Berliner Spaziergang

Gabriele Knapstein - Mit beiden Beinen in der Gegenwart

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Heute, ein Spaziergang mit Gabriele Knapstein, Leiterin des Hamburger Bahnhofs

Gabriele Knapstein, Chefin des Hamburger Bahnhofes.

Gabriele Knapstein, Chefin des Hamburger Bahnhofes.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Erinnern Sie sich noch an die Tage, als es sommerlich warm war in Berlin und man problemlos ohne Jacke auf die Straße gehen konnte? In diesen grauen Novembertagen scheint es ganze Ewigkeiten her zu sein. Wenn man es genau nimmt, dann sind es aber nur ein paar Wochen.

An einem dieser freundlichen Tage treffen wir Gabriele Knapstein am Kreuzberger Oranienplatz. Sie hat sich die Route für unseren Spaziergang zuvor genau überlegt, und wir werden an vielen Orten vorbeikommen, die für ihre berufliche Laufbahn entscheidend waren.

Gabriele Knapstein, das sollte man vorwegschicken, ist seit dem 1. September 2016 als Nachfolgerin von Eugen Blume die Leiterin des Museums für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof in Berlin. Wer etwas darüber erfahren möchte, wie Künstler unsere Zeit vermessen, wer den Blick weiten möchte über den deutschen Tellerrand hinaus, der kommt an dem Museum unweit des Hauptbahnhofs gar nicht vorbei.

Das zeigt schon ein Blick ins gegenwärtige Ausstellungsprogramm. Gezeigt werden zum Beispiel die Nominierten für den Preis der Nationalgalerie, zu denen der Brite Simon Fujiwara, die Kosovarin Flaka Haliti, die Estin Katja Novitskova sowie die Französin (und Preisträgerin) Pauline Curnier Jardin zählen. Zu sehen sind begehbare Installationen, Skulpturen und andere Kunstwerke, die auf ganz unterschiedliche Art die großen Themen der Gegenwart vermessen.

Oder nehmen wir die erst kürzlich eröffnete Schau „Zeit für Fragmente“, die mit Exponaten aus der Sammlung Marx und der Nationalgalerie der Idee nachspürt, dass auch Teile eines Ganzen zu uns sprechen können. Der aus Jordanien stammende, in diesem Jahr für den Turner Prize nominierte Lawrence Abu Hamdan untersucht mit Hilfe von Klanginstallationen unter anderem, wie die menschliche Stimme neu vermessen wird.

Und das ist längst nicht alles. Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum wird bekanntlich derzeit saniert, und einiges aus den Sammlungsbeständen zum 20. Jahrhundert wird in Sonderausstellungen im Hamburger Bahnhof gezeigt, Fotografien von Michael Schmidt etwa oder, unter dem Titel „Die Sammlungen“, Beispiele künstlerischer Strömungen aus den 60er-Jahren. Hinzu kommen noch Werke aus den Sammlungen Marzona, Flick und Marx. Die Aufzählung muss hier unvollständig bleiben. Es ist ein großes Haus, das Gabriele Knapstein leitet.

1985 kaum sie aus Bochum nach Berlin zum Studium

Wir wollen uns, nachdem Fotograf Jörg Krauthöfer am Engelbecken seine Motive eingesammelt hat, deshalb lieber der Frage zuwenden, wie Gabriele Knapstein zu ihrer Aufgabe gekommen ist. Während wir vom Engelbecken zurück in Richtung Oranienplatz schlendern, erzählt sie, wie sie, gebürtige Freiburgerin, 1985 den Studienort wechselte und aus Bochum nach Berlin kam, um hier Kunstgeschichte zu studieren.

Schon vorher hatte sich entschieden, dass sich ihr Fokus in die Richtung zeitgenössischer Kunst entwickeln würde. Im namhaften Museum Folkwang in Essen hatte sie ein halbes Jahr als Assistentin für den Kunsthistoriker und Kurator Zdenek Felix gearbeitet. Mit dieser Erfahrung im Gepäck kam sie ins West-Berlin der Vorwendezeit, wo sie sich bei Dieter Honisch vorstellte, dem damaligen Direktor der Neuen Nationalgalerie – und gleich für das Ausstellungssekretariat einer großen Schau engagiert wurde: „Kunst der Bundesrepublik 1945-1985“ hieß das Projekt.

