Neu im Kino

„Motherless Brooklyn“: Ein Schnüffler, der anders tickt

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Motherless Brooklyn  

Motherless Brooklyn  

Foto: PA/Warner Bros.

Hollywoodstar Edward Norton inszeniert sich als Detektiv mit Tourette-Syndrom. Und zitiert auch den Film Noir. Mit viel Jazzmusik.

Detektive müssen cool, kantig und kerlig sein. Sie sind wortkarg, aber schlagfertig. Sie sind sowas wie die Cowboys der Moderne, die nicht in die einsame Prärie reiten, sondern durch den Moloch der Großstadt irren. So hat es uns wenigstens wieder und wieder das Kino vorgemacht.

In „Motherless Brooklyn“, der diesen Donnerstag ins Kino kommt, bekommen wir es nun aber mit einem Detektiv zu tun, der von allem das glatte Gegenteil ist. Er ist vor allem nicht unauffällig, was doch einen Wesenszug dieses Berufsstandes ausmacht, sondern hochgradig verhaltensauffällig.

Schauspieler und ihr Kick auf den Tic

Lionel Essrog, der Protagonist des Films, hat das Tourette-Syndrom. Das heißt, ihm rutschen in den unpassendsten Momenten Laute, unkontrollierte Worte oder gar unflätige Beschimpfungen heraus, die er in den besten Fällen als Nieser kaschieren kann.

Hinzu kommen Tics wie das Wegreißen von Körpergliedern und sonstiges Zwangsverhalten, was den Mann zu einer Zeit, als diese Krankheit noch nicht hinlänglich bekannt ist, als Freak erscheinen lassen.

Das Tourette-Syndrom wurde in der breiten Öffentlichkeit erst richtig bekannt ­durch die TV-Serie „Ally McBeal“. Und in Film und Fernsehen scheint diese Erkrankung des Nervensystems deutlich weiter verbreitet als in der Realität. Wohl, weil die Tics ein besonderer Anreiz für Schauspieler auf der Suche nach besonderen Herausforderungen bieten.

Ermittlungen mit Holperern und Stolperern

Siehe „500 Days of Summer“ mit Joseph Gordon-Levitt, „The Big White“ mit Holly Hunter oder auch „Vincent will Meer“ mit Florian David Fitz. Allesamt Komödien, bei denen die eruptiven Ausfälle für Lacher sorgen, der Zuschauer aber im Laufe des Films immer mehr Sympathie für die Figur empfindet.

Der New Yorker Schriftsteller Jonathan Lethem hat das Tourette-Syndrom dagegen 2005 auch in seinem Thriller „Motherless Brooklyn“ behandelt, dass Filmstar Edward Norton nun fürs Kino adaptiert hat, natürlich mit sich selbst in der Hauptrolle. Gleich anfangs sitzt er mit einem seiner Kumpel in einem Wagen auf der Lauer, um ihren Chef Frank Minna (Bruce Willis) zu beschützen.

Der hat ihn und seine Freunde einst als Kinder aus dem Waisenhaus geholt, jetzt arbeiten sie für ihn und halten ihm den Rücken frei bei seinen dubiosen Geschäften. Sie stehen also Schmiere und tun auf unauffällig. Und doch hat Norton alias Essrog immerzu diese Ausfälle und lenkt seinen Partner damit ab. So kriegen sie zu spät mit, dass der Deal schief läuft. Minna wird vor ihren Augen erschossen. Und fortan setzt Essrog alles daran, um die Mörder seines Mentors zu stellen.

Voll auf Retro: In die 50er-Jahre zurückversetzt

Der Reiz an Lethems Vorlage bestand darin, dass der Protagonist in Ich-Form von seinen Tics erzählte, dies aber in einer hochartistischen Sprache. Das Sprachkunstwerk eines Sprachgestörten, wie ein Rezensent damals schwärmte. Norton übernimmt das in seinem Film insofern, als auch er aus dem Off in bündiger Sprache spricht, während er sich vor der Kamera immer wieder in seinen Silben verheddert.

