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„Vom Gießen des Zitronenbaums“: Der Nahe Osten ist überall

Elia Suleiman macht sich in seinem Dokumentarfilm auf eine Reise um die Welt. Und sieht die Welt überall in einem absurden Zustand.

Immer im Mittelpunkt: Elia Suleiman unterstreicht jede Szene mit seinem skeptischen Blick.

Immer im Mittelpunkt: Elia Suleiman unterstreicht jede Szene mit seinem skeptischen Blick.

Foto: dpa

Eigentlich absurd: Die Welt ist schlecht wie nie, aber noch immer gibt es Leute, die glücklich wirken. Meist, auch davon erzählt „Vom Gießen des Zitronenbaums“, sind es die Nachbarn. Die haben saftigere Obstbäume, weniger Sorgen, mehr Geld. Und weil die Welt voller Nachbarn ist, könnte sie doch ein guter Ort zum Leben sein.

Ob die Sehnsucht nach dem Paradies nebenan der Grund dafür ist, dass Regisseur Elia Suleiman (von ihm selbst gespielt) seine Heimat Palästina verlässt? Oder war er bloß genervt, weil ihm der Nachbar die Zitronen aus dem Garten stahl? Über die Motive können wir nur spekulieren, denn die Hauptfigur bleibt fast immer stumm. Und die anderen sprechen in Rätseln.

Überall Angst, Bewaffnung und Überwachung

Das ist schon die ganze Geschichte: Ein Mann mit Hut reist von Palästina nach Paris und New York und wieder zurück. Dazwischen versucht er, Produzenten für seinen Film zu finden. Einer lehnt ab: Dass sei nicht „palästinensisch“ genug und könne „überall spielen“.

Um eine speziell palästinensische Geschichte geht es Suleiman auch gar nicht, sondern um einen Zustand. Um die Atmosphäre auf einer sich angleichenden Welt, in der überall nahöstliche Verhältnisse herrschen: Angst, Bewaffnung und Überwachung. Wirkt Paris anfangs noch aufregend, schleicht sich bald Bedrohliches in die Bilder.

Die Selbststilisierung kann auf die Nerven gehen

An Jacques Tati oder Roy Andersson erinnern die Choreografien, die Suleiman in streng symmetrische Tableaus packt. Er betrachtet das Links-Rechts-Schema der Welt und denkt sich: Der ganze Globus hat sich in einen Polizeistaat verwandelt. Kann man also gleich zuhause bleiben.

Suleimans Selbststilisierung als melancholischer Beobachter kann einem zwar auf die Nerven gehen. Wenn er allem ein weises Lächeln oder ein Heben der Augenbrauen widmet, wirkt das so, als traue er seinen Bildern wenig zu, als müsste er immer erst sich selbst hinzufügen, als Spiegel und Anleitung, wie tragikomisch man das alles zu finden habe.

Zu Recht heißt es zurzeit, wir alle müssten uns in „Ambiguitätstoleranz“ üben. Sie ist ein zartes Pflänzchen. Suleimans Stärke ist sein Verzicht auf eine eindeutige Aussage, lieber lässt er das Absurde so stehen. Seinem Helden bleibt so immerhin die Freiheit, sich am Ende über seinen Nachbarn zu freuen, der sich ums Zitronenbäumchen gekümmert hat.

„Vom Gießen des Zitronenbaums“: der Trailer zum Film

Komödie Katar/D/ Kanada 102 min., von Elia Suleiman, mit Elia Suleiman, Gael García Bernal, Tarik Kopty