Gabriele Knapstein kümmerte sich um die Leihgaben aus anderen Häusern, um die damit zusammenhängenden Versicherungsfragen, um die Katalogtexte und ihr Lektorat: kurz, um all die vielfältigen Aufgaben, ohne die Ausstellungen gar nicht zustande kämen. Gabriele Knapstein, damals 22 Jahre alt, sagt im Rückblick: „So entstand früh meine Faszination für die von Brüchen geprägte Geschichte der Institution Nationalgalerie in Berlin.“

Wir stehen jetzt vor einem Gebäude am Erkelenzdamm, Hausnummer 11-13. Das hat mit einem anderen Interesse Gabriele Knapsteins zu tun. Denn hier waren die Projekträume des Instituts Unzeit, wo der Verein Freunde Guter Musik Berlin damals seine Konzerte veranstaltete – und wo Gabriele Knapstein ihre Begeisterung für die zeitgenössische Musik entdeckte.

Steigende Mieten setzen freischaffende Kunstszene unter Druck

Das ist wichtig, weil sich Gabriele Knapstein noch heute für musikalische Programmreihen und Veranstaltungen im musealen Kontext engagiert. Es ist aber auch interessant, weil gerade dieses Gebäude ein Beispiel dafür liefert, wie stark die steigenden Mieten am Berliner Wohnungsmarkt auch die freischaffende Kunstszene unter Druck setzen – die freie Szene mit ihren vielfältigen Projekträumen ist immer schon der kreative Nährboden der Hauptstadt gewesen, auch nach dem Mauerfall.

Das Gebäude am Erkelenzdamm kaufte 2014 ein schwedischer Immobilieninvestor, der es danach teilweise entmietete. Viele Künstler aus dem Haus mussten sich für ihre Ateliers eine neue Bleibe suchten. Es ist die Aufgabe der Berliner Politik, die Rahmenbedingungen auch für die Freie Szene zu erhalten.

Auch Gabriele Knapstein schätzt sie sehr und nutzt ihre Wochenenden regelmäßig, um Projekträume in der Stadt in Augenschein zu nehmen. „Bis heute finde ich“, sagt sie, „dass die Projekträume in Berlin einen unglaublich wichtigen Anteil haben und ja vor allem auch für jüngere Künstler und Künstlerinnen gute erste Auftrittsorte sind“.

Wir sind in Richtung Moritzplatz spaziert und dabei an der Galerie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Oranienstraße 161 vorbeigekommen. Die Galerie ist mehrfach umgezogen, vorher befand sie sich zuerst im Café Einstein an der Kurfürstenstraße, danach an der Zimmerstraße in Mitte.

Knapstein tauscht sich gern mit Künstlern aus

Der Austausch mit Künstlern aus aller Welt ist auch so eine Konstante in Gabriele Knapsteins Leben. Ihr Studium ließ sie zwischendurch immer mal wieder ruhen, um an Museen und Ausstellungsprojekten mitzuarbeiten. Für das Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa), das sich für den internationalen Kulturaustausch stark macht und die traditionsreichste Institution auswärtiger Kulturpolitik in Deutschland ist, war sie von Mitte der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre viel unterwegs: in Budapest, Belgrad, Sofia, Skopje oder Warschau – aber auch in weiter entfernten Weltgegenden wie Japan oder Australien. Erfahrungen, die ihr jetzt bei ihrer Aufgabe im Hamburger Bahnhof natürlich zugute kommen.

Wir spazieren jetzt die Sebastianstraße entlang, es herrscht hier nach der doch ziemlich belebten Gegend rund um den Oranienplatz eine sehr erholsame Ruhe. Die Straße wurde mit dem Bau der Mauer geteilt, die Häuser mit den Nummern 1-3 gehörten zu Ost-Berlin, während die Häuser 81-87 auf der gegenüberliegenden Seite zu West-Berlin gehörten.

Wir nähern uns langsam, nachdem wir die Gewerbehöfe an der Neuen Grünstraße durchquert haben, dem Spreekanal und damit der Museumsinsel. Wir sprechen kurz über das Humboldt Forum und kommen dann auf das nächste Berliner Großprojekt zu sprechen, das zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie entstehen soll, das Museum des 20. Jahrhunderts, das erst durch seine geplante Gestalt, dann durch seine gestiegenen Baukosten zum Stadtgespräch wurde. Sieht sie in einem solchen Haus nicht einen Magneten, der Besucher vom Hamburger Bahnhof abhalten könnte? Und braucht Berlin ein solches Museum überhaupt?

Ja, meint Gabriele Knapstein. Zum einen, weil das Kulturforum dringend ein weiteres Gebäude braucht – und zum anderen, weil das Projekt den Hamburger Bahnhof entlasten kann: „Das Museum wird das Kulturforum städtebaulich entscheidend voranbringen, und die Nationalgalerie – deren Bestände ab den 1960er-Jahren derzeit im Hamburger Bahnhof gezeigt werden – kann dann dort ihre Bestände des 20. Jahrhunderts ausgiebig präsentieren. Denn wenn in der Neuen Nationalgalerie das frühe 20. Jahrhundert gezeigt wurde, dann war das gesamte Untergeschoss belegt.

