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Auch Rockstars fangen klein an: „Lindenberg: Mach dein Ding“

Hermine Huntgeburth hat die frühen Jahre von Udo Lindenberg verfilmt. Mit einem grandiosen Hauptdarsteller: „Lindenberg! Mach dein Ding“.

Die ersten Schritte sind schwer: Noch sitzt Udo Lindenberg (Jan Bülow, M.) am Schlagzeug, sein Freund Steffi Stephan (Max von der Groeben, r.) an der Seite.

Die ersten Schritte sind schwer: Noch sitzt Udo Lindenberg (Jan Bülow, M.) am Schlagzeug, sein Freund Steffi Stephan (Max von der Groeben, r.) an der Seite.

Foto: Gordon TimpenSMPSP / DCM

Kino ist gern auch ein probates Mittel zur Heldenverehrung. Legendäre Gestalten der Popgeschichte werden für die Nachwelt auf die große Leinwand gemeißelt. Ob Joaquin Phoenix als Johnny Cash in „Walk The Line“, ob Rami Malek als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody” oder zuletzt Taron Egerton als Elton John in „Rocket Man”.

Nun hat sich Grimme-Preisträgerin Hermine Huntgeburth einer Ikone des deutschen Rock angenommen. In „Lindenberg! Mach dein Ding“ (ab 16. Januar 2020 im Kino) fächert sie auf wunderbare Weise die frühen Jahre von Udo Lindenberg auf. Von der Kindheit im westfälischen Gronau bis zum Durchbruch 1973 mit „Alles klar auf der Andrea Doria“.

Bei Tripolis unterhält er als Schlagzeuger US-Truppen

Keiner hat die deutsche Popmusik so nachhaltig geprägt wie der heute 73 Jahre alte Udo Lindenberg. Er hat in den frühen Siebzigern aller Kritik zum Trotz Mut zu deutschen Texten bewiesen. „Deutsch ist die Sprache der Täter“, heißt es einmal in dem Film.

Und allenfalls gut für Schlager. Doch Lindenberg hat lässig, laut und selbstbewusst manifestiert, dass Rock ’n’ Roll durchaus auch ohne anglophile Anbiederei rollt und fließt, und später Heerscharen junger Musiker infiziert.

Regisseurin Huntgeburth und ihre Drehbuchautoren Alexander M. Rümelin, Christian Lyra und Sebastian Wehlings zeigen mit viel Gespür für Zeitkolorit, wie aus dem kleinen Udo aus der Provinz der größte Rockstar der Republik wurde.

Flucht aus prekären Verhältnissen

Sie haben sich gegen eine chronologische Erzählweise entschieden. Der Film spielt in den frühen 70er-Jahren, als der zum Erfolg entschlossene Lindenberg (großartig interpretiert von Jan Bülow) in Hamburg landet und sich in den Rotlichtbars und Jazzkneipen von St. Pauli als Schlagzeuger verdingt.

Immer an seiner Seite: sein Freund und Bassist Steffi Stephan (Max von der Groeben), mit dem er in durchzechten Nächten mit Sätzen wie „Realität ist nur eine Illusion, die sich aus Mangel an Alkohol einstellt“ über das Leben philosophiert.

Rückblenden öffnen dabei immer wieder den Blick in die Vergangenheit. „Die Lindenbergs werden Klempner und sonst nix“, eröffnet ihm sein cholerischer Trinker-Vater Gustav (Charlie Hübner), als der kleine Udo den Wunsch äußert, Musiker zu werden.

Hübsche Querverweise aufs Lindenberg-Werk

Rückhalt bekommt der Junge nur durch seine liebevolle Mutter Hermine (Julia Jentsch). Er sieht sich im Gronauer Lichtspielhaus immer wieder die „Glenn Miller Story“ an, bis er die Dialoge auswendig kann. Und wir erleben seine große Liebe zu einer älteren Cellospielerin, die Inspiration für den Song „Cello“ war.

Überhaupt ist „Lindenberg! Mach Dein Ding“ gespickt mit zahlreichen Verweisen und Anspielungen auf sein späteres Werk. Auf dem Kiez in Hamburg hat er ein enges Verhältnis zu Paula (Ruby O. Fee), die er später in „Alles klar auf der Andrea Doria“ in der Zeile „Und Paula aus St. Pauli, die sich immer auszieht“ verewigen wird.

Oder Petra (Saskia Rosendahl), in die er sich bei Besuchen in der „Hauptstadt der DDR“ verliebt und die er später in „Mädchen aus Ost-Berlin“ besungen hat.

Gerade mal 15 Jahre alt ist er, als er Gronau den Rücken kehrt und in Düsseldorf eine erfolglose Kellnerlehre beginnt. Zwei Jahre später landet er als Schlagzeuger einer Band in Libyen, wo er ein Jahr lang in der Nähe von Tripolis auf einer amerikanischen Air Force Base die Truppen unterhält. Ein prägendes Erlebnis, das er lange nicht verkraftet hat und das dem Film vorangestellt ist.

Egozentrische Figur,die nie zur Karikatur verkommt

Man spürt die Fülle an Material, an Figuren und Begegnungen, die untergebracht werden wollen. Einmal sieht man Lindenberg kurz im Tonstudio am Schlagzeug. Und hört, wie er gerade Doldingers legendäre Titelmelodie für den TV-„Tatort“ einspielt. Vieles wird nur angerissen, doch immer weiß der Film durch die Liebe zu seinen Figuren und die konsequente Erzählweise zu überzeugen.

Einen großartigen Auftritt hat Detlev Buck als schmieriger Plattenfirmen-Manager Mattheisen. Doch vor allem Jan Bülow als Udo Lindenberg ist überwältigend. Er formt seinen zielstrebigen, gern mal aufbrausenden und mitunter egozentrischen Charakter, ohne jemals einer Lindenberg-Karikatur nahe zu kommen.

Er stromert durch die Straßen von St. Pauli, haust mit Musikerkollegen in der WG „Villa Kunterbunt“, versucht sich in unterschiedlichsten Jazz- und Rockformation. Dieser Lindenberg weiß von Anfang an, dass er auf die Bühne muss. „Wir machen die große Samstagabendshow!“, sagt er. Und auf die Replik „Ich hab noch nie einen Trommler die Bühne runtergehen sehen“ meint er nur knapp: „Dann bin ich eben der erste!“

Die mehr als zwei Stunden vergehen wie im Flug

Zu Beginn des Films liegt er in der libyschen Wüste, am Ende in Hamburg auf der Bühne und stößt die Zeilen „Bei Onkel Pö spielt ne Rentnerband …“ ins Mikrofon. Es ist der Start in eine phänomenale Karriere. Und das Finale eines phänomenalen Films, der durch seinen Darsteller, sein Ensemble und seinen charmanten Blick auf das wilde Deutschland der 70er-Jahre begeistert.

Die mehr als zwei Stunden vergehen wie im Flug. Im Nachspann sitzt der Meister auf der Klubbühne und singt. Großes Kino.

FIlmbiographie D 2019 135 min., von Hermine Huntgeburth, mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben, Saskia Rosendahl, Ruby O. Fee