Die meisten Lügen werden mit den besten Absichten erzählt. Lulu Wang setzt ihrem Film „The Farewell“ nicht nur die launige Erklärung „basierend auf einer tatsächlichen Lüge“ voran, sie demonstriert auch gleich, wie schnell das Lügen im familiären Kontext so von den Lippen geht.

Man sieht Billi (gespielt von der Musikerin Awkwafina) mit Handy durch New York gehen. Sie telefoniert mit ihrer geliebten „Nai Nai“ (Zhao Shuzhen), der Großmutter im fernen China. Wie es sich gehört, macht die alte Frau sich Sorgen um das Wohl ihrer Enkelin.

Eine schlimme Diagnose, die geleugnet wird

Ob sie auch warm genug angezogen sei, fragt sie. „Ja, ich trage eine Mütze“, sagt Billi, aber der Zuschauer sieht, dass ihr Kopf unbedeckt ist. Der Zuschauer sieht aber auch, dass Nai Nai im Wartesaal eines Krankenhauses sitzt. Auf die Frage der Enkelin, wo sie sei, antwortet sie aber, sie sei bei ihrer Schwester.

Billi (gespielt von der Musikerin Awkwafina) erscheint unerwartet in China.
Billi (gespielt von der Musikerin Awkwafina) erscheint unerwartet in China. © DCM

Gehen diese kleinen Lügen noch als „weiß“ durch, als vollkommen unschädlich, kommt es schon bald dicker und dicker. Billi schaut bei ihren Eltern vorbei, die mit ihr vor 25 Jahren aus China in die USA auswanderten. Während sie mit der Mutter in der Küche steht, wundert sie sich, dass ihr Vater angeblich schon früh zu Bett gegangen sei.

Erst nach langem Bohren rücken die Eltern mit der Wahrheit heraus: Man mache sich große Sorgen: Billis geliebte Nai Nai habe eine schlimme Diagnose erhalten, Lungenkrebs im Endstadium. Der Arzt gibt ihr nur noch ein paar Monate. Der Befund wird aber vor der Großmutter geheim gehalten, um ihr unangenehme Gefühle zu ersparen.

Eine Pseudo-Hochzeit, die ein Abschied ist

Die Familie will deshalb unter dem Vorwand einer Hochzeit in Changchun zusammenkommen und auf diese Weise von ihr Abschied nehmen. Allerdings hatten sie Billi von diesem Plan ausgeschlossen, weil man sie für zu emotional hält, um die Lügenfassade aufrecht zu erhalten. Aber da haben die Eltern ihre Tochter unterschätzt. Zur Überraschung des sich bei der Großmutter versammelnden Clans taucht Billi drei Tage vor der Pseudo-Hochzeit doch in Changchun auf. Und die Oma kommt gar nicht darauf, ihr trauriges Gesicht auf sich zu beziehen, glaubt sie doch, dass Billi genug eigene Probleme hat. Während der Hochzeitsvorbereitungen nimmt sie sie zur Seite und weist sie nachdrücklich an, gute Miene zu machen. Mit ehrlicher schlechter Laune lässt sich kein glückliches Fest feiern.

Auch das Hochzeitsfoto wird nur vorgetäuscht.
Auch das Hochzeitsfoto wird nur vorgetäuscht. © DCM

Lügen für den Familienzusammenhalt – ist das eine chinesische Spezialität? Wohl kaum, auch wenn die US-Schauspielerin und -Regisseurin Lulu Wang ihren Film nach autobiografischem Vorbild auf den Gegensatz von chinesischer und amerikanischer Kultur aufbaut.

Gegensatz zwischen China und den USA

„Hier machen wir das so“, bekommt Billi immer wieder von der Verwandtschaft mitgeteilt, aber sie wird auch Zeuge, wie der Gegensatz zwischen China und den USA noch für ganz andere Argumente herhalten muss.

Wieder und wieder findet die Familie an verschiedenen Tischen zusammen. Es wird gegessen, was das Zeig hält, wie das so ist bei Familienfeiern.

Abschied von den eigenen Wurzeln

Die amerikanischen Exilanten müssen manch spitze Bemerkung über sich ergehen lassen von den Daheimgebliebenen, zumal das Reichwerden, anders als vor 25 Jahren, als Billis Eltern auswanderten, inzwischen in China sehr viel leichter zu gelingen scheint als im Mutterland des Kapitalismus. Aber immer wieder findet der Film zurück zu seinem Hauptthema: der Trauer um Nai Nai und das, was mit ihrem Tod für den Rest der Familie vollzogen sein wird: ein Abschied von den eigenen Wurzeln.

Das Schönste an „The Farewell“ – dem im Oscar-Rennen bislang leider nur Außenseiterchancen zugestanden werden – ist dabei, wie offen der Film für die Perspektive der jeweils anderen Seite bleibt. Wang geht es nicht um Überlegenheit, um Vor- und Nachteile, sondern ums Kennenlernen und Verstehen. Allein schon für diese Herangehensweise ist man im aktuellen Kontext ungeheuer dankbar.

Drama USA/China 2019 101 min., von Lulu Wang, mit Awkwafina, Zhao Shuzhen, Lu Hong