Stimmen soll sie gehört haben. Nur ob das die Stimme Gottes war oder Einflüsterungen des Teufels, das haben die Zeitgenossen von Jeanne d’Arc immer so ausgelegt, wie ihnen das gerade genehm war. Erst wurde sie zur heiligen Jungfrau der Schlachtfelder verklärt und dann als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der jüngste Film über „Jeanne d’Arc“ interpretiert das allerdings noch mal ganz anders und radikal ahistorische: Die junge Jeanne hört Rockrhythmen aus einer anderen, fernen Zeit.
Filme über Johnna von Orléans, das Mädchen in der Ritterrüstung, sind so alt wie das Kino selbst, der Stoff selbst ist einer der am meisten verfilmten der Geschichte. Und vom Stummfilmklassiker von Carl-Theodor Dreyer bis zum monumentalen Hollywoodepos mit Ingrid Bergman, vom Actionspektakel eines Luc Besson bis zum spartanischen Mysterienspiel eines Jacques Rivette war so ziemlich alles dabei.

Aber Regisseur Bruno Dumont, der große Bilderstürmer Frankreichs – hierzulande vor allem bekannt durch die Juliette-Binoche-Filme „Die feine Gesellschaft“ und „Ich, Camille Claudel“ –, hat es darauf angelegt, den in jeder Hinsicht radikalsten aller Jeanne-Filme zu inszenieren.
Die jüngste Johanna aller Zeiten
Mit der jüngsten Johanna-Darstellerin der Filmgeschichte (Lise Leplat Prudhomme war zurzeit des Drehs gerade mal zehn Jahre alt, während die echte Jeanne d’Arc immerhin 19 wurde). Und mit permanentem Stilbruch als dramaturgisches Mittel für seine Destruktion und Demythologisierung.
Dumont hat vor zwei Jahren bereits, ebenfalls mit Prudhomme, „Jeanette“ gedreht, ein Film, der als „Die junge Jeanne“ erst vor einer Woche in unsere Kinos kam. „Jeanette“ war ein Mysterienspiel, das mit einer Handvoll Laiendarstellern in extremer Stilisierung in den Dünen der Maas gedreht wurde. Episches Theater mit pädagogischem Zeigefinger. Wobei die betont großen Kinobilder einen starken Kontrast zu dem laienhaften Spiel darstellten. Und die Akteure immer wieder zu musical-artigen Einlagen ansetzten, mit Hardrock-Rhythmen und Headbanging.

„Jeanne d’Arc“, das im Original schlicht „Jeanne“ heißt und dieses Jahr in Cannes Premiere hatte, wirkt im Vergleich nicht gar so extrem. Synthesizermusik erklingt freilich auch hier. Und wieder verharrt der Film lange in den Dünen der Maas, bevor er jäh in eine riesige Kathedrale springt, wo alte Kirchenmänner den Prozess über das junge Mädchen eröffnen. Die Kriege selbst werden durch ein Pferdeballett ersetzt und sonst nur, wie im Theater, als Botenschau erzählt.
Spiel mit dem Stilbruch
Beide Filme basieren auf einem alten Drama von Charles Péguy mit betont gehobener Sprache und deklamatorischem Pathos, was die Laien eher hölzern herunterleiern. Auch sonst wird die große Legende ständig auf äußerste Reduktion heruntergebrochen. Wobei die historischen Personen, je höher sie stehen, desto lächerlicher wirken, während Jeanne ihnen einfach nur mit ihrem unschuldig-naiven Blick begegnet.
Das Spiel mit dem Stilbruch hat anfänglich einen Reiz, der sich allerdings schon bald erschöpft. Die ketzerischste Frage in diesem Passionsspiel bleibt deshalb wohl nur die: Wer will, wer soll sich das anschauen?
Historiendrama F 2019 138 min., von Bruno Dumont, mit Lise Leplat Prudhomme, Fabrice Luchini, Jean-François Causeret


