Neu im Kino

„Crescendo“: Die Kraft der Musik in Zeiten des Hasses

Mit„Crescendo – #Makemusicnotwar“ ist Dror Zahavi ein überzeugendes Filmdrama um Annäherung und Aussöhnung im Nahostkonflikt gelungen.

Der Dirigent (Peter Simonischek, M.) zwischen Israelis (wie Daniel Donskoy, r.) und Palästinensern (Sabrina Amali, l.)

Der Dirigent (Peter Simonischek, M.) zwischen Israelis (wie Daniel Donskoy, r.) und Palästinensern (Sabrina Amali, l.)

Foto: Camino Filmverleih

Die einen proben in luxuriösen Villen in Tel Aviv und haben die beste Musikausbildung genossen. Die anderen üben in einfachen Wohnungen im Westjordanland, während draußen Demonstrationen vorbeiziehen . Das sind völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Äpfel und Birnen, die man bekanntlich nicht miteinander vergleichen kann. Und doch sollen diese Jugendlichen gemeinsam in einem eigens dafür zusammengesetzten Orchester spielen. Um, als Zeichen gegen den Hass, eine anstehende Friedensverhandlung zwischen Israel und Palästina zu begleiten.

Mit „Crescendo - #Makemusicnotwar“ verhandelt Regisseur Dror Zahavi den scheinbar unlösbaren Nahostkonflikt in einer Versuchsanordnung, die auch zum Scheitern verurteilt scheint. Einige der Palästinenser lässt man kaum durch die Grenzkontrolle zum Vorspiel nach Tel Aviv.

Dort sprechen die Israelis nur untereinander auf Hebräisch, auch die arabisch sprechenden Palästinenser grenzen sich ab. Der politische Konflikt wird in das Friedensprojekt hineingeschleppt. Und der berühmte Dirigent (Peter Simonischek) ist zunächst nur am musikalischen Ergebnis interessiert – und mustert fast alle Palästinenser aus, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügen.

Israelis, Palästinenser – und die Schuld der Nazis

Deshalb muss das Projekt noch mal neu gestartet werden. Mit paritätischer Aufteilung. Und Proben auf neutralem Boden in Südtirol. Wobei der Dirigent mehr und mehr zum Mediator wird. Und das Orchester zur Gruppentherapie.

Die Idee dieses Films ist natürlich an Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra angelehnt. Der Klangkörper des Films ist aber ein fiktiver, was eine freie Figurenzeichnung erlaubt. Dass der Dirigent auch noch ein Sohn deutscher NS-Verbrecher ist, mag etwas überkonstruiert wirken. Es weitet freilich den Blick: Der Dirigent leidet zeitlebens unter der Schuld und den Anfeindungen, denen er deshalb ausgesetzt ist. Auch für ihn ist dies ein Projekt der Aussöhnung.

Auch fern vom Konfliktherd schwelen die Ressentiments und brechen offen aus. Bis die jungen Menschen sich endlich auch austauschen. Die Palästinenser erzählen von Großeltern, die in jungen Jahren von ihrem Land vertrieben wurden und nach heute darunter leiden, die Israelis von Großeltern, die dem Holocaust entkamen und dann von Palästinensern getötet wurden.

Ein klares Zeichen der Hoffnung

Verluste und Traumata auf beiden Seiten. Am Ende beginnen die Jugendlichen wirklich miteinander zu musizieren und zu harmonieren. Bis eine Katastrophe das Projekt erneut in Frage stellt.

Der in Tel Aviv geborene und in Berlin lebende Regisseur Dror Zahavi hat den Konflikt zwischen Israel und Palästina schon 2008 in „Alles über meinen Vater“ thematisiert. Er war also genau der Richtige für dieses Projekt, mit dem Alice Brauner das Erbe ihres Vaters Artur Brauner, Filme für Versöhnung und Völkerverständig zu produzieren, auf eigene Weise fortführt.

„Crescendo“ lässt beide Seiten zu Wort kommen, ohne je Partei zu ergreifen. Der Film flüchtet auch nicht in ein einfaches Happy End, das es angesichts dieses Konflikts nicht geben kann. Aber er zeigt doch, dass ein Miteinander möglich ist. Wenn man nur endlich aufeinander zugeht. „Crescendo“ setzt damit ein klares Zeichen: im Geist einer gemeinsamen Sprache, durch die Kraft der Musik.

„Crescendo – #Makemusicnotwar“: der Trailer zum Film

Drama D 2019 112 min., von Dror Zahavi, mit Peter Simonischek, Bibiana Beglau, Daniel Donskoy