Kann man einem genialischen Geist wie Miles Davis mit einem Dokumentarfilm näher kommen? Lässt sich das richtungsweisende, sich stets wandelnde Werk des manischen Musikers so aufbereiten, dass auch eine nachfolgende Generation verstehen kann, was den revolutionären Jazztrompeter so einzigartig machte?

Stanley Nelson hat es mit seiner für die PBS-Serie „American Masters“ gedrehten Dokumentation „Miles Davis: Birth of the Cool“ versucht. Und scheitert auf hohem Niveau.

Der Film wirkt wie die hyperventilierende Illustration eines monströsen Wikipedia-Eintrags. Leben und Karriere von Miles Davis werden chronologisch von seiner Geburt in Illinois 1926 bis zu seinem Tod 1991 in Kalifornien aufbereitet.

Miles Davis 
Miles Davis © Piece of Magic Entertainment | Piece of Magic Entertainment

Mit Hunderten von Standfotos, die über die Leinwand wabern. Mit hektischen Zeitgeist-Filmschnipseln. Mit Erinnerungen von Zeitzeugen und musikalischen Weggefährten, die in Großaufnahme in die Kamera reden.

Kein Rhythmus, keine Dramaturgie

In schier atemlos machendem Tempo hakt Nelson über gut zwei Stunden Stationen von Miles Davis‘ Leben ab. Die Anfänge mit Charlie Parker, das erste Quintett, die Drogensucht, das zweite Quintett, das Macho-Gebaren, der legendäre Newport-Auftritt, seine latente Menschenverachtung, die Hinwendung zu Pop und Funk, die Frauen. Alles kommt vor und verpufft in der Flut der Bilder, durch die die Kraft der Musik schlichtweg zu kurz kommt.

Nie spürt man in diesem Film so etwas wie Dramaturgie oder Rhythmus. Einzig konstantes Element ist die Stimme von Carl Lumbly, der Erinnerungen zumeist aus Miles Davis’ Autobiografie mit der typisch heiser-knurrigen Stimme des Musikers spricht. Als Zuschauer kapituliert man enttäuscht vor der Fülle des angehäuften Materials.

Dokumentarfilm USA 2019 115 min., von Stanley Nelson