Neu im Kino

„Little Joe“: Horror aus dem Blumentopf

Die Österreicherin Jessica Hausner hat mit „Little Joe“ einen verstörenden, aber auch bemühten Horrorfilm um Genmanipulation gedreht.

Harte Farbkontraste: Die roten Blumen sind grelle Farbtupfer in dem aseptischen Weiß des Forschungslabors.

Harte Farbkontraste: Die roten Blumen sind grelle Farbtupfer in dem aseptischen Weiß des Forschungslabors.

Foto: dpa

Eine Pflanze, die denjenigen glücklicher macht, der sie gut pflegt – das klingt eigentlich nach einer guten Idee. Sie beinhaltet ein eher harmloses Versprechen, denn was soll das schon heißen: glücklicher? Die Biologen, die in Jessica Hausners „Little Joe“ im Labor zusammen stehen und über ihr Projekt beraten, stellen jedenfalls nicht ihre Definition von Glück in Frage.

Ein bestimmtes Hormon, das die Pflanze bei guter Pflege ausschüttet, identisch mit dem, das die Mutter-Kind-Bindung sichert, steht dafür ein. Die Besorgnis der Wissenschaftler gilt allein dem Gedeihen der Pflanze, die sie kreiert haben. Der erste „Entwurf“ ging bereits ein; wird der zweite rechtzeitig heranwachsen, um „marktfertig“ zu sein, wenn es darum geht, die Pflanze der Öffentlichkeit vorzustellen?

Das echte und das andere „Kind“

Alice (Emily Beecham) ist die führende Biologin des Projekts. Die geschiedene, mit ihrem vorpubertärem Sohn Joe (Kit Connor) zusammen lebende Frau ist von ihrem Werk so überzeugt, dass sie ein Exemplar davon mit zu sich nach Hause nimmt.

Sie schenkt es dem Sohn, der sich durchaus nach mehr Bindung zur arbeitsbedingt allzu oft abwesenden Mutter sehnt. Wie als Kompensation benennt Alice ihre Erfindung nach ihm: „Little Joe“. Sie verschwendet offenbar keinen Gedanken daran, was das pflanzen-induzierte Glück bei ihrem Sohn alles auslösen könnte.

Erst als der gar nicht mehr so Kleine wenige Wochen später überraschend erwachsen erklärt, sie lasse ihn doch so viel allein, dass es besser für ihn sei, wenn er zum Vater zöge, wird Alice misstrauisch. Vielleicht hat ihre Pflanze doch bislang übersehene Nebenwirkungen?

Der unbedingte Kontrollwille ermüdet

Hausner lässt ihren Film größtenteils in wenigen, sich wiederholenden Kulissen spielen. Da sind die Gewächshaus-Etagen des Instituts, in denen sich das Rot des Blütenkopfs von „Little Joe“ von den weißen Flächen ringsherum abhebt, und Alices Wohnung, die ebenfalls von wenigen, aber klaren Farben geprägt ist.

Sowohl die enge Auswahl der Räume als auch der Farbpalette verstärken die Wirkung des Gewollten, die sich durch den Film zieht. Überträgt man die Bindungs-Metapher auf das Verhältnis von Regisseurin und Film, ihrem „Baby“, dann verstärkt sich der Eindruck, dass man es hier mit einer sehr kontrollierenden Mutter zu tun hat.

Perfektes Ambiente für sterile Glücksversprechen

Selbst das Schauspiel bringt Hausner in ihre Gewalt: Sowohl Emily Beecham – die für ihren perfekt zurückhaltenden Auftritt in Cannes als beste Schauspielerin geehrt wurde –, als auch Ben Whishaw in der Rolle des Assistentin, der für seine Chefin schwärmt, ordnen die Nuancen ihres Ausdrucks den erlesenen Pastelltönen der Ausstattung unter. Nie wird die gefühlte Temperatur zwischen ihnen wärmer als der Pfefferminzton ihrer Laborkittel.

Einerseits passt das Kontrollierte, Beherrschte von Schauspiel und Kulisse zum Plot um die Gefahren von Genmanipulation und sterilen Glücksversprechen. Andererseits eignet Hausners unbedingtem Kontroll-Willen auch etwas Ermüdendes.

Auf Dauer vergeht die Lust an der Spekulation

Einer nach dem anderem bekommen die Institutsmitarbeiter eine Dosis zu viel von „Little Joe“ - und verhalten sich danach nur so wenig anders, dass man als Zuschauer genauso rätselt wie die lange von Nebenerscheinungen verschonte Alice: Bewirkt die Pflanze überhaupt etwas? Die Verschwörungstheorie der Dienstältesten Bella (Kerry Fox) klingt dann doch zu verrückt.

Vielleicht handelt es sich bei Joes neuem Verhalten ja einfach um den völlig normalen Abnabelungsprozess eines Sohns von seiner Mutter. Ob der Spärlichkeit der Hinweise, die Hausner gibt, vergeht dem Zuschauer jedoch zunehmend die Lust an der Spekulation.

In ihrer ästhetisch so präzis ausbalancierenden Inszenierung will Hausner alle Fragen offen halten, selbst die nach dem Genre. Dabei hätte etwas weniger Subtilität – selbst die Anspielungen auf das „Invasion der Körperfresser“-Motiv sind so fein, dass man sie auch übergehen könnte – den echten Horrorelementen des Stoffs und damit einer stärkeren Zuschauerreaktion auf die Sprünge geholfen.

„Little Joe“: der Trailer zum Film

Sci-Fi-Drama Ö/D/GB 2019 106 min., von Jessica Hausner, mit Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox