, am Montag feiert sie ihren Geburtstag. Ihre Werdegang ist typisch für die Förderung hochbegabter Musiker in Deutschland: Sie hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen, ist gefördert worden, hat Meisterkurse besucht.

Im Jahr 2000 hatte sie ihr Studium bei Antje Weithaas an der Berliner Musikhochschule begonnen, einer Geigenvirtuosin. Das Thema künstlerische Emanzipation oder Pro Quote empfindet Nadine Contini als etwas Gestriges. „Über das Thema Gleichberechtigung sind wir schon rausgewachsen, oder?“ Der Blick in die heutigen Berliner Orchester mag das bestätigen, allzu leicht vergisst man, dass die Wiener Philharmoniker als letzte Männerbastion erst vor gut zwanzig Jahren die erste Musikerin in ihre Reihen aufgenommen haben. Aber Nadine Contini hat Recht, gerade auch, wenn man auf den Nachwuchs schaut.

Beim Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) ist Nadine Contini Stimmführerin der 2. Violinen und als Mentorin auch für den Nachwuchs der Orchesterakademie zuständig. „Jede Stimmgruppe hat eine Anzahl von Akademisten, ich betreue drei. Mentoren sind für die jungen Streicher verantwortlich, die sie bis zu zweimal im Monat Unterricht erteilen und sie bei Kammermusik betreuen. Wir haben auch ein Orchesterkonzert nur mit den Stipendiaten. Sie nehmen bei uns am Berufsalltag teil, spielen Dienste im Orchester.“ Was junge Musiker heute am meisten belastet, das fasst sie mit einem Wort zusammen: Leistungsdruck. „Es ist nicht einfach, sich einen Platz in dieser musikalischen Welt zu erarbeiten. Einige studieren noch, andere sind schon fertig mit dem Studium und stehen ein bisschen zwischen den Welten. Sie leben schon in der Orchesterwelt, haben aber noch keine Stelle. Es ist eine Findungsphase.“ Sie rät zu mehr Selbstvertrauen. „Selbst wenn man zehn Probespiele vergeigt, ist es vielleicht das elfte Probespiel, das auf den richtigen Platz führt.“

Im Geigenjahr wird sich eine Psychologin auch mit Lampenfieber befassen, was für jeden Musizierenden ein Thema ist. „Ich unterscheide zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst“, sagt Nadine Contini. „Lampenfieber hat eigentlich jeder, und ein bisschen Flattern im Bauch kann man in etwas Positives umlenken. Auftrittsangst wirkt dagegen destruktiv auf das, was ich tue, und schneidet mich vom Erbringen meiner Leistung ab. Damit hatte ich zum Glück nie zu tun. Aber es ist manchmal zu beobachten, dass der Grat zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst schmal ist.“ Sie erklärt es mit mangelndem Selbstwertgefühl, Musiker sähen sich immer der Bewertung von Zuhörenden ausgesetzt. Sie empfiehlt, in sich selbst mehr die Freude am Musizieren zu entdecken.

Bleibt noch die Frage, welches Instrument Kinder als erstes lernen sollten? „Ich finde Klavier immer sehr schön zum Einstieg, aber das sollte ich im Jahr der Geige vielleicht nicht sagen?“ Darüber muss sie selber lachen. „Ich würde immer das Instrument nehmen, zu dem es das Kind zieht“, fügt sie hinzu: „Auch wenn es ein Schlagzeug ist.“

Philharmonie: Nadine Contini ist Solistin im RSB-Konzert am 22. März um 20 Uhr. Tel. 20298715