Konzert Columbiahalle

The National beglücken mit Melancholie und Drive

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Alexander Gumz
Matt Berninger, Sänger der Band The National (Archivbild).

Matt Berninger, Sänger der Band The National (Archivbild).

Foto: picture alliance/AP/Invisio

The National spielen in Berlin gleich zweimal in der Columbiahalle. Ihre Fans lieben die Mischung aus Dichtung, Drive und Traurigkeit.

Berlin. Ob Matt Berninger, Bryce Dessner und Kollegen ihre Band auch in der Ära Trump „The National“ genannt hätten, ist fraglich. Denn national sind die Wahl-New-Yorker bestimmt nicht. Auch wenn sie eine Zeit lang so etwas wie die inoffizielle Regierungsband von Brooklyn waren – Everybodys Lieblingsexistentialisten. Ihre Mischung aus Dichtung, Drive und Traurigkeit hat ihnen über die Jahre nicht allein einen Grammy eingebracht, sie zieht auch immer übernationalere Kreise. The National müssen in Berlin gleich zweimal nacheinander in der Columbiahalle spielen, weil: ausverkauft.

Bryce Dessner ist im Nebenjob Komponist, nicht zuletzt für Filme, und so gibt es statt Vorband das Hamburger Ensemble Resonanz, das zwei seiner Stücke für Streichquartett aufführt. Das mit dem Leisesein klappt nicht so glatt wie Dessner es von den Tausenden erbittet, dafür werden die post-minimalen Stücke – mal gehobene Fahrstuhlmusik, mal eher atonal – erfreulich lang gefeiert.

Und auch The National sind in Kammerorchesterstärke anwesend: eine Band von sechs, dazu zwei singende Damen und ein Minibläsersatz. Sänger Berninger sieht mit Brille und dunklem Sakko aus wie ein Kunstprofessor, der manchmal zu Wutanfällen neigt. Die Hände in den Hosentaschen hat er seinen Bariton dabei, der immer klingt, als würde einem ein Freund mitten in der Nacht ein schmutziges Geheimnis anvertrauen. Genau das macht das Alleinstellungsmerkmal der Band aus: dieser eingebaute Kontrast von Intimität und Breitbandsound.

Das Statische, um sich selbst Kreisende der Band ist live jedoch nicht immer leicht ins Verzauberte zu wenden. Nach 40 Minuten ist der dynamische Tiefpunkt des Konzerts erreicht: Bei „So far so fast“ scheint die Musik fast zu Stillstand gekommen. Berninger schlendert über die Bühne als befinde er sich auf einer stilvollen, aber etwas drögen Cocktailparty. Doch dann hebt wie ein Mantra „Where Is Her Head“ an, wird lauter und lauter, intensiver und intensiver: „Where are her hands? / Where are her eyes? / Where are her feet? / Where is her head?“. „Green Gloves“ folgt, eine sehr introvertierte Hymne, falls es sowas gibt. Und auch das grandiose „Bloodbuzz Ohio“ schickt Glücksschauer die Wirbelsäule runter.


Je länger der Abend, desto mehr geht Berninger aus sich heraus. Mal trägt er einen Mikroständer auf der Schulter, dann schreit er tonlos die ersten Reihen an, wirft halbvolle Bierbecher durch die Gegend – und entschuldigt sich sofort. Immer wieder dreht er singend weite Runden durch die Halle, gefolgt von seinem Mikrokabel, das sich über hochgereckte Handywälder spannt. Bei „Fake Empire“ – einem dieser National-Hits, die wohl nie im Frühstücksradio laufen werden – gibt es tatsächlich posermäßig hochgereckte Gitarrenhälse zum Trompetensolo. „Vanderlyle Crybaby Geeks“ beschließt den wilden, schönen Abend: Nur zu Geklampfe und Gebläse singen alle gemeinsam ein Schlaflied für die Massen.