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„Der Leuchtturm“: Grusel zwischen Wellen, Wind und Wahn

„Der Leuchtturm“ von Robert Eggers ist ein Horrorfilm ohne Horror. Aber mit einger ganz eigenen Ästhetik – und zwei Stars im Duell.

Sind sich von Anfang an spinnefeind: Wake (Willem Dafoe, l.) und Winslow (Robert Pattinson).e

Sind sich von Anfang an spinnefeind: Wake (Willem Dafoe, l.) und Winslow (Robert Pattinson).e

Foto: picture alliance / AP

Und ewig dröhnt das Nebelhorn. Es gibt viele nebeltrübe Bilder in diesem trüb-düsteren Film. Aber das Horn dröhnt auch in den seltenen Momenten, wo das Wetter mal aufklart, als stetes, dräuendes Warnsignal, dass bald etwas Schreckliches passieren wird.

„Der Leuchtturm“ von Robert Eggers, der am Donnerstag in unsere Kino kommt, ist ein Horrorfilm ohne genre-üblichen Horror. Es braucht nur eine abgelegene, menschenwidrige Kulisse und zwei Individuen, die sich darin verlieren, um das Unterste, Hässlichste in ihnen zum Vorschein zu bringen.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Nicht zufällig spielt das Ganze in Maine, jenem Zipfel in Neuengland, in dem auch Stephen King seine Horrorromane verortet. Eine Gegend, die trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Beschaulichkeit besonders reizvoll scheint für Geschichten, die von Abgründen und Wahnsinn erzählen.

„Der Leuchtturm“ spielt in den 1890er-Jahren, auf einer einsamen, von Wogen, Wind und Wetter stark umtosten Insel. Hierhin verschlägt es zwei Eigenbrötler, die schon bald aufeinanderprallen. Hier der junge Ephraim Wilson, ein Holzfäller aus Kanada, der dort für vier Wochen seinen Dienst verrichten soll.

Zwei Männer ganz allein auf einer einsamen Insel

Und da der alte Seebär Thomas Wake, der den Neuen mit offenem Argwohn begrüßt. Schon mit seinem schamlos zur Schau getragenen Furzen und Rotzen erzeugt der Alte nur Ekel bei dem Jüngeren. Es ist aber kein Entkommen, denn es gibt keine Privatsphäre, selbst die schmale Bettkammer müssen sie teilen.

Und dann reklamiert Wake, gegen alle Regularien, die einen Dienstwechsel zwingend vorsehen, die Spitze des Leuchtturms für sich allein. Während er Wilson Sklavendienste verrichten lässt: Der muss Kohle schaufeln, Nachttöpfe leeren, Schubkarren durch peitschenden Regen schieben und schwere Ölfässer stemmen.

Ich da oben, du da unten: Klar, dass sich die ungleichen Männer dabei schnell in die Wolle und schließlich auch in die Haare kriegen. Sie kommen sich auch mal überraschend nahe, aber nur, wenn reichlich Alkohol im Spiel ist. Und auch da kippt die Stimmung schnell um.

Ein klassisches, archaisches Männer-Duell um Macht, Kraft und Durchsetzungswillen. Und das vor einem Leuchtturm als typischem Phallussymbol. Dass beide Kerle eine düstere Vergangenheit haben, wird schnell klar, auch wenn sie darüber schweigen. Die Männer aber können sich in der Einöde zwar vor der Gesellschaft, nicht jedoch vor sich selbst verstecken.

Wer wird wann wahnsinnig?

Der Jüngere flüchtet in erotische Fantasien, bei der ihm immer wieder eine Meerjungfrau erscheint. Aber nicht mal in diesen Tagträumen scheint er vor dem Alten sicher.

Ist ja nur für vier Wochen, könnte man sich trösten. Aber dann schneidet ein Sturm die Insel für Wochen, wenn nicht Monate vom Festland ab. Die beiden sind sich in der absoluten Abgeschiedenheit völlig ausgeliefert. Und drohen beide dem Wahnsinn zu verfallen.

Regisseur Robert Eggers wurde vor vier Jahren mit seinem Erstling „The Witch“ bekannt. Der okkulte Horrorfilm war ein Überraschungserfolg, bei der Kritik wie an der Kasse. Das aber war alles andere als absehbar.

Und weil es mit seinem Herzensprojekt erst lange nicht voranging, hat Eggers mit seinem Bruder Max Eggers einen zweiten Film geschrieben, der einfacher zu finanzieren wäre, weil er nur von zwei Personen an einem Ort handelt. Ein Gothic-Horror mit allerlei Seemannsgarn und manchen Anleihen an Herman Melville. Das Hinken des alten Leuchtturmwärters lässt nicht von ungefähr an Käpt’n Ahab denken.

Nachdem Eggers „The Witch“ dann doch realisieren konnte und damit einen Überraschungshit landete, standen ihm eigentlich alle Möglichkeiten offen. Er hat aber seinen Plan B verfolgt. Und der hätte ohne den Kassenerfolg wohl auch ganz anders ausgesehen. Eggers hat keinerlei Konzessionen gemacht und den „Leuchtturm“ mit einer ganz eigenen und eigenwilligen Handschrift umgesetzt.

Analoge Ästhetik als klares Statement

Das beginnt mit dem altmodischen, fast quadratischen 1,19:1-Bildformat, wie man es aus der Stummfilmzeit kannte und das von Anfang an Klaustrophobie erzeugt. Das setzt sich fort mit der kontraststarken Schwarzweiß-Fotografie des Kameramannes Jarin Blaschke, wo man nicht weiß, wo der Dreck aufhört und das Blut beginnt. Aufgenommen mit antiquierten Linsen, was in unseren digitalen Zeiten auch ein klares Statement ist. Abgerundet wird diese ur-eigene Ästhetik mit einem verstörenden Soundtrack, bei dem ein Amalgam aus Kettenrasseln, Windheulen, Möwengeschrei und besagtem Nebelhorn die genre-übliche Spannungsmusik ersetzt.

Vor allem hätte Eggers ohne seinen vorherigen Kassenhit aber wohl kaum zwei solch veritable Hauptdarsteller gewinnen können. Nun durfte er die Stars Willem Dafoe und Robert Pattinson, die mit rußverdreckten, wettergegerbten Gesichtern kaum zu erkennen sind, aufeinander loslassen.

Ein Ringen zweier Star-Darsteller

Dafoe ist von jeher einer der kantigsten Charaktergesichter des amerikanischen Independent-Kinos, der hier noch mal sein eindringliches Spiel aus seinem vorherigen Triumph „Van Gogh“ zu toppen sucht.

Und auch Pattinson darf endgültig beweisen, dass er nicht nur der Teenieschwarm und blasse Vampir-Lover aus den „Twilight“-Filmen ist, auf die er gern reduziert wird. Nein, die Pattinson-Hasser werden nach diesem Film kleinlaut verstummen müssen. „Der Leuchtturm“ ist auch deshalb so intensiv, weil hier zwei Mimen mit und gegeneinander ringen.

Im Film freilich wird keiner der beiden obsiegen. Über dem beklemmenden Drama kreist stoisch und unbekümmert das Licht des Leuchtturms. Und dazu dröhnt das Nebelhorn.

Drama USA/Kanada 2019 109 min, von Robert Eggers, mit Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman