Neu im Kino

„Was gewesen wäre“. Von alten und neuen Mauern

Ein starkes Kinodebüt reflektiert das große Fremdeln zwischen Ost und West – und das nicht nur innerdeutsch:„Was gewesen wäre“.

Paul (Ronald Zehrfeld, l.) beobachtet eifersüchtig Astrid (Christiane Paul) und ihren Ex (Sebastian Hülker, r.).

Paul (Ronald Zehrfeld, l.) beobachtet eifersüchtig Astrid (Christiane Paul) und ihren Ex (Sebastian Hülker, r.).

Foto: Flare Film

Dieser Film kommt eigentlich ein paar Wochen zu spät. Er hätte hervorragend gepasst zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Und auch schon etwas früher, zu den letzten Landtagswahlen. Denn „Was gewesen wäre“ erzählt viel über die Befindlichkeiten zwischen Ost und West, über geplatzte Träume und Lebensentwürfe auf der einen und dem Desinteresse auf der anderen Seite – und damit über die Spaltung der gesamtdeutschen Gesellschaft, die sich gerade überall manifestiert.

Der Film tut dies auf angenehm undidaktische Weise, als vermeintlich ganz kleine, ganz private Geschichte, die umso stärker nachwirkt.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Liebe von drei Monaten gegen Schmerz von 30 Jahren

Dabei ist die Ausgangssituation erst mal allgemeingültig und kann von jedermann nachvollzogen werden. Ein frisch verliebtes Paar begeht seine erste Wochenendreise. Die ersten Tage, die man ununterbrochen gemeinsam verbringt, jenseits der Alltagsroutine. Eine Zeit, in der man sich noch mal ganz neu und ganz genau kennenlernt. Und unweigerlich ins Reden kommt: über sich, seine Träume, seine Vergangenheit.

Und was gewesen wäre, wenn man sich in gewissen Momenten anders entschieden hätte. Das Paar des Films ist Ende Vierzig, sie stammt aus dem Osten, er aus dem Westen, wobei das für sie kein Thema scheint. Beide stehen mitten im Leben, haben allerdings schon zerrüttete Beziehungen hinter sich und sind deshalb verletzt und vorsichtig.

Liebe von drei Monaten gegen Sehnsucht von 30 Jahren

Kennen gelernt haben sie sich erst ein Vierteljahr zuvor unter extremen Bedingungen. Denn Astrid (Christiane Paul) ist Ärztin und Paul (Ronald Zehrfeld) ihr Patient. Sie hat ihn am Herzen operiert, und er hat seins daraufhin an sie verloren. Jetzt lädt er sie nach Budapest ein, ins schickste Hotel. Aber schon beim ersten Abendessen im Speisesaal büxt sie aus.

Weil sie an einem der Tische Julius (Sebastian Hülk) erkennt, der Mitte der 80er-Jahre ihre erste große Liebe war. Mit dem sie auch schon mal in diesem Hotel war, den sie aber seit damals nicht mehr gesehen hat. Und der wohl auch aus einer gewissen Sentimentalität heraus wieder hierher gereist ist.

Astrid rennt erst mal weg. Paul, der nicht verstehen kann wieso, zwingt sie, sich zu erklären. Erst widerwillig, dann fast kämpferisch erzählt sie ihm ihre Geschichte, die unaufdringlich in Rückblenden wie als innerer Film, als Kopf-Kino gezeigt wird. Und Paul, der sich nie mit der DDR beschäftigt hat, hört ungläubig zu. Erfährt von einer Jugend im Osten, die von Anpassung und Angst geprägt war.

Den entscheidenden Schritt nicht gewagt

Wo Astrid die beste Freundin in der Schule wie alle anderen auch an den Pranger stellt, weil deren Vater einen Ausreiseantrag gestellt hat. Wo sie sich als Teenager das erste Mal verliebt, in einen Revoluzzer, der ständig von Republikflucht spricht, während sie den entscheidenden Mut nicht aufbringt, ihm zu folgen. Um ihre Zukunft nicht zu zerstören.

Florian Koerner von Gustorf war bislang als Produzent tätig und hat vor allem die Filme von Christian Petzold finanziert. „Was gewesen wäre“ ist sein Regiedebüt, das doch so souverän und selbstsicher daher kommt, als ob er noch nie etwas anderes getan hätte. Bestechend ist erst mal, mit wie wenig Dialogen sein Erstling auskommt. Und wie er sein Paar mit wenigen Gesten und Blicken einführt und beschreibt.

Dabei spielt ihm nicht nur der Autor Gregor Sander in die Hand, der selbst seinen Erfolgsroman zum Drehbuch umgeschrieben hat – offenbar mit der Ziellinie, alles mit so wenig Worten wie möglich auf den Punkt zu bringen. Auf den Punkt gebracht wird dies auch von den Hauptdarstellern Christiane Paul und Ronald Zehrfeld, die hier beide sehr offen, sehr körperlich und auch sehr nackt agieren.

Nervöses Vibrieren und massige Verletzlichkeit

Und jeden sentimentalen Fallstrick, der sich auftun könnte, geschickt umspielen. Dabei geht von Paul ein dauernervöses Vibrieren aus, ein inneres Unbehagen, das lange zu gären scheint. Während Zehrfeld – der sonst gern auf Ostler-Rollen festgelegt ist und hier ironischerweise mal jemanden spielt, der keine Ahnung von der DDR hat – eine Verletzlichkeit ausstrahlt, die einen starken Kontrast zu seiner felsenstarken Figur darstellt.

Im Lauf des Films verkehren sich dabei die Verhaltensmuster der beiden: Jetzt ist es die Frau, die sich ihrer Vergangenheit und ihrer einstigen Liebe stellt. Und nun ist es der Mann, der davor weglaufen will. Typisch Kerl, begreift er den Jugendfreund, das Phantom aus der Vergangenheit, vor allem als Konkurrent. Wobei drei Monate gegen 30 Jahre stehen. Bis sich die Nebenbuhler auf typisch männliche Art herausfordern: mit einer Mutprobe.

Nebenbuhler auf typisch männliche Art

Hier nimmt der Film noch mal eine ganz andere, überraschende Wendung. Und erst da wird klar, warum die Geschichte ausgerechnet in Budapest spielt. Denn gerade in Ungarn, wo 1989 der Eiserne Vorhang zuerst zu bröckeln begann und DDR-Bürger in Massen über die Grenze flohen, just hier steht inzwischen eine neue Mauer, mit der sich das Land vor den jüngsten Flüchtlingsströmen abgeschottet hat. Und die beiden Männer gehen eine riskante Wette ein, ob man heute noch ungehindert durch diese Grenze schlüpfen kann.

Das ist der Moment, von dem an der Film nicht nur vom Gestern, der Wehmut über verpasste Gelegenheiten und alten Mauern im Kopf erzählt. Sondern auch davon, dass längst wieder neue Mauern hochgezogen wurden, die es zu überwinden gilt. Es geht nicht mehr nur um den Riss innerhalb einer Beziehung, auch nicht nur um die Spaltung einer Gesellschaft, sondern um die Zerrissenheit eines ganzen Kontinents.

Drama Deutschland 2019 89 min., von Florian Koerner von Gustorf, mit Christiane Paul, Ronald Zehrfeld, Sebastian Hülk, Barnaby Metschurat