Wer eine Katzenallergie hat, sollte diesen Film meiden. Katzenhaare fallen zwar nicht von der Leinwand, so weit geht das Erlebniskino nicht. Aber überall ist ein einzig’ Schnurren, Maunzen und Miau’n. „Cats“ von Andrew Lloyd Webber ist eines der erfolgreichsten Musicals der Bühnengeschichte und hat auch in Deutschland das Musical-Fieber erst richtig entfacht. Nun ist der Bühnenhit aufwändig verfilmt worden und streunt als Weihnachtsschnurre ins Kino. Aber ach, er lässt doch Haare.
Der Zuschauer staunt erst mal wie zuletzt bei der „Real“- Verfilmung vom „König der Löwen“, wo täuschend echt animierte Raubkatzen sangen. Der Reiz der Bühnen-Cats ist ja immer, dass die Musicaldarsteller in Katzen-Kostüme schlüpfen und sich auch mal auf allen Vieren fortbewegen.

Die Felle wirken dabei wie eine echte zweite Haut, wobei – das ist putzig anzusehen – sich ständig einzelne Haare sträuben, die Ohren verstellen und die Schwänze ohnehin ein frivoles Eigenleben führen. Doch so fasziniert man zunächst auf diese Details schaut, der Reiz verflüchtigt sich bald. Und ein weiterer kommt kaum hinzu.
Das einzige Verdienst: weniger Synthesizer-Musik
Nun ist ja schon das Bühnenstück unter Musical-Fans nicht unumstritten. Geliebt wird es, weil es ein Tanz-Musical mit vielen Choreografien ist. Aber sowas wie Handlung findet nicht statt, das Stück ist eine bloße Nummernrevue, bei der jedes Kätzlein ein Solo für einen Sangeswettbewerb kriegt.
Die Filmadaption folgt dem ziemlich getreu. Nur spielt das Stück nicht auf einer Müllkippe, sondern in einem Londoner Hinterhof. Und die 80er-Jahre-Synthesizer-Musik wurde etwas ohrenschmeichelnder neu orchestriert: das größte Verdienst des Films.
Aus dramaturgischen Gründen wurde eine neue Figur erfunden: Gleich zu Beginn wird eine Hauskatze namens Victoria (Francesca Hayward, eine Tänzerin des Londoner Royal Ballet) ausgesetzt. Die Straßenkatzen stellen sich also nicht, wie auf der Bühne, direkt dem Publikum vor, sondern dem Neuzugang, der erst am Ende in den Katzen-Clan aufgenommen wird.

Der Film kann sich auch öfter Kulissenwechsel erlauben, kann in die anliegenden Häuser schlüpfen oder auch über die Brücke der Themse stolzieren. Das Finale wird gar bei Sonnenaufgang am Trafalgar Square geschnurrt. Unter der Nelson-Säule, als habe man eine Schlacht geschlagen. Ein Sieg wie bei Trafalgar ist es jedoch keineswegs.
Judi Dench im falschen Musical
Alles wirkt künstlich, leblos und ermüdend. Dabei stecken unter den Katzenfellen, teils kaum zu erkennen, Stars wie Taylor Swift, Idris Elba und Ian McKellen. Jennifer Hudson darf als Grizabella „Memory“ singen, den Welthit des Stücks.
Und Judi Dench gibt Old Deuteronomy, den Zeremonienmeister der Katzenmusik, wirkt aber, als habe sie sich aus einem anderen Musical verirrt: Sie sieht aus wie der Löwe aus „Der Zauberer von Oz“. Während die Verwandlung in Katzen auf der Bühne eine abendfüllende Gaudi ist, erschöpft sich das im Film schnell.

Und die Choreografien des Stücks sind auch eher mit Handbremse inszeniert. Regisseur Tom Hooper hat es schon geschafft, das unkaputtbare Musical „Les Misérables“ eher lendenlahm auf die Leinwand zu bannen. Dasselbe muss man nun auch bei „Cats“ attestieren: Alles für die Katz.
Jennifer Hudson singt nur im Original
Den Rest an Reiz erledigt die deutsche Fassung. Der Film wurde komplett synchronisiert, auch die Songs werden nicht von den Stars, sondern von deutschen Sängern gesungen. Das ist so gar nicht lippen-, oder wie man sagen müsste: schnauzen-synchron. Und auch sonst ärgerlich. Wenn ich eine oscar-prämierte Sängerin wie Frau Hudson habe, warum darf ich „Memory“ dann nicht von ihr hören? Spätestens da herrscht echte Katerstimmung
Musical USA 2019 111 min, von Tom Hooper, mit Judi Dench, Ian McKellen, Jennifer Hudson, Idris Elba, Ian McKellen


