Musiktheater

Pure Spielfreude: „Die Schneekönigin“ an der Deutschen Oper

Die neue Musiktheaterfassung von Hans Christian Andersens Märchen ist ein wunderschönes Erlebnis für Kinder ab 8 Jahren.

Zieht in den Bann: Die Schneekönigin in der Deutschen Oper.

Zieht in den Bann: Die Schneekönigin in der Deutschen Oper.

Foto: Thomas Aurin

Das Gute an den Kinderproduktionen der Deutschen Oper in der Tischlerei ist, dass sie bisher kein inhaltlich-personelles „Branding“ besitzen: Es ist alles immer anders, die Teams werden neu zusammengewürfelt. Selbst Erwachsene wissen hier viel weniger als im Stammhaus an der Bismarckstraße, was sie erwartet.

Auch für die neue Musiktheaterfassung von Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“, erstellt vom australischen Komponisten Samuel Penderbayne, werden Bühne und Zuschauerraum neu angeordnet. Durch einen weißen Sperrholz-Eisblitz über die ganze Fläche des Bühnenbodens hinweg macht Bühnenbildnerin Carolin Mittler den Fluch der Schneekönigin und seine bedrohliche Reichweite räumlich erfahrbar.

70 Minuten sind nicht viel Zeit, um das berühmte, dunkel drohende Kunstmärchen des dänischen Biedermeier zu erzählen. Treffsicher setzt die Fassung von Theaterautor Christian Schönfelder deshalb ein, nicht zuletzt dank der überdurchschnittlichen Schauspielbegabung des Baritons Martin Gerke. Er spielt Kay, jenen Jungen, welchem zu Beginn einer der gefürchteten Splitter aus dem Spiegel der Schneekönigin ins Auge fliegt und der sich nach einem noch gerade fröhlichen dänischen Volkstanz kühl von seiner Freundin Gerda abwendet.

„Schneekönigin“ in der Deutschen Oper: Nichts wird dem Zufall überlassen

In einem gesprochenen Dialog zwischen Kay und Gerda umreißen Martin Gerke sowie die Sopranistin Larissa Wäspy als Gerda brillant, knapp und konzise das ganze Drama einer gefährdeten oder zerbrechenden Freundschaft, wie sie auch die Schulkinder im Publikum (das Stück wird ab 8 Jahren empfohlen) ansatzweise kennen dürften. Von den Zuschauerrängen herab lässt dann die Schneekönigin dämonische Abwärtsfiguren von ihrem Synthesizer blitzen.

Nichts in dieser ökonomisch arbeitenden Inszenierung von Brigitte Dethier wird dem Zufall überlassen, schon gar nicht die Wahl der eingesetzten Musikinstrumente. Wer einen Synthi besitzt, hat nun mal die Verfügungsgewalt über die ganze Welt der Klänge, was im Gesamtkunstwerk Oper ohne Frage ein Vorteil ist. Und doch passt dieses Nicht-Instrument auch in anderer Hinsicht zur Schneekönigin, ein Gerät ohne eigene musikalische Seele.

Kay seinerseits, gefangen auf dem Schloss der Schneekönigin, hantiert erfolglos mit den Einzelteilen eines defekten Synthesizers. Er ist nicht der Freundschaft in seiner alten und herzlichen, aber auch nicht der Macht in seiner neuen kalten und herzlosen Heimat fähig.

Ensemble überzeugt durch Spielfreude

Solche szenischen Hinweise wirken – ungeachtet des Genres „Kinderoper“ – nicht verkünstelt, sie weisen so gut es geht auf die Vielschichtigkeit von Andersens Klassiker hin. Doch der Schlüssel zum Erfolg dieser Produktion sind nicht solche elaborierten Kniffe, sondern die Spielfreude eines Solistenensembles, das in dieser einen Stunde innerhalb weniger Minuten in unterschiedlichste Rollen schlüpft.

Martin Gerke ist eben noch Kay, kurz danach ist er zur Freude der überraschten Kinder der ätherisch-debil verliebte Prinz im Schloss – an seiner Seite die ebenfalls brillante Alexandra Ionis als Prinzessin, die wiederum kurz danach in einer virtuos lärmenden Räuberszene die einzige Räuberin mit Herz spielen wird.

Auch die Instrumentalisten sind Teil dieser vollblütigen Schauspielwut: Klarinettistin Jone Bolibar Núñez etwa weist der kleinen Gerda als Krähe den Weg zum verschwundenen Kay, während Schlagzeuger Daniel Eichholz als besonders hartgesottener Räuber – man sollte eher nicht mit Kindern vor dem Schulalter kommen – eine schwarze Berliner Mülltonne ohrenbetäubend malträtiert.

Nahbare und professionelle Darbietung

Klassisches Illusionstheater und diesseitiges Zirkus-Feeling gehen hier eine Allianz ein. Beide werden durch die Spielwut aller Anwesenden gar nicht mehr als jene sich widerstrebenden Elemente erkennbar, die sie sonst oft darstellen.

In der Figur der Gerda spiegelt sich das bunte Treiben von Andersens Schneekönigin – Larissa Wäspy ist die gesamte Zeit auf der Bühne und gibt mit eher dunkel timbrierten, abgerundet klingenden Sopran ein wunderbares Debüt an der Deutschen Oper. Ihr gegenüber steht die ganz besonders wandlungsfähige Hanna Plaß, die neben der Titelpartie auch als oberflächlich-schnippische Blumenkönigin und brutale Räuberkönigin Gerdas Sehnsucht nach Freundschaft immer neue Facetten menschlicher Niedertracht entgegenstellt.

Selten war Musiktheater für Kinder so nahbar, in seinen traditionellen künstlerischen Elementen greifbar und dabei so professionell. Das künstlerisch Unvorhersehbare sollte sich die Tischlerei der Deutschen Oper aber auch weiterhin bewahren.

Tischlerei der Deutschen Oper, Richard-Wagner-Straße 10 (Charlottenburg). 32 Vorstellungen von 23.11. bis 29.12.