Für die Bestände der 40er- bis 80er-Jahre war gleichzeitig kein Platz, zum Beispiel für die amerikanische Malerei der 50er- und 60er-Jahre, ein wichtiger Sammlungsschwerpunkt. Das Museum des 20. Jahrhunderts bietet künftig die Möglichkeit, die Sammlungsbestände des gesamten 20. Jahrhunderts dauerhaft – wenn auch nicht ohne Wechsel – zu präsentieren. Bestände aus dem Hamburger Bahnhof, unter anderem die Werke der Sammlung Marx und der frühen Video- und Installationskunst, werden auch dorthin gehen. Wir haben dann wieder mehr Kapazitäten für die Kunst des 21. Jahrhunderts.“

Eine Entlastung für den Hamburger Bahnhof

Der Hamburger Bahnhof kann sich also, mit anderen Worten, wieder stärker der Gegenwart zuwenden. „Es geht uns darum, die Bestände unter immer wieder neuen Perspektiven zu betrachten und zu präsentieren und uns Gedanken darüber zu machen, wie wir in unsere Museumserzählungen und -sammlungen nichtwestliche Kunstgeschichten integrieren könnten“, sagt Gabriele Knapstein. Außerdem werden die Gattungsgrenzen überschreitenden Aktivitäten der Künstlerinnen und Künstler auch künftig für uns von Interesse sein, seien es Projekte in der Reihe ,Musikwerke Bildender Künstler’ oder performative Werke.“

Wir stehen nun am Schinkel-Pavillon unweit der Bauakademie. Auf der anderen Seite des Spreekanals sehen wir die Schlossfreiheit und überlegen kurz, wie das hier später einmal aussehen könnte, wenn auch das Freiheits- und Einheitsdenkmal steht und vielleicht sogar das Flussbad eröffnet ist. Meine Gesprächspartnerin macht aber noch auf etwas anderes aufmerksam, nämlich auf das ebenfalls nur einen Steinwurf entfernte Kronprinzenpalais.

Auch darin, das wissen heute nicht mehr viele, hat sich einmal ein spannendes Museum für Gegenwartskunst befunden, nämlich die Neue Abteilung der Nationalgalerie Berlin, die mit ihrem Direktor Ludwig Justi zwischen 1919 und 1933 moderne Kunst zeigte und sich vor allem dem Expressionismus zuwandte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Ludwig Justi seines Amtes enthoben und in die Kunstbibliothek zwangsversetzt, 1937 diffamierten die Nazis in ihrer Schau „Entartete Kunst“ viele Werke, die zuvor im Kronprinzenpalais noch von vielen bewundert worden waren. Eine traurige Geschichte, die viel vom Kulturverlust erzählt, der mit der NS-Diktatur einherging.

Aber wir wollen den Spaziergang natürlich nicht mit einer traurigen Geschichte ausklingen lassen. Gerade in dieser Gegend gibt es dafür viel zu viel Neues und Aufregendes zu entdecken. Wir stehen vor dem PalaisPopulaire, in dem die Deutsche Bank seit seiner Wiedereröffnung immer wieder spannende Ausstellungen inszeniert, zuletzt etwa über den „Summer of Love“ in Erinnerung an das Woodstock-Festival vor 50 Jahren – oder, mit Beginn dieses Wochenendes, „Das Totale Tanz Theater“, bei dem es um eine moderne Adaption der Tanzinszenierungen des Bauhauses geht. Sie wolle sich noch kurz umschauen im PalaisPopulaire, sagt Gabriele Knapstein, und vielleicht ein bisschen mit den Kollegen plaudern. Wir verabschieden uns freundlich.

Zur Person

Leben Gabriele Knapstein wurde 1963 in Freiburg im Breisgau geboren. Als Nachfolgerin von Eugen Blume, der in den Ruhestand ging, ist sie seit dem 1. September 2016 die Leiterin des Museums für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof in Berlin.

Werdegang Sie studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Freiburg, Bochum und Berlin und promovierte mit einer Dissertation über Werke des amerikanischen Fluxus-Künstlers George Brecht. Für das Institut für Auslandsbeziehungen übernahm sie internationale Tourneebetreuungen. Seit 1999 ist sie für die Konzeption und Realisierung der Konzertreihe „Musikwerke Bildender Künstler“ für den Hamburger Bahnhof und andere Partner mitverantwortlich.

Hamburger Bahnhof Im Hamburger Bahnhof war Gabriele Knapstein zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, später als Ausstellungsleiterin tätig. Auf Empfehlung des Direktors der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, wurde die seit 2003 am Haus tätige Kuratorin