Bei Dokumentationen, zumal wenn sie einer Person gewidmet sind, glaubt man schnell zu wissen, mit was man es zu tun hat. „Cunningham“ etwa – was soll sich anderes dahinter verbergen als ein Porträt des Tänzers und Choreographen Merce Cunningham anhand einer Chronologie und ein paar Expertenaussagen?
Alla Kovgans Film aber ist so viel mehr als das, dass man sich hinterher ärgert, wie oft man sich mit weniger zufrieden gibt. Aus den üblichen Zutaten von Archivmaterial, Zeitzeugen-Interviews und Tanzaufführungen baut Kovgan ein Dokument, dem das fast Unmögliche gelingt: ein Gefühl zu vermitteln für die Person, die dieser Cunningham war, und dafür, was er wollte.

Ganz zu Anfang hört man ihn darauf bestehen, ausschließlich eins genannt zu werden: Tänzer. Nur dass er, wie der Film wunderbar reich belegt, unter Tanz etwas ganz anderes verstand als die meisten seiner Zeitgenossen. Wichtig war ihm die Autonomie: Tanz sei unabhängig von Musik, weder zu ihrer Illustration noch zu deren Interpretation da.
Widersprüchliches bleibt einfach mal stehen
In herrlich aufwendigen Kulissen wurden legendäre Choreographien rekonstruiert. Das Herz des Films aber bilden alte Tonaufnahmen, in denen Cunningham selbst, sein langjähriger Partner John Cage und weitere Menschen seiner Schaffensumgebung von den bescheidenen Anfängen in den 40er-Jahren oder den Misserfolgen in den 60-ern erzählen.
Kovgan arrangiert die Aussagen zu Collagen, in denen sich Bild und Schrift überlagern, und verleiht ihnen damit etwas Flüchtiges und Spontanes, in dem auch Widersprüchliches einfach stehen bleiben kann – und zum weiteren Erforschen anregt.
Dokumentarfilm D/F 2019, 88 min., von Alla Kovgan


