Neu im Kino

Cate Blanchett brilliert in "Bernadette"

Cate Blanchett verkörpert grandios eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Rest des Films kann da nicht ganz mithalten.

Erst im ewigen Eis beginnt sie langsam aufzutauen: Hierhin ist Bernadette (Cate Blanchett) vor ihren Mitmenschen geflohen.

Erst im ewigen Eis beginnt sie langsam aufzutauen: Hierhin ist Bernadette (Cate Blanchett) vor ihren Mitmenschen geflohen.

Foto: Universum

Die ersten Bilder sind schon sowas wie ein Happy End. Eine Frau rudert da mutterseelenallein im Kajak auf eisigem Meer. Das ist quasi das Paradies für diese recht neutorische Dame, die unter sozialer Kälte leidet, Mitmenschen nur schwer erträgt und sich am liebsten ganz zurückzieht. Die Antarktis scheint da gerade weit genug. Erst hier taut sie auf. Ein extremer Ort für einen seelischen Extremzustand. Aber es ist ein weiter Weg bis dahin, wie Richard Linklaters Film „Bernadette“ im Folgenden zeigt.

Die Titelheldin, grandios verkörpert von Cate Blanchett, versauert da in der US-amerikanischen Provinz mit ihren sterilen Vorgartenidyllen. Ihre Alltagsverrichtungen klärt sie nicht mit einer Hausangestellten oder Sekretärin, sondern per Voice-Rekorder mit einer Agentur im fernen Indien.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Gegen ihre Schlaflosigkeit hortet sie verschreibungspflichtige Pillen, die sie aber, weil es schön bunt aussieht, alle in einen Glas aufbewahrt. Und ansonsten verschanzt sie sich in ihrem riesigen Anwesen, das sie selbst umgestaltet hat. Und fährt einer Nachbarin schon mal mit dem Auto über den Fuß, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Einstige Star-Architektin mit schwerem Trauma

Kein Zweifel: Gegen diese Frau wirken die Stadtneurotiker von Woody Allen ziemlich langweilig normal. Bernadette wirkt wie eine moderne, weibliche und noch etwas übersteigerte Form von Molières „Menschenfeind“. Sie lebt allerdings auch nicht in Allens intellektuellem, kreativem New York, sondern im spießig verschlafenen Seattle. Dorthin, so erfährt der Zuschauer nach und nach, hat es sie in einer Mischung aus innerem Exil und Bußgang verschlafen. Weil die Architektin einst wie ein Popstar gefeiert wurde mit kühnen und ökologisch verträglichen Bau-Entwürfen. Bis dann ihr absoluter Meisterbau von einem superreichen Wirtschaftsmagnaten aufgekauft wurde – nur um es plattzumachen für einen Parkplatz. Das hat die Erfolgsverwöhnte aus der Bahn geworfen.

Deshalb hat sie sich ganz auf ihre Familie und ein eigenes Haus zurückgezogen. Ist mit ihrem Mann Elgie (Billy Crudup) nach Seattle gezogen, wo dieser Technik-Visionen für den Konzernriesen Microsoft entwickelt.

Dort leidet Bernadette darunter, nicht mehr kreativ zu sein. Und liebt einzig ihre Tochter Bee (Emma Nelson), die ihr, nach vier Fehlgeburten, mit einem Herzfehler geboren wurde, weshalb sie sich umso aufopferungsvoller um sie kümmert. Der Teenie ist auch ihr einziger Draht zur Welt, während ihr der Gatte bei all ihren Neurosen immer fremder wird.

Und plötzlich haut die Mama ab

Als Elgie sie auch noch, angestachelt von seinem Umfeld, für eine Therapie in eine Anstalt schicken möchte, büxt Bernadette einfach aus. Und es ist ihre Tochter, die sich auf die Suche nach ihr macht. Und ihren Vater zwingt, ihr dabei zu helfen.

Der Film, der im Original weit treffender „Where’d you Go, Bernadette?“ (Wo bist du hin, Bernadette) heißt, ist die Verfilmung eines modernen Briefromans von Maria Semple, der sich aus E-Mails zusammensetzte. Eine filmische Adaption muss da vergleichsweise konventionell erscheinen, auch wenn die einzelnen Szenen noch so überdreht inszeniert und ausgespielt werden.

Richard Linklater, der mit seinen „Before Sunrise“-Filmen Kultstatus gewann, versucht hier zudem eine schwierige Gratwanderung zwischen Arthouse-Satire und Wohlfühlkino, die nicht immer aufgeht. Auch die Kritik am spießigen American Way of Life, die da mitgeliefert werden soll, bleibt allzu dezent.

Sympathischer als alle Normalos

Und am Ende müsste die von vielen Scheinwehwehchen geplagte Titelfigur eigentlich auch noch Diabetes bekommen, so zuckrig wird das Ganze. Und doch ist dieser Film sehenswert: Allein wegen der umwerfenden Cate Blanchett, der es gelingt, dass diese Misanthropin mit all ihren Macken dennoch sympathischer wirkt als all die Normalos um sie herum. Peter Zander

Komödie USA 2019 111 min., von Richard Linklater, mit Cate Blanchett, Billy Crudup, Emma Nelson, Kristen Wiig