Aber Norton erfüllt sich noch einen anderen Traum, weil er offenbar immer mal einen Film-Noir drehen wollte, mit zerknautschten Detektiven, finsteren Kaschemmen und dampfenden Hinterhöfen. Deshalb hat er „Motherless Brooklyn“ kurzerhand in die 50er-Jahre verlegt. Auch wenn der Roman eigentlich in den 90-ern spielt.

Das ist schade. Denn der Detektiv kommt bei seinen Ermittlungen einem Filz aus Korruption und Verbrechen bis in höchste politische Kreise auf die Spur, bei dem ein dubioser Mann namens Moses Randolph (Alec Baldwin) die Strippen zieht. Die Figur ist dem realen und berüchtigten Stadtplaner Robert Moses nachempfunden, der New York geprägt hat wie kein Zweiter. Der ganze Stadtviertel abreißen ließ, um für Parks und Neubauten Platz zu schaffen.

Der Musik schwelgt in Nostalgie - und im Jazz

Und dabei durchaus rassistisch vorging: Ärmere, vornehmlich schwarze Anwohner wurden verdrängt oder gar in die Obdachlosigkeit getrieben, und Brücken so tief gebaut, dass keine Busse darunter durchfahren konnten und so weniger Begüterte, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren, gar nicht erst in die feineren Viertel kommen konnten.

Diese politische Note geht bei der Zeitversetzung des Films leider etwas verloren. Stattdessen setzt Norton ganz auf Neo-Noir, lässt die 50er-Jahre wieder aufleben, nicht nur visuell, auch musikalisch durch viele Szenen, die in Jazzkellern spielen. Und bei denen eine Trompete auch mal zur Waffe wird.

Wobei sein gehemmter Schnüffler immer wieder an eine geheimnisvolle Schöne (Gugu Mbatha-Raw) gerät, die er beschützen will. Nur dass die nicht, wie im klassischen Film Noir, eine eiskalte Blonde ist, sondern eine Afroamerikanerin aus jenem Slum, der plattgemacht wird.

Nortons Karriere begann schlagartig 1996 mit seinem ersten Film „Zwielicht“. Da spielte er einen geistesverwirrten Mörder, bei dem erst ganz zuletzt rauskam, dass die Persönlichkeitsspaltung nur vorgetäuscht war. Der Neuling Norton hatte damals Stars wie Leonardo DiCaprio und Matt Damon, die auch dafür gecastet wurden, ausgestochen. Und sich mit Filmen wie „Fight Club“ und „American X“ als einer der vielversprechendsten Talente seiner Generation empfohlen.

Norton übernahm alles: Regie, Drehbuch und Hauptrolle

Zuletzt ist es allerdings um den Star etwas ruhiger geworden. Jetzt scheint er mit seinem zweiten Regiefilm beweisen zu wollen, dass er alles kann: Regie, Drehbuch, Produktion und Hauptrolle. Dabei hat er sich allerdings etwas zu viel vorgenommen.

Mit „Motherless Brooklyn“ ist ihm ein atmosphärisch dichter Film gelungen. Ein Epos, das auch den Jazz atmet. Aber wie bei so vielen von Schauspielern inszenierten Filmen sind einzelne Szenen wichtiger als das große Ganze, weshalb der Film allzu lang und etwas schwerblütig geriet.

Mit der Jazz-Musik die Tics überwinden

Letztlich gefällt sich Norton auch im Beschwören und Zitieren großer Vorbilder. Und stellt seine Figur zu sehr in den Mittelpunkt, so dass auch Kostars wie Alec Baldwin oder Willem Dafoe zu Nebenfiguren verkommen.

Was dem Autor der Vorlage mit seinen virtuosen Sprachwundern gelang, weiß Norton immerhin umzusetzen in einer Szene, die auch erklärt, warum der Jazz bei ihm so eine große Rolle spielt: Da treiben schräge Trompeten-Improvisationen den Schnüffler überraschend zum Mitsummen und Mit-Improvisieren an. Da wird sein Tic zum Talent. Und der Jazz ist in ihm. Allein diese Szene lohnt.

„Motherless Brooklyn“: der Trailer zum Film

Drama USA 2019 144 min., von Edward Norton, mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, Bruce Willis