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„Die schönste Zeit unseres Lebens“: Zeitreise leicht gemacht

Unterhaltung mit Tiefgang: Eine französische Komödie klopft die scheinbar guten alten Zeiten ab – auch auf ihren Wahrheitsgehalt.

Victor (Daniel Auteuil) ist begeistert von dem jugendlichen Abbild (Doria Tillier) seiner Frau.

Victor (Daniel Auteuil) ist begeistert von dem jugendlichen Abbild (Doria Tillier) seiner Frau.

Foto: Constantin

Es sind immer die guten alten Zeiten, nicht die schlechten. Auch in den Augen von Victor (Daniel Auteuil), der zu jener Sorte alter Männer gehört, die es im Grunde sogar schick finden, nicht mit der Zeit zu gehen. Computer, Smartphones, die ganze Digitalisierung lehnt er ab, sie hat ihn schließlich schon den Job gekostet. Victor war mal Karikaturist bei einer Zeitung. Sein Sohn Maxime (Michaël Cohen) bietet ihm neue Arbeit in seinem natürlich mit Computern arbeitenden Werbeunternehmen an, aber Victor will nicht.

Stattdessen geht er lieber seiner Frau Marianne (Fanny Ardant) auf die Nerven, einer Psychotherapeutin, die mit dem Handy keine Probleme hat. 40 Jahre sind die beiden schon verheiratet, aber nun ist die Ehekrise da: Mit seiner schlechten Laune macht Victor Marianne schließlich so wütend, dass sie ihn vor die Tür setzt.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Zu stolz, um sie um Verzeihung zu bitten, greift Victor zu einem Strohhalm: Sein Sohn hatte ihm das etwas seltsame Geburtstagsgeschenk einer Zeitreise gemacht. Nun sieht Victor die Gelegenheit gekommen. Und er weiß genau, wohin er will: zurück ins Jahr 1974, in eine ganz bestimmte Bar, an einem ganz bestimmten Tag. Nämlich dem, an dem er dort Marianne kennenlernte.

Zeitreise bis ins Kleinste ausgefeilt

Zeitreisen dieser Art sind das Geschäftsmodell von Antoine (Guillaume Canet). Der französische Regisseur Nicolas Bedos zeigt ihn in „Die schönste Zeit unseres Lebens“ als eine Art Alter ego, einem unter Hochspannung arbeitenden Impresario, der zwischen seinen Sets hin und her wechselt wie einst ein Hollywood-Tycoon. Tatsächlich sind seine Zeitreisen aufwändig inszenierte Kostümfilme, mit gescriptetem Drehbuch und präzis instruierten Statisten.

Seine Kunden, das stellt der Film in komödiantischer Beiläufigkeit aus, gehen nicht immer besten Instinkten nach, wenn sie sich in eine bestimmte Epoche wünschen. Die einen wollen unter Aristokraten im 19. Jahrhundert ungehemmt ihren Rassismus ausleben, andere im faschistischen Deutschland mal richtig nah an Hitler rankommen.

Perfektion, wenn auch moralisch bedenklich

Obwohl er so ein Ansinnen eigentlich verachtet, fühlt Antoine sich als Perfektionist einfach verpflichtet. Egal wann und wo, er herrscht seinen Stab und seine „Schauspieler“ an, bis alles perfekt sitzt.

Seiner Freundin Margot (Doria Tillier) geht er in seiner Arbeitsbesessenheit zu weit. Sie will sich von ihm trennen. Dann aber drängt er sie zu einem letzten Job: Sie ist die Idealbesetzung für die junge Marianne, der der alte Victor in seiner Zeitreise wiederbegegnen will. Und so kämpfen in Nicolas Bedos flotter Komödie bald ein junger Mann und ein alter Mann um ihre Beziehung, der eine in und der andere hinter den Kulissen.

In hektischem Tempo, nicht immer perfekt ausbalanciert, wechselt der Film zwischen den Paaren und den Epochen. Während Victor in seiner Bar im Jahr 1974 sitzt und mit Marianne als Margot flirtet, streiten Antoine und Margot in den Pausen der „Produktion“ und auch direkt auf dem Set.

Überraschend vieldeutige Nuancen

Es sind interessante Perspektiven, die Bedos durch dieses Arrangement schafft: Die Alten und Jungen schauen mit wechselseitiger Neugier auf die Erfahrungen der anderen. Besonders als eines Tages die echte Marianne zum Set kommt, sich zu Victor an den Tisch setzt und ihn darauf aufmerksam macht, dass seine Erinnerung der Dinge doch sehr subjektiv ist.

Hinter seiner amüsanten Kurzweiligkeit entfaltet der Film ein überraschend vieldeutiges Nachdenken über die Wechselwirkung von Kino und Fiktion: Sind unsere Erinnerungen wirklich eine Art Film, den wir uns geschrieben haben und in dem wir ausblenden, was uns nicht passt? Gibt es Lieblingserinnerungen, die wir uns als eine Art Kostümfilm erzählen? Am Ende wünscht man sich fast, es gäbe ein solches Zeitreiseunternehmen wirklich. „Die schönste Zeit unseres Lebens“ erweist sich als der rare Fall einer gelungenen Komödie, die nachgerade ins Grübeln bringt.

Komödie F 2019 106 min., von Nicolas Bedos, mit Fanny Ardant, Guillaume Canet, Doria Tillier